Kindersklaven in der Schweiz "Du bist nichts"

Bis in die Siebzigerjahre ließ die Schweiz Kindersklaverei zu, Tausende "Verdingkinder" waren roher Gewalt ausgesetzt. Nun sollen die Überlebenden entschädigt werden - für viele kommt das zu spät.

Jungen aus der Erziehungsanstalt Sonnenberg
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Jungen aus der Erziehungsanstalt Sonnenberg

Eine Multimedia-Story von , Uetendorf und Mümliswil (Schweiz)


Manchmal, wenn er allein zu Hause ist, räumt Fred auf. Dann reißt er alle Schubladen aus den Schränken, leert sämtliche Regale und richtet ein gigantisches Chaos in seinem Häuschen im schweizerischen Uetendorf an - um dann alles feinsäuberlich wieder einzuräumen. Sortiert, gefaltet, gestapelt. "Ich will Ordnung in meinem Kopf schaffen, kann es aber nur hier im Haus", sagt Fred und wischt eine Träne aus dem Augenwinkel.

Fred heißt eigentlich Alfred Ryter und wird in ein paar Jahren 80. Aber er lässt sich von Fremden lieber duzen, wenn es um seine Kindheit geht. Noch näher kann man ihm ja nicht kommen; intimere, privatere, brutalere Details aus seinem Leben gibt es nicht.

An diesem Septembertag sitzt der Pensionär, ein bärtiger Hüne mit braungebrannter Haut und weißem Haar, am Wohnzimmertisch und erzählt aus seiner Zeit als Verdingbub, so hießen Pflegekinder wie er damals. Es sind Geschichten von Missbrauch und Gewalt, von Hunger und Krankheit, von Lieblosigkeit und schierer Verachtung.

Die Geschichte von Alfred Ryter ist kein grausamer Einzelfall, es ist die Geschichte ganzer Generationen in der Schweiz. Zehntausende Kinder erlebten bis in die Achtzigerjahre hinein Willkür und Gewalt in "fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen": bei Pflegeeltern oder in Erziehungsanstalten, als Kleinkinder oder Teenager, zwei Jahrhunderte lang. Mit am heftigsten betroffen waren Verdingkinder, der Staat überließ sie Pflegeltern. So wie 1948 den siebeneinhalbjährigen Fred.

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Lediglich ein paar Monate brauchte es, um das Leben des Jungen zu ruinieren. Der heute 76-Jährige atmet schwer, wenn er von dieser Zeit auf dem Bauernhof in seiner Heimatstadt Frutigen berichtet. Von Schlägen auf seinen blutenden Rücken. Von der schweren Arbeit morgens um fünf im Stall. Von den bitterkalten Nächten im Abstellraum. Von Schweinefutter als Essensersatz. Und von diesem einen Satz, den seine Pflegemutter ihm immer wieder entgegengeschleudert habe.

"Du kannst nichts, du willst nichts, du bist nichts."

Obwohl er seit Langem monatlich zum Psychiater geht, spricht Ryter erst seit wenigen Jahren so freimütig über jene acht Jahre, in denen er bei drei verschiedenen Bauernfamilien lebte. Und auch in der Öffentlichkeit ist dieses düstere Kapitel der Schweizer Geschichte noch nicht lange Gesprächsstoff. Es war die sogenannte Wiedergutmachungsinitiative, eine Kampagne des Bauunternehmers Guido Fluri, die den staatlich tolerierten Kindesmissbrauch seit 2014 landesweit zum Diskussionsthema machte. Und zum Politikum.

Noch vor wenigen Jahrzehnten kam es in der Schweiz zu staatlich legitimierter Gewalt gegen Heranwachsende. Die gewaltigen Dimensionen dieser Unrechtsgeschichte haben inzwischen diverse Studien zutage gefördert.

Bis weit ins 20. Jahrhundert ließen Schweizer Behörden Heranwachsende auf Dorfplätzen versteigern. Wer für deren Versorgung am wenigsten vom Staat forderte, bekam den Zuschlag. Und nicht nur Kinder wurden Opfer von Zwangsarbeit, Vergewaltigungen und Essensentzug, der Staat griff auch tief ins Leben angeblich überforderter Familien ein: Mütter wurden zwangssterilisiert, Ungeborene zwangsabgetrieben, Kleinkinder zwangsadoptiert. Selbst Jugendliche landeten in geschlossenen Anstalten - ohne Gerichtsurteil, bis 1981.

Verlässliche Zahlen über das genaue Ausmaß dieser rigiden Sozialpolitik gibt es nicht. Von früheren Verdingkindern wie Alfred Ryter sollen nach offiziellen Schätzungen noch bis zu 15.000 leben. Die Wiedergutmachungsinitiative geht von etwa 20.000 lebenden Opfern aus - und insgesamt von Hunderttausenden Betroffenen allein im 20. Jahrhundert. Studien belegen, dass etliche Behörden, Kirchen und private Organisationen am Verdingsystem beteiligt waren.

Der Mann, der die Aufarbeitung ins Rollen gebracht hat, besucht an diesem Herbsttag seine eigene Vergangenheit. Guido Fluri, ein drahtiger 50-Jähriger mit perfekt sitzendem Anzug und Dreitagebart, steht in einem karg eingerichteten Kinderzimmer und blickt durchs Fenster auf das davorliegende Bergidyll. In einem dieser Zimmer lebte auch er einst, als der gelbverklinkerte Bau noch das Kinderheim von Mümliswil war - und Fluri einer der letzten dort untergebrachten Knaben.

Fluris Vater war ein verheirateter Mann, der mit einer 17-Jährigen eine Affäre hatte: Fluris Mutter. "Wir unehelichen Kinder waren versündigt", sagt er. "Du bist nichts und Du wirst nichts - das spürte man immer wieder." Nach seiner Geburt sei seine Mutter an Schizophrenie erkrankt, er selbst habe immer wieder den Wohnort gewechselt. An Orten wie dem Heim in Mümliswil habe er das Gefühl verinnerlicht, nicht gleichberechtigt zu sein.

Guido Fluri vor dem früheren Kinderheim Mümliswil
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Guido Fluri vor dem früheren Kinderheim Mümliswil

Vor drei Jahren kaufte Fluri das Gebäude und funktionierte es zum Museum um. Was genau er als Junge aus bitterarmen Verhältnissen dort damals erlebte, möchte er nicht erzählen. "Ich habe nicht nur gute Erinnerungen", sagt er mit bittersüßem Unterton.

Die von ihm gegründete Nationale Gedenkstätte in Mümliswil ist exemplarisch für Fluris bemerkenswertes Lebenswerk. Das Heimkind arbeitete sich mit Glück und Geschick zum Multimillionär hoch, heute fließt ein Großteil seiner Gewinne in die nach ihm benannte Stiftung. Die engagiert sich seit Jahren für die Aufarbeitung der Verdingkinder-Geschichte, finanziert Hilfsprojekte - und die Wiedergutmachungsinitiative.

Vor allem deren Erfolg ist beachtlich. Im Jahr 2014 brachte die Kampagne in nur acht Monaten 110.000 Unterschriften zusammen, um das Volk über Fluris Vorschlag abstimmen zu lassen: Eine halbe Milliarde Franken soll die Schweiz demnach an noch lebende Heim- und Verdingkinder zahlen. Entschädigung oder Schmerzensgeld will Fluri das nicht nennen, er spricht von "Anerkennung". Ihm gehe es um die Geste des Staates, sagt er, für viele verarmte Betroffene seien 25.000 Franken aber auch eine wirkliche Hilfe. "Ich möchte", sagt Fluri, "dass es anderen Menschen, die Ähnliches erlebt haben, besser geht."

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Die Regierung hat auf Fluris Initiative mit einem Gegenvorschlag reagiert, den an diesem Freitag - nach monatelangen Debatten - wohl auch das Parlament endgültig annimmt: Lediglich 300 statt der geforderten 500 Millionen Franken sollen in die Wiedergutmachung fließen, dafür aber so schnell wie möglich. Die Umsetzung der Fluri-Initiative würde noch Jahre dauern, in denen viele Betroffene sterben würden. Wenn die Wiedergutmachungsinitiatve den Regierungsvorschlag hingegen akzeptiert, erhält jeder Betroffene bis zu 25.000 Franken, pauschal und vergleichsweise schnell.

Doch für viele käme selbst das zu spät. Die Suizidrate unter ehemaligen Verdingkindern soll enorm hoch sein, nur ein Bruchteil der Opfer lebt noch, von denen die meisten hochbetagt sind und unter den Spätfolgen leiden: psychische und physische Krankheiten, ruinierte Ehen und Familien. Kann Geld solchen Menschen noch helfen?

Alfred Ryter schüttelt erst den Kopf und dann das Döschen mit den weißen Pillen, das vor ihm auf dem Tisch liegt. 13 Mal pro Tag nimmt er Antidepressiva, insgesamt schluckt er täglich 20 Tabletten gegen diverse Krankheiten. Die schwere Arbeit als Kind ruinierte seinen Rücken, die Mangelernährung seine Knochen, das Tierfutter seinen Magen, die jahrelange Angst seine Blase - er war noch als junger Mann Bettnässer.

"Was soll ich mit 25.000 Franken?", ruft er aus, "und was bringt mir die Entschuldigung einer Politikerin?" Natürlich begrüße er solche Gesten als Zeichen an nachfolgende Generationen, für ihn jedoch sei es zu spät. Seit 18 Jahren sei er Invalide. Seine Brüder Hans und Rudolf, die ebenfalls Verdingbuben waren, nahmen sich mit Anfang 20 das Leben.

Alfred Ryter hat sich durchgekämpft. Die Erinnerungen erdrückten ihn nicht, einmal jedoch unterschätzte er ihre Macht. Vor 20 Jahren entschied er sich, zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder den Ort seiner Qualen zu besuchen. "Überleg's dir gut", sagte seine Frau noch, aber er hatte seine Entscheidung bereits gefällt. An einem Sonntag fuhren sie nach Frutigen, sie besichtigten das umgebaute Haus seiner verstorbenen Pflegeeltern, Ryter schien zurechtzukommen. Doch zwei Tage später erlitt er einen Nervenzusammenbruch und kam in eine Psychiatrie.

Ryter hat aus diesen Erfahrungen gelernt, heute bezeichnet er seinen Trip in die Vergangenheit als großen Fehler. Zwar erzählt er inzwischen regelmäßig vor Schulklassen und Vereinen aus seiner Jugend. Aber manche Erinnerungen seien dermaßen fürchterlich, dass er nichts darüber sagen könne. Wieder wischt er sich Tränen aus dem Gesicht, ruft seine Frau Ruth und drückt ihr einen beidseitig beschriebenen Zettel in die Hand. Sie soll das Unaussprechliche aussprechen:

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Inzwischen ist es auch in der Schweizer Politik Konsens, dass die tausendfache Gewalt gegen Kinder aufgearbeitet werden muss. Fast alle Parteien befürworten die geplanten Entschädigungszahlungen. Dabei hatten vor allem Bauernvertreter und die populistische SVP lange behauptet, das Leben sei früher halt etwas rauer gewesen. Man solle die Vergangenheit doch bitte ruhen lassen.

Für Menschen wie Alfred Ryter klingen solche Argumente wie Hohn. "Die letzten Jahre waren die härteste Zeit meines Lebens", sagt er. Als Kind blendete er die Schläge und den Hunger aus, sagt er, lebte wie in Hypnose. Doch seit den Neunzigerjahren habe ihn das Trauma der Kindheit eingeholt und seinen Alltag erobert, immer wieder: "Ich habe tagelang geweint, konnte nicht sprechen, habe mich im Dunkeln eingekerkert."

Inzwischen hat Ryter sich wieder gefangen - alles nur dank seiner Frau, wie er sagt. Sie half ihm, nach der Rekrutenausbildung beim Militär seine Schulbildung in der Freizeit nachzuholen, gab ihm jahrelang Nachhilfe und Nachsicht. So kämpfte sich ihr Mann ins Leben zurück, wurde trotz Depressionen Speditionsfachmann und Familienvater, erforschte in seiner Freizeit heimische Schlangen oder ging mit seiner Frau in den Bergen klettern.

Dabei erfuhr selbst Ruth Ryter erst spät, warum der Fred schon als junger Mann unter körperlichen Gebrechen und psychischen Problemen litt: Jahrzehntelang habe er sie immer wieder für Wochen oder Monate nicht berühren können - "ich habe das nie meiner Jugend zugeschrieben". Mit Anfang fünfzig habe er seine Erlebnisse als Verdingbub dann erstmals aufgeschrieben, und erst dann habe er auch seiner Ruth davon erzählen können. Er sagt: "Jede andere Frau hätte mich schon längst verlassen." Sie sagt nichts und lächelt.

Im kommenden Jahr feiern die Ryters Goldene Hochzeit, pünktlich zum Fest wird der Staat wohl ein paar Tausend Franken überweisen, als Entschuldigung. Mit 70 Jahren Verspätung.



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