Felix Bohr

Verena Bahlsens Äußerungen über NS-Zwangsarbeiter Braune Kekse

Firmenerbin Verena Bahlsen behauptet, NS-Zwangsarbeiter seien im Unternehmen "gut behandelt" worden. Die Firma habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Solche Worte zeugen von völliger Geschichtsvergessenheit.
Keks-Erbin Verena Bahlsen: "Das war vor meiner Zeit"

Keks-Erbin Verena Bahlsen: "Das war vor meiner Zeit"

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Monika Skolimowska/ DPA

Mit der NS-Vergangenheit ist es so eine Sache. In Deutschland sind wir uns ja größtenteils einig, dass das damals eine schlimme Zeit war. Wir nennen uns sogar nicht ohne Stolz "Erinnerungsweltmeister", denn mit unserer Geschichtsaufarbeitung überflügeln wir locker alle anderen. Okay, es gibt da ein paar Rechtspopulisten, die den erinnerungskulturellen Konsens in Frage stellen. Aber mit denen werden wir schon fertig.

Dabei übersehen wir gerne, dass im Land die Geschichtsvergessenheit um sich greift. Dafür hat Keks-Fabrikantin Verena Bahlsen, 25, gerade ein glänzendes Beispiel geliefert. Alles fing damit an, dass sich die Erbin des gleichnamigen Unternehmens bei einer Marketingkonferenz als überzeugte Kapitalistin outete.

Als Kritiker Bahlsen entgegenhielten, der Erfolg der Firma - und ihr Wohlstand - basiere auch auf der Ausbeutung der NS-Zwangsarbeiter, die für Bahlsen im "Dritten Reich" arbeiten mussten und nie entschädigt worden seien, reagierte die Unternehmerin mehr als fragwürdig.

Glänzende Geschäfte in Nazideutschland

Der "Bild"-Zeitung sagte sie, es sei "nicht in Ordnung", dass man ihre Äußerung zum Kapitalismus mit dem Thema NS-Zwangsarbeit bei Bahlsen in Verbindung setze: "Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt."

Bahlsen-Stammhaus in Hannover

Bahlsen-Stammhaus in Hannover

Foto: Jochen L¸bke/ picture alliance / dpa

Die Erbin verwies auf eine im Jahr 2000 abgewiesene Klage gegen Bahlsen. Damals hatten 60 Menschen aus Osteuropa, die meisten von ihnen ukrainische Frauen, insgesamt mehr als ein Million Mark als Entschädigung vom Keks-Hersteller gefordert - vergeblich. Die Forderungen seien verjährt, urteilten die Richter seinerzeit.

Im selben Jahr trat Bahlsen der "Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter" bei. Heute liegen keine Forderungen mehr gegen das Unternehmen vor. Die Keks-Erbin kommt deshalb zu dem Schluss: "Bahlsen hat sich nichts zuschulden kommen lassen."

Das kann man, gelinde gesagt, auch anders sehen. Das Unternehmen machte in Nazideutschland glänzende Geschäfte, galt als kriegswichtiger Betrieb. Zwischen 1941 und 1945 mussten bis zu 250 zum Teil gewaltsam von den Nazis ins Deutsche Reich verschleppte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus insgesamt sieben europäischen Nationen im hannoverschen Bahlsen-Werk ihren Dienst verrichten.

Historische Verantwortung des Unternehmens

Manche der Betroffenen berichteten nach dem Krieg, sie seien von den Firmeninhabern vergleichsweise gut behandelt worden. Doch wöchentlich hatten sie bis zu 48 Stunden an den Öfen oder Sortierbändern schuften müssen, vom ausgezahlten Lohn war ein großer Teil für Verpflegung und Unterbringung eingezogen worden. In den Barackenlagern sahen sich die Arbeiterinnen der Willkür der Wachmannschaften schutzlos ausgeliefert.

Die Firma Bahlsen hat zweifelsohne Schuld auf sich geladen - und hatte dafür jahrzehntelang nicht zu büßen. Während Opfer des Nationalsozialismus nach 1945 um gesellschaftliche Anerkennung und vielfach um Entschädigung kämpfen mussten, konnte die Unternehmerfamilie im Wirtschaftswunder schnell an ihre alten Erfolge anknüpfen: 1959 beschäftigte sie wieder 1500 Mitarbeiter.

Für die mit braunen Flecken behaftete NS-Vergangenheit ihres Unternehmens kann die 25-jährige Verena Bahlsen selbstverständlich nichts. Der historischen Verantwortung muss sich die Keks-Erbin aber stellen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie mit ihrer Geschichtsvergessenheit im Trend liegt.

Denn dass es am Ende niemand gewesen sein will, gilt offenbar auch für die Nachfahren der Tätergeneration. 2018 fragte die Universität Bielefeld in einer deutschlandweiten repräsentativen Umfrage: "Waren Vorfahren von Ihnen unter den Tätern des Zweiten Weltkriegs?" 69 Prozent der Teilnehmenden antworteten mit "Nein".

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