Zölibats-Posse im Vatikan Benedikt-Gate

Jetzt will er's nicht gewesen sein: Papst Emeritus Benedikt XVI. streitet eine Co-Autorenschaft bei einer Streitschrift für den Zölibat ab. Denn das Buch ist eine Attacke gegen Papst Franziskus.
Benedikt XVI. im Jahr 2006 im Vatikan

Benedikt XVI. im Jahr 2006 im Vatikan

Foto: A1809 epa ansa Maurizio Brambatti/ dpa

Joseph Ratzinger ist zurück. Mit einem Beitrag für das Buch "Aus der Tiefe unserer Herzen" betritt der emeritierte Papst Benedikt XVI. wieder die internationale Bühne. Doch das Stück, das gerade aufgeführt wird, gleicht einer Farce.

Der französische "Figaro" veröffentlichte erste Auszüge aus dem Werk, das am 15. Januar beim Verlag Fayard in Frankreich erscheint und als Autoren den Ex-Papst sowie Kardinal Robert Sarah aus Guinea nennt.

Doch schon die wenigen bekannten Zitate sorgten für Furore: Benedikt XVI., der 2013 in einem historischen Akt freiwillig aus dem Amt schied, bricht darin mit seiner versprochenen Zurückhaltung gegenüber seinem Nachfolger Franziskus und betont, er könne nicht dazu schweigen, dass sein Nachfolger plane, verheiratete Männer als Priester zuzulassen.

"Es ist dringend notwendig, dass alle, Bischöfe, Priester und Laien, sich nicht beeindrucken lassen von üblen Plädoyers, Theateraufführungen, teuflischen Lügen und modischen Verirrungen, die den priesterlichen Zölibat entwerten wollen", heißt es in der von beiden Autoren verfassten Schlussfolgerung mit dem Titel "Im Schatten des Kreuzes". Nur auf diese Weise kann laut Ratzinger und Sarah dem Geist der Teilung, der Gleichgültigkeit und des Relativismus Einhalt geboten werden.  

Krieg der Päpste?

Papst Franziskus hatte auf der Amazonassynode im Oktober in Rom den Weg frei gemacht für eine Ausnahmeregelung, die es verheirateten, erprobten Männern in der katholischen Kirche erlauben soll, Priesteraufgaben wahrzunehmen. So will der Pontifex dem akuten Priestermangel in Amazonien entgegenwirken, die Maßnahme könnte aber auch weltweit Anwendung finden.

Ein Schreiben des aktuellen Papstes zu der kniffligen Frage der "Viri probati" (Lateinisch für "bewährte Männer") wird in Kürze erwartet – doch Ratzingers "Buch-Gate", wie es schon jetzt genannt wird, kam dazwischen. Der Zölibat-Text kommt in einem machtpolitisch brisanten Moment. Der Ex-Papst watscht Franziskus' Reformbemühungen ab und befeuert damit konservative Kräfte in der Kurie.

Benedikt und Franziskus: Zwei Päpste Hand in Hand?

Benedikt und Franziskus: Zwei Päpste Hand in Hand?

Foto: DPA/ Osservatore Romano

"Benedikt gegen Franziskus", "Krieg der Päpste" und "Giftpfeile aus dem eigenen Hinterhof", titelten deutsche Zeitungen aufgeregt. Der emeritierte Ratzinger treibe eine Kirchenspaltung voran, indem er Franziskus in den Rücken falle, so der Tenor.

Wusste Benedikt nichts von der Publikation?

Jetzt hält Ratzinger dagegen: Er schickte seinen Privatsekretär Georg Gänswein vor, der erklärte, Benedikt XVI. sei mitnichten Co-Autor des umstrittenen Buches. Der Emeritus sei auch nicht darüber aufgeklärt worden, dass sein Name auf dem Cover zu sehen sein werde. Gänswein erklärte, man habe den Verlag aufgefordert, den Autorennamen zu entfernen.

Der Vorstoß wirft Fragen auf: Wie ist es möglich, dass Benedikt nichts von der Publikation wusste? Der Verlag Fayard äußerte sich auf Anfrage des SPIEGEL bisher nicht zu dem Sachverhalt. Im Vorwort des Herausgebers zum Buch heißt es noch, der emeritierte Papst habe mit Sarah zusammenarbeiten wollen, "weil die beiden Männer enge Freunde sind". Zwei der Texte seien von beiden gemeinsam verfasst worden. Ratzingers Kapitel "Das Priesteramt" ist theologisch und exegetisch angelegt, seine Definition des Zölibats ist hier vor allem transzendenter Natur.

Doch welchen Unterschied macht es letztlich, ob Benedikt auf dem Umschlag als Co-Autor genannt wird? Das umstrittene Schlusskapitel zum Zölibat hat er mitverfasst. Sein formaler Rückzieher verschlimmert das PR-Desaster eher, als dass es Franziskus aus der Schusslinie seiner zahlreichen kircheninternen Gegner nähme.

Kardinal Sarah geht in die Offensive

Kardinal Sarah zeigte sich in seiner Stellungnahme zum päpstlichen "Buch-Gate" empört über Diffamierungen und Unterstellungen, er könne gelogen haben. Er postete Briefe von Ratzinger, um seine hehren Absichten zu untermauern:

·         Der Kardinal schrieb auf Twitter, er habe den emeritierten Papst im September um seine Mitarbeit gebeten, und schon damals auf die Polemik hingewiesen, die ein Artikel über den Zölibat in den Medien hervorrufen könne.

·         Am 12. Oktober, also noch während der Amazonassynode in Rom, habe Ratzinger ihm ein langes Stück zum Zölibat zukommen lassen. Er habe vorgeschlagen, dieses in einem Buch zu veröffentlichen.

·         Am 19. November habe er dem emeritierten Papst ein komplettes Manuskript des Buches zukommen lassen, einschließlich des Ratzinger-Textes sowie seiner eigenen Beiträge.

·         Am 25. November 2019 habe Benedikt XVI. schriftlich sein Einverständnis zur Veröffentlichung seines Beitrags gegeben, "in der Form, die Sie angekündigt haben", zitiert Sarah.

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Was ist dran am Konflikt zwischen den "zwei Päpsten", die doch gerade im gleichnamigen Kammerspiel - zwar unterschiedlicher Meinung, aber in Altersmilde vereint – die Netflix-Zuschauer rührten?

Joseph Ratzinger ist 92 Jahre alt. Eine Dokumentation des Bayerischen Rundfunks  zeigt, dass der Emeritus geistig zwar noch rege, aber körperlich geschwächt und kaum noch in der Lage ist, zu sprechen. "Früher hatte ich ein großes Mundwerk, jetzt funktioniert es nicht mehr", sagt er mit brüchiger Stimme in dem Film.

Dass der Papst sich in dem neuen Buch gegen eine Lockerung des Zölibats ausspricht, verwundert nicht im Geringsten. Das hat er sein Leben lang immer wieder getan. Auch wenn der junge Ratzinger am Anfang seiner Karriere am Pflichtzölibat zweifelte, später blieb er seiner konservativen Linie treu. Es gibt in der Geschichte nur wenige Beispiele für große Männer, die mit fortschreitender Gliederstarre plötzlich geschmeidigere Ideen entwickelt hätten. Das Alter schafft mehr reaktionäre als liberale Geister. Ratzinger bildet da offenbar keine Ausnahme.

Er war immer ein Mann des Wortes, der professorale Theologe, der etliche Bücher geschrieben hat. Schon kurz nach Bekanntwerden der ersten Auszüge vermuteten Kritiker, dass der Autor Kardinal Robert Sarah aus Guinea große Teile des umstrittenen neuen Werkes geschrieben und die Fama des ehemaligen Papstes genutzt habe, um sich für zukünftige Aufgaben als Konservativer zu profilieren. Dennoch scheint es zumindest unwahrscheinlich, dass Ratzinger den sensiblen Zeitpunkt seines Zölibats-Zurufs aus dem Off rein zufällig gewählt hat.

Für viele deutsche Katholiken ist die Intervention Benedikts besonders ärgerlich. Denn ausgerechnet in der Heimat des "deutschen Papstes" ist der innerkirchliche Reformprozess vergleichsweise weit gediehen. Anfang Dezember wurde der Reformprozess, der sogenannte Synodale Weg offiziell in Gang gesetzt, der sich unter anderem auch mit dem Zölibat auseinandersetzen soll.