Staatskrise in Venezuela "Beim Eis endet die Revolution"

Hotdog, Lachs oder Tomate: Eine Eisdiele in Venezuela hat knapp 900 Sorten auf der Karte. Eine Herausforderung in einem Land, das unter Mangelwirtschaft und Ausschreitungen leidet.

DPA

Manuel da Silva Oliveira hat 870 Sorten Eis auf der Karte, der Aushang in seinem Lokal nimmt eine ganze Wand ein: Hotdog-Eis, Miss-Venezuela-Eis oder Reis mit Hühnchen, die neueste Kreation. Es geht auch weniger fleischlastig: Feige, Mokka, Lachs, Tomate. Und romantisch: "Amor de mi Vida" - "Liebe meines Lebens", "Corazón mio" - "mein Herz" und "Noche de Bodas" - "Hochzeitsnacht".

Oliveiras Eisdiele, die es 1996 mit "nur" 593 Sorten ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte, liegt nicht in einem Hamburger Szeneviertel oder einem US-Vergnügungspark - sondern in Mérida in Venezuela. Sie behauptet sich in einem Land, das gerade im Chaos versinkt. Auch in der Andenstadt mit der Eisdiele starben vor Kurzem junge Demonstranten bei Protesten gegen die drohende Diktatur, gegen die Misswirtschaft unter Präsident Nicolás Maduro.

Die Staatskrise trifft auch Eisdielenchef Oliveira: Milch und Zucker seien kaum noch zu bekommen. "Ich bin ein Erfinder", erzählt der 86-Jährige. Trotzdem steckt hinter dem Versprechen von 870 Sorten auch Marketing. Nur ein Bruchteil ist, im Rotationsverfahren, zeitgleich erhältlich. Meist gibt es täglich 50 Sorten in der Auslage.

Beim Hotdog-Eis wird alles klein geschnitten, auch Pommes und Ketchup, es wird verrührt und unter Zugabe von Milch gefroren. Als das Geschäft wegen des Milchmangels mal für ein paar Wochen schließen musste, war das ein Politikum. "Selbst beim Eis endet die Revolution", twitterte ein Eis-Fan.

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870 Sorten in Eisdiele: Hotdog, Lachs, Tomate

Venezuela hat die größten Ölreserven der Welt, das Land war das reichste in Südamerika. Nach 18 Jahren Sozialismus gleicht es unter Präsident Maduro aber einem Pulverfass. Wegen der weltweit höchsten Inflationsrate können Importe kaum noch bezahlt werden. Es fehlt Mehl für Brot, auch Milch ist ein Luxusgut. Lange Schlangen vor oft leeren Supermärkten sind Alltag.

Oliveiras Lieblingseis ist "Mais mit Käse." Zwei große Kugeln kosten 3300 Bolivares, rund 70 Cent, aber die Inflation macht das für viele unerschwinglich. Ob er da nicht verzweifele? "Nein", sagt der 1953 aus Portugal eingewanderte Mann. "Ich habe den Zweiten Weltkrieg überlebt."

Georg Ismar, dpa/apr



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