Verseuchte Babynahrung in China Vergiftetes Milchpulver wurde in viele Länder exportiert

Drei tote Säuglinge, mehr als 6200 erkrankte Babys: Der Skandal um verseuchtes Milchpulver in China weitet sich aus. Auch in viele andere Länder wurde die gepanschte Kindernahrung geliefert.


Peking - Zhang Lihong dachte nie an die Möglichkeit, ihren Sohn Zhang Yangyi nicht richtig zu ernähren. Dass sie durch das Milchpulver, mit dem sie ihn fütterte, jedoch sogar seine Nieren ernsthaft schädigte, hat die Mutter aus der nordchinesischen Stadt Shijiazhuang vollkommen entsetzt. "Ich dachte immer, das Pulver sei besser für seine Entwicklung", sagte sie. "Ich werde es ihm nie wieder geben."

Wie Zhang Lihong ging es vielen chinesischen Müttern: Lange Zeit haben sie ihrer Milch misstraut und stattdessen auf industriell gefertigte Lebensmittel gesetzt. Das im Westen mittlerweile verbreitete Konzept "Breast is best" - zu deutsch: die Brust ist am besten - hatte sich in China bislang nicht durchgesetzt. Das könnte sich nun ändern.

Angefangen hatte es mit Berichten über wenige vereinzelte Fälle von durch belastete Babymilch erkrankten Säuglingen. Binnen weniger Tage hat der Skandal jedoch riesige Ausmaße angenommen: Drei Kinder sind tot, mehr als 6200 krank, Dutzende in ernstem Zustand. Und nicht nur ein Milchpulverproduzent ist betroffen, mittlerweile ist die giftige Chemikalie Melamin in den Milchpulvern von 22 Herstellern gefunden worden.

Strenge Kontrollen in Deutschland

Die Regierung in Peking ordnete umgehend an, dass Milch künftig auch auf die Chemikalie hin geprüft wird. In Deutschland wäre eine solche Panscherei nicht möglich, versicherte ein Experte. Die Kontrollen für Babynahrung seien hierzulande so streng, dass so etwas sofort auffliegen würde.

Bei Stichproben in China wurden 14 Prozent oder 69 Lieferungen von 491 Fertigungsreihen beanstandet. Belastetes Milchpulver wurde auch ausgeführt - unter anderem nach Bangladesch, Burma, Burundi, Gabun und in den Jemen. Die Produkte würden zurückgezogen, hieß es.

Chinas Eltern sind verunsichert, besorgt - und wütend über die wochenlange Vertuschung des Skandals. Landesweit stürmen sie die Krankenhäuser und wollen ihre Sprösslinge untersuchen lassen.

"Ich weiß einfach nicht, was ich meiner Tochter noch zu essen geben soll", sorgt sich die 34-jährige An Fengyun. Wie Dutzende anderer Eltern wartet sie vor einem Pekinger Kinderkrankenhaus, um die Nierenwerte der Zweijährigen überprüfen zu lassen. Die Wartenden beugen sich über eine Liste der zahlreichen Milchpulver, die wegen Melamin-Verseuchung bereits zurückgerufen worden sind, und fragen sich, was zu tun ist.

Ist auch Milch vergiftet?

Als eine junge Mutter vorschlägt, nur noch Frischmilch zu füttern, fallen ihr die anderen sofort ins Wort: "Wie können wir wissen, ob nicht auch die Milch vergiftet ist? Das wird doch noch geprüft. Man kann sich nie sicher sein!" ruft ein alter Mann, der mit seinem Enkel auf die Untersuchung wartet.

In der Provinz Gansu im Nordwesten des Landes, wo der Milchpulverskandal seinen Ausgang nahm und zwei der drei Todesfälle registriert wurden, kommt der Lehrer Qi Yunzhong mit seinem zweijährigen Sohn aus dem Krankenhaus zurück. Bei dem Kleinen wurde ein zwei Millimeter großer Nierenstein festgestellt, doch nach Angaben der Ärzte hat er gute Heilungschancen.

"Sie haben mir gesagt, dass er keine Behandlung braucht, er soll einfach viel Wasser trinken", erzählt der Familienvater. Er berichtet, dass viele Familien jetzt auf Ziegenmilch zurückgreifen, um ihre Babys zu füttern. Größere Kinder bekommen gar keine Milch mehr. "Wir sind sehr wütend, aber was können wir schon tun?" fasst er die allgemeine Stimmung zusammen.

"Es ist der einzige Weg"

An Milchsammelstationen soll der zur Milchpulverproduktion bestimmten Milch Melamin beigemengt worden sein, vermutet die chinesische Regierung. Betrüger wollten damit einen höheren Proteingehalt vortäuschen. Eigentlich wird die Chemikalie Melamin zur Kunststoff- und Flammschutzmittelproduktion genutzt. Wird sie mit der Nahrung aufgenommen, kann sie durch das Zusammenspiel mit anderen, häufig vorkommenden Stoffen kristallisieren und die Bildung von Nierensteinen auslösen. An Nierenproblemen leiden die meisten der Tausenden Babys und Kleinkinder, die bislang in die Kliniken eingeliefert wurden.

An Fengyuns Tochter ist gesund, wie sich bei der Untersuchung herausstellt. Sie will ihrem Kind keine Milch mehr geben, bis die Gefahr vorüber ist: "Das wird schwierig, denn sie mag gerne Milch. Aber es ist der einzige Weg." Ye Qian ist im sechsten Monat schwanger. "Hoffentlich ist dieser Skandal vorüber, bis das Baby geboren ist", sagt sie, während sie in einem Pekinger Supermarkt einkauft. Die Regale weisen große Lücken auf, dort standen die zurückgerufenen Milchpulver.

Um sich und ihr Ungeborenes mit Kalzium zu versorgen, setzt die Schwangere auf ausländische Produkte: "Ich kaufe jetzt importierte Milch. Das ist teurer, aber sicher." Doch unbesorgt ist auch Ye nicht. Das Milchpulver, das sie während ihrer Schwangerschaft bisher zu sich genommen hat, gehört auch zu den melaminverseuchten Marken. "Das trinke ich nie wieder", schwört die 25-Jährige.

jdl/AFP/dpa/Reuters



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