SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. Februar 2012, 06:33 Uhr

"VatiLeaks"

Enthüllungen vom Heiligen Stuhl

Von , Rom

Hinter den mächtigen Mauern des Vatikanstaates tobt ein Machtkampf: Mit immer neuen Indiskretionen bekriegen sich Reformer und Traditionalisten, landsmannschaftliche Seilschaften und ehrgeizige Kirchenmänner - auch mit Blick auf die Nachfolge von Benedikt XVI.

Die jüngste "VatiLeaks"-Post rückt eine Kircheninstitution ins Licht der Öffentlichkeit, die eigentlich lieber im Dunkeln arbeitet. IOR heißt sie, Istituto per le Opere di Religione, auf Deutsch: Institut für die religiösen Werke. Tatsächlich ist sie freilich weniger für den reinen Glauben als für eine volle Kasse zuständig.

Es ist die vatikaneigene Bank, ein Geldhaus der ganz besonderen Art: einerseits die Girozentrale für die katholische Welt, mit Einlagen der Orden, Stiftungen und Diözesen aus allen Kontinenten, zum andern ein nahezu unkontrolliertes Finanzhaus, das nicht nur den Papst und sein Gefolge wirtschaftlich absichert, sondern auch dessen politische Ambitionen finanzieren soll. Die heimliche Unterstützung der Solidarnosc-Bewegung in Polen, so heißt es, sei über das IOR gelaufen. Ende der siebziger Jahre war das religiöse Institut sogar in Mafia-Geschäfte verwickelt und einer der Vatikan-Banker endete 1982 erhängt unter einer Londoner Brücke.

Geldwäsche im Steuerparadies Vatikan?

Im Herbst 2010 bahnte sich ein neuer IOR-Skandal an. Die italienische Finanzpolizei beschlagnahmte 23 Millionen Euro von einem Konto der Vatikanbank und leitete Ermittlungen gegen deren Chefs wegen des Verdachts auf Geldwäsche ein. Inzwischen ist sogar von 180 Millionen Euro die Rede, die via Vatikan gewaschen worden sein sollen. Der Papst kündigte schärfere Bankgesetze an und versprach volle Kooperation mit den weltlichen Behörden. Die stellten im Gegenzug die Ermittlungen erst einmal ein.

Tatsächlich war der bekundete Aufklärungswille im Kirchenstaat aber wohl doch nicht so ausgeprägt. Denn Kardinal Attilio Nicora, 74, Präsident des Verwaltungsrates der erst Anfang vorigen Jahres geschaffenen vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde, klagt in einem Brief, mit den neuen Regeln "gehen wir einen Schritt zurück und bleiben ein Steuerparadies". Das Schreiben war an den Bankchef und an das Staatssekretariat gerichtet, landete nun aber mit weiteren Dokumenten auf geheimnisvolle Weise bei der linken Tageszeitung "Il Fatto Quotidiano" (frei übersetzt: "Die tägliche Geschichte").

Die Nerven liegen blank

Es ist ein neuer Schlag von "VatiLeaks". Seit Wochen werden die italienischen Medien mit Enthüllungen über interne Vatikan-Machenschaften gefüttert. Und die Obrigkeit des Kirchenstaates ist macht- und ratlos. Die mächtigen Mauern des klerikalen Zwergstaates waren bislang meist dicht und schwer durchdringlich. Aber nun geht es den Kirchenfürsten wie den weltlichen Regenten von Bagdad bis Washington - in den Zeiten von Facebook und YouTube werden Staatsgeheimnisse immer unsicherer. "Wir müssen gute Nerven haben", macht sich Papstsprecher Federico Lombardi selbst Mut. Tatsächlich aber liegen die Nerven blank im kleinsten Staat der Welt.

Erst wurde publik, dass ein Erzbischof, der gegen Misswirtschaft und Korruption im Vatikan gekämpft hatte, gegen dessen Widerstand nach Washington versetzt wurde. Dann kamen erste Dokumente über die Machenschaften der Vatikanbank IOR ans Licht, denen laufend neue folgen. Ende voriger Woche durfte die Öffentlichkeit dann ein streng vertrauliches Schreiben mitlesen, das von einer Verschwörung gegen den Papst berichtet. Der Erzbischof von Palermo, so stand es dort, habe während einer China-Reise über ein bevorstehendes Attentat auf den Papst gesprochen. Spätestens im November dieses Jahres sei Benedikt XVI. tot. Der Erzbischof stritt alles ab, Papstsprecher Lombardi sprach von "Wahnvorstellungen, die niemand ernst nehmen kann". "Die amerikanischen Behörden haben WikiLeaks und der Vatikan hat VatiLeaks", sagte Lombardi im Papstsender Radio Vatikan, "Dokumente, die durchsickern, die Durcheinander und Befremden verursachen".

Zudem sorgten sie dafür, "dass der Vatikan, die Führung der Kirche und die Kirche selbst in schlechtem Licht dastehen". Im Klartext meint er: Hier sind Nestbeschmutzer am Werk. Aber was tun gegen die? "Beten", riet der Papst auf seiner Generalaudienz am Mittwoch. "Beten auch für die, die uns Unrecht tun, die uns geschadet haben". Tatsächlich machen seine Leute allerdings genau das Gegenteil: Die päpstliche Gendarmerie versucht mit intensivster Recherche, diejenigen zu finden, die die Dokumente in die Öffentlichkeit lanciert haben. Viele Büros sind schon durchsucht worden. Jeder, der die betreffenden Papiere in der Hand hatte oder hätte haben können, ist ausgemacht. Das Netz zieht sich zu, heißt es. Seien die Schuldigen gefunden, werde man über arbeitsrechtliche Schritte ebenso nachdenken wie über Strafanzeigen, etwa wegen Verletzung von Betriebsgeheimnissen oder wegen übler Nachrede. Von Beten ist da keine Rede mehr.

Das gar nicht so heilige Ländle

Doch auch wenn die Agenten der Papstpolizei den einen oder anderen "VatiLeaks"-Enthüller fassen, das chaotische Durch- und Gegeneinander im gar nicht so heiligen Ländle mitten in Rom klärt es nicht. Seilschaften - Anhänger mächtiger Kurienkardinäle oder landsmannschaftliche verbundene Kirchentruppen - beharken sich seit langem, Reformer stehen gegen Traditionalisten, und weder Papst Benedikt XVI. noch sein Staatssekretär Tarcisio Bertone haben den Laden im Griff. Klar ist nicht einmal, ob die beiden Top-Leute mit- oder gegeneinander kämpfen. "Das wechselt", sagt ein Insider. Es gehe bei den vatikaninternen Streitereien, sagen Vatikanologen, längst nicht mehr nur um konkrete Entscheidungen im Einzelfall. Dahinter würden schon die Truppen für die nächste Papstwahl gesammelt.

Und dabei geht es auch um eine Richtungsentscheidung: Öffnen oder einmauern, modernisieren oder konservieren? Soll die Kirche problematische Fragen wie den Zölibat oder die Stellung von Frauen in der Kirchen offensiv angehen oder lieber ruhen lassen? Soll sie heutzutage schwer Verdauliches aus dem Glaubenskanon eliminieren, um wieder attraktiver für die Menschen zu werden? Oder soll sie - wie es der Kardinal Joseph Ratzinger immer gefordert hatte, ehe er Papst Benedikt XVI. wurde - die Glaubenstiefe nicht verflachen lassen?

Nicht zuletzt sind Glaubens- und Sachfragen im Vatikan immer auch Personalfragen: Denn der Papst ist der unumschränkte Herrscher der letzten absoluten Herrschaft Europas. Der sanfte Hirte weicht vor den Wölfen nicht zurück. So muss hinter den heftigen Kämpfen im Kirchenstaat wohl auch die Erwartung stehen, dass der aktuelle Regent nicht so lange regieren werde wie sein Vorgänger.

An ein Mordkomplott glaubt tatsächlich zwar kaum jemand, von einer schweren Krankheit ist bis jetzt nichts bekannt, aber von der Lust- und Kraftlosigkeit des Papstes ist häufig zu hören. Der sei ein Wissenschaftler, ein Mann des Geistes, nicht der Macht, sagen Insider. Die zahlreichen Audienzen, Auftritte, Besuche - jetzt im März muss er nach Mexiko und Kuba - machten ihn müde und schwach. Aber nein, dementiert die Vatikan-Zeitung "Osservatore Romano" solche Mutmaßungen, "dieser sanfte Hirte weicht vor den Wölfen nicht zurück".

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung