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Versicherungsstreit Der teure Tod des kleinen Magnus

Nichts haben sich Silvia und Marcell Müller so gewünscht wie ein Baby. Doch ihr Sohn, ein Frühchen, stirbt nach 54 Tagen. Während seines Überlebenskampfes versäumen es die Eltern, Magnus bei einer Versicherung anzumelden. Nun droht ihnen der finanzielle Ruin: Sie sollen 103.000 Euro zahlen.

Als Magnus tot ist, haben Silvia und Marcell Müller ihr Kind erstmals ganz für sich. Kein Arzt, keine Krankenschwester, keine Beatmungsmaschine stören mehr. Nach 54 Tagen hat ihr Sohn den Kampf gegen den eigenen Körper verloren. Ein letztes Mal nehmen die Eltern das Frühchen auf den Arm. Es ist der 22. Juni 2010, elf Uhr.

So sehr das Ehepaar auch trauert, ein wenig Hoffnung hat es: Wenn der Tiefpunkt des Lebens erreicht ist, muss es wieder aufwärts gehen. Zehn Wochen später lernen Müllers, dass es auch nach Tiefschlägen weiter abwärts gehen kann.

Finanzieller Ruin

Am 2. September 2010 schickt die Uniklinik Göttingen eine Rechnung. Die weist nur acht Positionen auf, darunter so mickrige wie einen "Systemzuschlag" in Höhe von 87 Cent. Doch die Fallpauschale "Neugeborenes, Aufnahmegewicht 600 - 749 g mit signifikanter Operationsprozedur" kostet 97.520,30 Euro. Insgesamt sollen die Eltern 102.968,93 Euro überweisen. Zahlbar binnen zwei Wochen.

Einhundertdreitausend Euro.

Erst hat der Tod des Sohnes ihre familiäre Existenz zerstört. Und nun könnte die Klinikrechnung auch noch ihren finanziellen Ruin bedeuten. Aber Silvia und Marcell Müller glauben an einen Irrtum. Hat die Regierung nicht vor ein paar Jahren mit viel Tamtam eine Reform verabschiedet, die jedem Bürger den Schutz durch eine Krankenversicherung garantiert?

Ein Anruf in der Klinik zeigt, dass es sich dabei nur um eine "Im Prinzip"-Regel handelt. Wenn beide Eltern bei einer gesetzlichen Kasse sind, ist der Nachwuchs über die Familienversicherung geschützt. Aber bei Müllers ist es komplizierter: Mutter Silvia ist gesetzlich versichert, Vater Marcell bei der privaten Konkurrenz.

Die Frau bei der DAK, der Mann bei der Continentale - in diesem Fall müssen Müllers bei einem Anbieter einen Extravertrag für ihren Sohn abschließen. Und das haben sie nicht gemacht. Zumindest nicht rechtzeitig. Weil sie zunächst denken, Magnus sei automatisch versichert. Und weil sie während seines kurzen Lebens wichtigere Probleme haben als eine bürokratische Formsache.

Kein Pardon

Als die Klinik die Rechnung schickt, ist es zu spät. Es gibt für alles Fristen, auch für die Versicherung eines Kindes. Bei einem privaten Anbieter haben Eltern nach der Geburt zwei Monate Zeit, bei einer gesetzlichen Kasse drei Monate. Anfang September wäre Magnus mehr als vier Monate alt gewesen. Deshalb lehnen beide Firmen die Übernahme der Kosten ab.

Ihre Schreiben sind voller Paragrafen, aber ohne echtes Mitgefühl. Es scheint, als seien sie von Maschinen und nicht von Menschen geschrieben worden. Deshalb erzählt die Geschichte der Müllers von einer kleinen, aber folgenreichen Lücke im Gesetz. Und vom Irrsinn der Juristen-Bürokratie, in der es kein Pardon zu geben scheint. Tragisch ist der Fall, weil sich einzelne Fehler unglücklich verkettet haben.

Doch eine Frage drängt sich immer wieder auf: Warum bloß haben die Eltern ihren Sohn nicht bei einer Krankenversicherung angemeldet? "Wir hatten doch nie die Absicht, Magnus unversichert zu lassen", sagt Silvia Müller. 34 Jahre ist sie alt, Verwaltungsangestellte. Ihr Mann, ein Jahr älter, arbeitet als Außendienstler bei einem Discounter. Sie sitzen an einem Sonntagnachmittag im Wohnzimmer ihres Hauses. Es ist ein lebensbejahender Bau, offen gestaltet, mit viel Licht und hellen Möbeln. Der Blick reicht weit über das Thüringer Eichsfeld.

Ein Schutzengel im Hausflur

Im Wohnzimmer stehen zwei Bilder auf dem Kaminsims. Auf ihnen ist Magnus zu sehen, mit rötlicher Haut, einem dicken und dünnen Schlauch durch beide Nasenlöcher und Pflastern, die doppelt so groß sind wie der Mund. Seine Augen sind schmal, aber sein Blick klagt nicht an. Darüber hängt das einzige Bild von ihm, das ein lachendes, gesundes Baby zeigt. Ein befreundeter Künstler hat es gemalt.

Auf der Kommode im Hausflur steht eine kleine Figur, die das Schild "Schutzengel" mit beiden Händen festhält. Anfangs sieht es so aus, als erfülle der Beschützer seinen Zweck.

2005 heiraten Silvia und Marcell Müller. Kurz darauf bauen sie. Das Grundstück zahlt das Paar aus Ersparnissen. Für das Haus nimmt es eine hohe Hypothek auf. Deshalb sagt der Bankberater heute, er könne keinen Kredit zur Finanzierung der Klinikrechnung geben. "Wenn wir das Haus verkaufen müssten, würden wir wahrscheinlich ein Minusgeschäft machen", sagt Marcell Müller.

Das Drama um Frühchen Magnus

In den Jahren 2006 und 2007 versucht es das Ehepaar mit Nachwuchs. Eine Tochter, ein Sohn, zwei Fehlgeburten: Die Frühchen sterben, als sie in der 20. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt erblicken. Die Eltern geben nicht auf, suchen auf eigene Kosten Spezialisten in der ganzen Republik auf. Ein Arzt in München empfiehlt zwei Spritzen pro Woche. Stückpreis 100 Euro.

Als Silvia Müller Ende 2009 schwanger wird, haben beide 15.000 Euro in den Traum vom Wunschkind investiert. Aber auch bei Magnus kündigt sich das Unheil früh an. Es ist wieder die verflixte 20. Schwangerschaftswoche. Die Mutter muss in die Klinik, als andere Eltern gerade mit einem Kurs zur Geburtsvorbereitung beginnen. Und dabei vielleicht von der Notwendigkeit erfahren, ihr Kind bei der Kasse zu melden.

Vier Wochen Zeit gewinnen die Ärzte. Magnus kommt am 28. April 2010 zur Welt, in der 24. Schwangerschaftswoche. 740 Gramm ist er leicht. Ein Baby, das nach einer normalen Schwangerschaft geboren wird, wiegt das Fünffache.

Volles Programm

Von der Beatmung bis zur Magensonde: Das Frühchen bekommt sofort das volle Programm fürs Überleben. Eine Stunde nach der Geburt unterschreibt Marcell Müller einen Behandlungsvertrag für seinen Sohn. Darauf steht die DAK als Versicherung. Die Klinik denkt, das Kind sei über die Mutter versichert.

Beinahe ist das Leben von Magnus schon am vierten Tag vorbei. Er hat zu wenig Sauerstoff im Blut. Am frühen Morgen kommt ein Pfarrer auf die Frühchenstation und nimmt eine Nottaufe vor. Danach berappelt sich Magnus. Die Ärzte sagen, er sei ein großer Kämpfer. Der Satz macht den Eltern Hoffnung. Und dient als Mutmacher für die nächsten Wochen.

Rückschläge gibt es im kurzen Leben von Magnus viele. Erst hat er Hirnblutungen vierten Grades. Die schlimmste Form. Silvia und Marcell Müller stellen sich darauf ein, dass ihr Sohn körperlich und geistig behindert ist. Falls er überlebt, dann wohl nur als Pflegefall.

Die Schläuche schneiden Magnus die Stimme ab: Das Baby weint stumm

Einige Tage später diagnostizieren die Mediziner einen Herzfehler, der operiert werden muss. Kurz darauf bläht sich der Bauch auf. Der Magen ist geplatzt. Schon wieder ein Eingriff. Zwei Wochen später schneiden die Ärzte den Bauch erneut auf, um nachzusehen, ob die Wunde verheilt ist. Die gute Nachricht lautet: Ja.

Aber es scheint nicht ohne schlechte Nachricht zu gehen: Der Stoffwechsel funktioniert nicht. Magnus quillt auf, wiegt bald zwei Kilogramm. Doppelt so viel, wie bei seinem Entwicklungsstadium normal wäre. Er weint immer öfter. Lautlos. Denn schreien kann er nicht. Die Schläuche schneiden ihm die Stimme ab.

Rund vier Wochen ist Magnus jetzt alt. Es ist Ende Mai. Silvia Müller telefoniert mit der DAK. Die Mutter erfährt, dass sie ihren Sohn bei der Versicherung anmelden muss. Die Kasse schickt Unterlagen für eine Familienversicherung. Müllers sind gedanklich im Krankenhaus, als sie am Wohnzimmertisch das Formular ausfüllen.

Rund um die Uhr im Krankenhaus

Am 16. Juni 2010 lehnt die DAK den Antrag auf eine beitragsfreie Mitversicherung ab. Wenn einer der Ehepartner privatversichert ist, muss das Kind extra versichert werden. Entweder bei der DAK oder der Continentale. Im letzten Absatz des Schreibens heißt es: "Wir möchten Ihrer/Ihrem Angehörigen gerne anbieten, sich bei der DAK selbst zu versichern (...) Bitte geben Sie uns dazu die beigefügten Unterlagen ausgefüllt zurück." Gemeint ist der Antrag auf eine Zusatzversicherung.

Müllers verstehen nicht, was sie tun müssen. Sie wollen sich um den Schriftkram kümmern, wenn es ihr Gemütszustand zulässt. Die Eltern sind jetzt nahezu rund um die Uhr im Krankenhaus. Das Leben ihres Sohnes kann jeden Moment vorbei sein. Sein Puls spielt verrückt, selbst Berührungen der Mutter und des Vaters lehnt er ab.

Die sechs behandelnden Ärzte wissen nicht weiter. Die Medikamentendosis ist maximal, die Beatmungsmaschine arbeitet am Anschlag, der Körper ist von den Operationen gezeichnet. Sie sagen: "Ihr Sohn hat jede mögliche Komplikation mitgenommen. Aber jetzt muss er es alleine schaffen." Am 22. Juni 2010, fünf Tage, nachdem der Brief von der DAK gekommen ist, stirbt Magnus.

Um kranke Kinder reißt sich keine Versicherung

Müllers erzählen die Leidensgeschichte ruhig, ohne Tränen in den Augen, nur ab und zu schlucken sie. Die Eltern unterdrücken ihre Trauer, indem sie in einen Medizinersprech flüchten. Sie sagen "Magnus ist bradykard geworden" und nicht "Sein Herz hat langsam geschlagen".

Auch als Magnus tot ist, würden ein Brief, eine Mail, ein Anruf bei der gesetzlichen Kasse der Mutter oder der Privatversicherung des Vaters reichen, um den Sohn zu versichern.

Beerdigung, Trauer, die Suche nach irgendetwas, das sich wie Normalität anfühlt - die Eltern sagen, sie hätten das Schreiben der DAK schlicht vergessen. Allerdings telefoniert Silvia Müller im Juli zweimal mit ihrer Kasse. Die Gesprächsprotokolle zeigen: Die DAK hat erneut darauf hingewiesen, dass Magnus versichert werden muss. Silvia Müller sagt, sie könne sich daran nicht erinnern.

Erst als Anfang September die Rechnung aus dem Krankenhaus kommt, wird das Ehepaar endlich aktiv. Aber DAK und Continentale verweisen nun auf die Fristen. Magnus ist kein Kunde, um den sich Versicherungen reißen.

Silvia und Marcell Müller versuchen nicht, die Schuld bei anderen zu suchen oder eine Gesetzeslücke für ihr Schicksal verantwortlich zu machen: "Wir haben den schrecklichen Fehler begangen, dass wir Magnus nicht rechtzeitig bei einer Kasse angemeldet haben." Was sich das Ehepaar erhofft, ist Gnade vor Recht: "Strafe muss sein, aber doch bitte keine, die unsere Existenz gefährdet."

Die DAK will eine gerichtliche Klärung

Immerhin verbuchen Müllers einen ersten Erfolg: Das Krankenhaus verzichtet auf die sofortige Bezahlung der Rechnung. Am liebsten würden sie sich mit Klinik, DAK und Continentale zusammensetzen. Man könne die Kosten ja aufteilen, lautet ihr Vorschlag.

Ob ein solcher Deal gelingt, ist offen. Die Continentale schreibt auf Anfrage: "Bei aller Tragik des Falles haben wir von der Angelegenheit erst am 6. September 2010 Kenntnis erhalten - rund zweieinhalb Monate nach Ablauf der zweimonatigen Nachversicherungsgarantie. Eine Annahme des Antrags auf Krankenversicherungsschutz war uns angesichts der eindeutig gegebenen Sach- und Rechtslage nicht möglich."

Kompromissbereiter klingt die DAK, wenn auch etwas verklausuliert: "Wir sind der Rechtsauffassung, dass in diesem Fall die Versicherungspflicht in der privaten Krankenversicherung besteht." Allerdings solle der Streit zwischen zwei Versicherungen nicht auf dem Rücken der Eltern des verstorbenen Kindes ausgetragen werden. Die Kasse will den Fall deshalb gerichtlich klären lassen und ermuntert die Eltern zur Klage.

Bis dahin müssen Müllers auf ein Ende hoffen, das angesichts der Geschichte zwar nicht gut sein kann. Das sie aber immerhin vor dem finanziellen Kollaps bewahren könnte.

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