Venezuela Kriminell aus Hunger

Sie hungern, rauben Geschäfte aus, treten in Banden ein oder durchsuchen den Müll nach Essbarem: Der Fotograf Ignacio Marin hält die Auswirkungen der Lebensmittelknappheit auf die Einwohner Venezuelas fest.

Ignacio Marin/ Parallelozero/ INSTITUTE

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Im vergangenen Jahr war Ignacio Marin als Kameramann für eine Dokumentation in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Während des Drehs sprach er mit einigen der Protagonisten, die ihm von Freunden und Verwandten erzählten, die im Gefängnis sitzen oder tot sind: Sie hatten Straftaten begangen - aus Hunger.

"Zuerst dachte ich, es seien Einzelfälle, aber immer mehr Menschen berichteten mir von ähnlichen Situationen, und da wurde mir klar, dass ich diese Geschichte erzählen muss", sagt Marin. Ab Mai 2018 war er mehrmals in dem Land, um die aktuelle Wirtschaftskrise fotografisch zu dokumentieren und den Zusammenhang zwischen Hunger und Kriminalität aufzuzeigen.

Bis Ende 2020 könnten laut einem Bericht der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zwischen 7,5 und 8,2 Millionen Venezolaner aus ihrer Heimat geflohen sein. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR hat die Zahl der Flüchtlinge und Migranten im Juni dieses Jahres die Vier-Millionen-Grenze erreicht.

Die meiste Zeit arbeitete Fotograf Marin mit einem lokalen Journalisten zusammen, der über ein großes Netzwerk an Kontakten verfügt. Aber auch NGOs und Bekannte unterstützen ihn bei seinem Vorhaben.

Mit den Männern und Frauen, die er fotografieren wollte, sprach er sehr lange und erläuterte ihnen sein Konzept: "Das Fotografieren nahm nur rund 20 Prozent der Arbeit ein, die restliche Zeit habe ich mit den Leuten Kaffee getrunken", sagt er.

Manchmal wollten die Einwohner sich nicht fotografieren lassen, weil sie Angst hatten, erkannt zu werden. Andere dachten, Marin biete ihnen eine gute Plattform, um ihre Geschichte zu verbreiten und Gerechtigkeit zu erfahren.

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Das passiert aus Hunger: Fotoserie aus Venezuela

Viele Menschen erzählten ihm, dass sie zwar einen regulären Job haben, sich aber trotzdem der Kriminalität zuwandten, weil sie es sich schlicht nicht leisten konnten, ihre Familie zu ernähren. Marin wollte die schrecklichen Folgen der Verbrechen, die durch Hunger ausgelöst wurden aufzeigen: Er fotografierte Menschen, die wegen ihrer Straftaten nun im Gefängnis sitzen oder einen Mann, der bei einem Raub aus Hunger ermordet wurde.

Marin suchte aber auch nach Szenen des alltäglichen Lebens in Venezuela, die die große Not verdeutlichen: Menschen, die vor Supermärkten Schlange stehen, leere Kühlschränke, Kinder, die im Müll nach Essbarem suchen.

Am meisten schockierte Marin sein Besuch auf einer Polizeiwache. Als er zu den Zellen ging, war dort kaum Licht vorhanden, so dass die Gefangenen dachten, sie würden Wasser oder Essen bekommen - und streckten ihre Arme durch die Gitter. "Es waren Dutzende Menschen, ein Raum ohne Fenster. Die Hitze, der Geruch und die Feuchtigkeit waren nur schwer zu ertragen."

Seit seinem ersten Besuch in Venezuela veränderte sich einiges an der Situation der Menschen, so Marin. Beispielsweise fielen ihm im Mai 2018 die langen Warteschlangen auf, die die Menschen bildeten, um Lebensmittel zu kaufen. Als er Anfang dieses Jahres zurückkehrte, fand er diese nicht mehr vor, weil die Preise so gestiegen sind, dass die Waren für viele unerschwinglich wurden.

Marin will weiterhin die Schicksale der Venezolaner dokumentieren. Er ist deshalb derzeit wieder in Caracas, um auch die weitere Entwicklung im Land mit der Kamera festzuhalten



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