Verkaufte Kirchen Gotteshaus bleibt Gotteshaus

Früher Kirche, heute Moschee. Die neuapostolische Gemeinde in Berlin verkaufte zwei ihrer Gotteshäuser an Muslime - und erntete ein furioses Medienecho. Vor Ort sehen Anwohner und Gläubige die Transaktion sehr gelasssen.

Von Nicole Meßmer


Berlin - Kurz vor sieben Uhr füllt sich das neue Begegnungszentrum der Al-Torath-Gemeinde in Berlin-Tempelhof. Frauen in bunten Kopftüchern, mit Kindern an der Hand, gehen zielstrebig nach oben auf die Empore. Ihre Männer bleiben unten im Gebetsraum. Alle warten auf den Moment, in dem die Sonne untergeht und das Gebet beginnt. Es ist Ramadan, die Gläubigen treffen sich zum Fastenbrechen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings: Bis vor wenigen Monaten war das muslimische Gebetshaus noch eine neuapostolische Kirche.

Muslimische Begegnungsstätte der Al-Torath-Gemeinde: "Kein Vorsatz, eine Kirche kaufen zu wollen"
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Muslimische Begegnungsstätte der Al-Torath-Gemeinde: "Kein Vorsatz, eine Kirche kaufen zu wollen"

Moschee-Neubauten und die Akquise christlicher Gotteshäuser durch muslimische Gemeinden sind in Deutschland mittlerweile Dauerthema. So erhitzte vor allem der geplante Bau der größten Moschee Deutschlands in Köln-Ehrenfeld die Gemüter: Debattiert wurde über die Höhe der Minarette, über Parkplätze und über die Frage, ob die Integration der Muslime in Köln nun gelungen oder gescheitert sei.

In Berlin verkaufte die neuapostolische Gemeinde kürzlich zwei leerstehende Gotteshäuser an muslimische Gemeinden. "Immer mehr deutsche Kirchen werden zu Moscheen", meldete die "Bild"Zeitung, in Internet-Foren wurde so aufgebracht wie besorgt das Pro und Contra diskutiert.

Kein Kirchturm, kein Minarett - nur bemalte Fenster

Ein komplettes Novum ist der Fall in Berlin allerdings nicht: Schon Ende der neunziger Jahre verkauften die Neuapostolen eine Kirche an die liberalen Aleviten, die daraus ein Kulturzentrum machten. Tatsächlich kämpfen alle Kirchen mit einem demografisch bedingten Mitgliederrückgang und sehen sich deshalb immer häufiger der Situation gegenüber, Immobilien entweder ihres Zwecks beraubt nur noch zu verwalten oder die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, diese zu veräußern.

Evangelische und katholische Kirche haben den Verkauf von leerstehenden Kirchengebäuden an muslimische Gemeinden bislang ausgeschlossen. "So lange noch derart polemisch diskutiert wird, halte ich einen Verkauf von Kirchengebäuden an muslimische Gemeinden nicht für sinnvoll", sagt der Pressesprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner, SPIEGEL ONLINE.

Bei einem Besuch in der Manteuffelstraße drängt sich unwillkürlich die Frage auf, woher die Aufregung rührt. Von außen ist das Gebäude der schiitischen Al-Torath-Gemeinde, die 2003 gegründet wurde, unscheinbar: Hier war kein Kirchturm und hier ist auch kein Minarett. Nur die bemalten Fenster geben einen Hinweis darauf, dass es sich nicht um ein Wohnhaus handelt. Neben dem Eingang ist ein unauffälliges Schild angebracht: Al-Torath, "das Erbe". Der Name, sonst nichts. Im Juli hat die Gemeinde das Gebäude der neuapostolischen Kirche abgekauft, am 15. September fand die Eröffnung statt.

Eine Moschee ist, wo Menschen zu Allah beten

Vielen der Nachbarn scheint es egal, ob das beigefarbene unscheinbare Haus nun Kirche oder Moschee ist. Jeder solle seine Religion frei leben dürfen, sagt ein Passant auf der Straße. "Wenn dort nichts geplant wird, was der inneren Sicherheit schadet, ist es mir egal", sagt der Verkäufer in einem benachbarten Laden. So oder ähnlich antworten viele, die man in der Gegend anspricht. Nur eine Ladenbesitzerin schimpft: "Ich hoffe, dass das nicht noch mehr Muslime anzieht, das wird ja zu einem richtigen Mufti-Kiez hier."

Früher hatte die Al-Torath-Gemeinde Räumlichkeiten am Kottbusser Damm, dann suchte sie etwas Größeres. Der Kontakt kam über einen Makler zustande. Es sei reiner Zufall gewesen, dass es sich um diese Ecke Berlins und um eine ehemalige Kirche handelte, sagt die Vorsitzende des Vereins SPIEGEL ONLINE, die nicht namentlich genannt werden möchte. "Es war sicher kein Vorsatz, ausgerechnet eine Kirche kaufen zu wollen."

Eine Moschee im eigentlichen Sinne ist das Gemeindezentrum in der Manteuffelstraße übrigens nicht. Moschee könne nur sein, was auch als solche gebaut wurde, so die Vorsitzende. Die islamische Föderation möchte diesen Unterschied zwar nicht machen, eine Moschee sei dort, wo sich Menschen zum Gebet träfen. Das neue Gemeindezentrum provoziert weder durch auffällige islamische Optik noch durch einen Muezzin, der vom Minarett aus zum Gebet ruft. Die ehemalige Kirche solle vor allem eine Begegnungsstätte sein, erklärt die Vorsitzende. Zwar denke man darüber nach, auch ein Freitagsgebet anzubieten, es sei aber noch nicht klar, ob das klappen werde.

"Möchte niemandem etwas vorschreiben"

Fast jeden Abend finden hier Veranstaltungen statt, wie zum Beispiel der Vortrag eines Astrophysikers, der gerade zu Ende gegangen ist. Vorstellen könne man sich aber auch, Nachhilfeunterricht für die Kinder aus der Nachbarschaft anzubieten, erklärt die Vorsitzende: für alle Kinder, auch Nicht-Muslime. "Es ist ein Problem, wenn Gemeinden sich abkapseln", findet sie. Sie selbst bezeichnet sich als gemäßigt.

Auch in der Neuköllner Flughafenstraße, wo der "Verband interkultureller Zentren" kürzlich ein Kirchengebäude der Neuapostolen erwarb, steht die Begegnung im Vordergrund. Man solle nicht nur über Migration reden, sondern diese auch leben, sagt die Vorsitzende des Verbands, Houaida Taraji, SPIEGEL ONLINE.

Werner Kiefer von der neuapostolischen Kirche in Berlin versteht die Aufregung um den Verkauf der beiden Kirchen an muslimische Vereine nicht. "Was wir anstreben, ist eine seriöse Nutzung. Wir schauen uns alle Bewerber an und müssen dann das Gefühl haben, dass etwas Gutes gemacht wird." Ausdrücklich hebt auch sein Kollege Peter Johanning, der Sprecher der neuapostolischen Kirche in Deutschland, "das lobenswerte politische Ziel" der beiden Gemeinden hervor, die Integration von Muslimen und Nicht-Muslimen vorantreiben zu wollen.

Mittlerweile ist es dunkel geworden in der Tempelhofer Manteuffelstraße. Aus den knapp zehn Zuhörern des Astrophysik-Vortrags sind etwa 50 geworden. Es sind nicht nur "Teilnehmer" von Al-Torath, sondern auch Muslime aus der Nachbarschaft gekommen, um zu beten.

Ob Moschee oder nicht, das Gotteshaus in der Manteuffelstraße ist ein Gotteshaus geblieben.



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