Trauma Kinderkur Verschickungskinder in NRW – Studie sieht Kontinuität zum NS-Regime

Nordrhein-Westfalen hat eine Studie zu »Verschickungskindern nach 1945« veröffentlicht. Für viele wurde der Aufenthalt in einem Kurheim demnach zu einer Tortur, die sie bis ins Erwachsenenalter traumatisch belastete.
Akten zu Verschickungskindern (Archivbild)

Akten zu Verschickungskindern (Archivbild)

Foto: Andreas Behr / dpa

Die oft gewalttätige und grausame Erziehungspraxis in vielen Kinderkurheimen nach dem Zweiten Weltkrieg legt einer Studie zufolge eine Kontinuität zum nationalsozialistischen Regime nahe. Das nordrhein-westfälische Sozial- und Gesundheitsministerium hat am Montag eine Studie zur Aufarbeitung des Leids der sogenannten Verschickungskinder nach 1945 im Westen Deutschlands veröffentlicht.

Demnach wurden allein in NRW zwischen 1949 und 1990 mehr als 2,1 Millionen Kinder wochenlang in Kur- oder Erholungsheime oft an Nord- oder Ostsee verschickt. Es sind die ersten wissenschaftlich belastbaren Zahlen für NRW. Für alle Bundesländer der damaligen Bundesrepublik wird die Zahl der in Kuren verschickten Kinder in diesem Zeitraum nach unterschiedlichen Berechnungen auf sechs bis acht Millionen oder sogar auf zwölf Millionen geschätzt.

Die Studie lege offen, dass die Organisation der Erholungs- und Heilkuren für Kinder in der Weimarer Republik aufgebaut und in der NS-Zeit »an die Ideologie des Regimes angeglichen wurde«, teilte das NRW-Ministerium mit. »Diese Ausrichtung hat in den Folgejahren nachgewirkt, sodass mentale und personelle Kontinuitäten fortbestanden.«

»Grausame Erziehungs- und Verwahrungspraxis«

Für viele Kinder wurde der Aufenthalt im Kurheim zu einer Tortur, die sie bis ins Erwachsenenalter traumatisch belastete. Die Zeitzeugenberichte über Gewalt, Schläge, Essens- und Schlafentzug, Isolierung und Demütigung werden in der Studie grundsätzlich »als in hohem Maße glaubwürdig« bezeichnet. Allein das Internetportal verschickungsheime.de  verzeichne inzwischen fast 2000 solcher Berichte. Bereits eine kursorische Lektüre der Berichte lasse eine »häufig rigorose, nicht selten auch grausame Erziehungs- und Verwahrungspraxis während des Kuraufenthalts erkennen«.

Die Kurkinder wurden demnach von der Außenwelt abgeschnitten, hatten Kontaktverbot zu den Eltern, die Post wurde zensiert. Lieblosigkeit, emotionale Vernachlässigung vor allem kleiner Kinder, körperliche Züchtigung und vor allem der Essenszwang habe für die betroffenen Kinder »eine schwere Traumatisierung« bedeutet, heißt es weiter.

In den Sechziger- und Siebzigerjahren sei die Kinderkur »eine Erfahrung vieler« gewesen, heißt es in der Studie, die von Professor Marc von Miquel erstellt wurde, dem Leiter der Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherungsträger in Bochum. »In der kollektiven Erinnerung der betroffenen Jahrgänge ist auch präsent, dass nicht wenige mit ihrer damaligen Kur negative Erlebnisse verbanden. Heimweh, autoritärer Erziehungsstil, stupide Freizeitgestaltung und miserables Essen sind typische Motive, wenn unter den zwischen 1950 und 1970 Geborenen die Rede auf die eigene Kurerfahrung kommt.«

Die Frage der NS-Kontinuität sei in der Studie nur an Rande gestreift worden und sollte weiter erforscht werden, sagte Miquel der Nachrichtenagentur dpa. Die Kontinuitäten beträfen aber Anschauungen und auch Personen. So gebe es »brisante Einzelfälle«, etwa den Fall des einstigen Leiters der hessischen Landeskinderheilstätte Mammolshöhe, Werner Catel. Er war einer der Haupttäter der NS-»Kinder-Euthanasie« und erprobte 1947 in Mammolshöhe nicht zugelassene Medikamente, bei denen mindestens vier Kinder starben. Auch in anderen Kinderkurheimen seien Medikamente erprobt und Todesfälle dokumentiert worden.

wit/dpa

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