Venezuela Wo Frauen ihre Haare verkaufen, um über die Runden zu kommen

In Venezuela fehlt es am Nötigsten: Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs. In armen Vierteln verkaufen Frauen deshalb ihre Haare.

Natacha Pisarenko/ AP

Valery Díaz bedeckt ihre Augen und hält den Atem an. Dann wirft sie einen Blick in den Spiegel im Friseursalon - und sieht sich ohne einen Großteil ihrer langen schwarzen Haare, die kurz zuvor noch ihr Gesicht umrahmten. Die 16 Jahre alte Schülerin hat 100 US-Dollar für ihre Haare bekommen: Geld, mit dem sie ihrer Familie helfen und ein Handy kaufen will.

Diese Szene schildert AP-Reporterin Fabiola Sanchez aus Venezuela. Das lateinamerikanische Land befindet sich in einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise, die das Gesundheitssystem, die Nahrungsmittelversorgung und die Stromzufuhr an den Rand des Kollapses geführt hat. Hyperinflation hat die Löhne fast wertlos gemacht.

Einige Frauen waschen ihre Haare mit Spülmittel, weil sie sich kein Shampoo mehr leisten können. Das kostet inzwischen mehr als der monatliche Mindestlohn. Aus Mangel an Devisen kann das einst reiche Land kaum noch Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs einführen. Viele Menschen hungern, in den Krankenhäusern sterben Kinder. Mehr als drei Millionen Venezolaner haben ihre Heimat in den vergangenen Jahren bereits verlassen.

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Venezuela: US-Dollar für Haare

Um über die Runden zu kommen, verkaufen manche Frauen ihre Haare für Perücken und Extensions. So wie Valery Díaz. Stumm starrt die Schülerin in den Spiegel - und versucht dem Verlust ihrer Haare etwas Positives abzugewinnen. Sie fühle sich leicht, sagt die 16-Jährige. Zudem sei es zuletzt schwierig gewesen, die langen Haare zu pflegen.

"Manchmal kann man sich zwei oder drei Wochen lang die Haare nicht waschen", sagt Díaz. Grund sei der häufige Wassermangel der vergangenen Wochen - ausgelöst durch landesweite Stromausfälle, die zu einem Abschalten von Wasserpumpen führten.

"Du merkst das gar nicht"

Ihre Mutter Yeny Gómez versucht, ihre Tochter zu stärken. "Du merkst das gar nicht", sagt die 43 Jahre alte Lehrerin über den drastischen Haarschnitt. Sie selbst habe seit über einem Jahr keinen Lippenstift oder andere Kosmetika gekauft, weil sie Geld spare, wo sie nur könne - für Lebensmittel. Die Schönheitspflege sei für die meisten Venezolaner zweitrangig geworden.

Carmen Merchani, eine 49-jährige Friseurin, kennt das nur zu gut. Die Lage sei nie schlechter gewesen, sagt sie nach Jahrzehnten in ihrem Job. Sie müsse sich anpassen, um ihren Salon in einem der steilen Hügel von Catia, einem Viertel der Hauptstadt Caracas, zu erhalten. Vor etwa einem Jahr, sagte Merchani, habe sie begonnen, Tauschgeschäfte mit ihren Kunden abzuschließen: Nahrungsmittel gegen Haarstyling, Maniküre, Pediküre.

Internationale Kosmetikmarken sind aus den Regalen der lokalen Geschäfte verschwunden und durch billigere Waren aus China sowie vor Ort hergestellte Produkte mit Honig und anderen Zutaten ersetzt worden.

Valery Díaz sagt, sie träume immer noch davon, eines Tages Miss Venezuela zu werden, wenn "meine Haare wieder wachsen".

wit/AP



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