Vertauscht als Baby "Als ob das Leben dich k.o. geschlagen hätte"

Erst mit 43 erfuhr Susanne Gazis, dass sie nicht die leibliche Tochter ihrer Eltern ist - sie wurde gleich nach der Geburt in der Klinik vertauscht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt sie vom Gefühlschaos nach der schockierenden Enthüllung und der Suche nach ihren Wurzeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie erfahren, dass Sie nicht das Kind ihrer Eltern sind?

Gazis: Das DNA-Gutachten bekam ich im vergangenen Juni, per E-Mail, ich war gerade mit meiner Familie im Urlaub in Südfrankreich. Es war ein gewaltiger Schock, schwarz auf weiß zu lesen, dass ich nicht das Kind meiner Eltern sein kann und auch mit meinen Geschwistern in keiner Weise biologisch verwandt bin.

SPIEGEL ONLINE: Was geht einem in so einer Situation durch den Kopf?

Gazis: Es ist ein Gefühl, als ob das Leben dich gerade k.o. geschlagen hätte. Ich dachte nur: Das darf einfach nicht wahr sein. Das kann nicht sein. Hilflosigkeit, Trauer, Angst, Wut, das waren so viele Emotionen, die da wie eine große Welle über mir zusammengeschlagen sind. Da musste ich erst einmal durchschwimmen und wieder Luft holen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie kamen Sie darauf, dass Sie im Krankenhaus vertauscht wurden - und nicht adoptiert oder vielleicht ein Kuckuckskind sind?

Gazis: Wäre ich ein Kuckuckskind, wäre ich ja zumindest mit meinen Schwestern verwandt, wir hätten dieselbe biologische Mutter. Das ist aber nicht der Fall, das beweisen mehrere Gentests. Zudem liegen keinerlei Adoptionsunterlagen vor, und ein Säugling fällt ja nicht einfach so vom Himmel. Außerdem war meine Mutter 1963 definitiv schwanger, das können sowohl mein Vater, als auch Verwandte und Freunde meiner Eltern bestätigen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann hat Ihre Mutter ja auch nachweislich ein Kind im Reutlinger Kreiskrankenhaus entbunden?

Gazis: Genau, diese Geburt ist im Hebammentagebuch vom 5. Oktober 1963 notiert: 23 Uhr, Frau Hermine Altenhof, Reutlingen. Dazu die Details über das Baby: Es war ein Mädchen, 3750 Gramm schwer, 52 Zentimeter lang, mit einem Kopfumfang von 36 Zentimetern. Nur, dass das wahrscheinlich nicht meine Daten sind, sondern die der leiblichen Tochter meiner Mutter. Ich weiß ja heute auch nicht einmal, ob der Tag, an dem ich 43 Jahre lang meinen Geburtstag gefeiert habe, wirklich der Tag meiner Geburt ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben inzwischen mit mehreren Eltern Kontakt aufgenommen, die rund um dieses Geburtsdatum ein Kind im Reutlinger Krankenhaus bekommen haben.

Gazis: Ja, mittlerweile habe ich fast 25 Familien identifiziert und die meisten auch persönlich getroffen. Das waren in der Regel durchweg positive Gespräche, die mich sehr bewegt haben, und die mich auf meinem Weg immer ein wichtiges Stück vorangebracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber die "richtigen" Eltern waren noch nicht dabei?

Gazis: Nein, bislang leider nicht. Drei Mütter haben sich sogar einem DNA-Test unterzogen, aber alle drei waren negativ. Diese Frauen kann man eindeutig ausschließen. In dieser Woche hat meine Anwältin noch einmal per Brief einige Familien über das Kreisamt angeschrieben, zu denen ich bislang keinen Kontakt hatte. Wir möchten vor allem die Mütter gerne um ein Treffen bitten. Es besteht aber natürlich immer noch die Möglichkeit, dass die Person, die wir suchen, gar nicht unter den 25 Familien ist, die wir bislang recherchiert haben. Eventuell kam ja auch ein Säugling "von außen" auf diese Station, sei es nach einer Hausgeburt oder aus welchen Gründen auch immer - ein solches Kind steht dann natürlich nicht im Hebammentagebuch oder kann bei einem anderem Standesamt gemeldet worden sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie mit Ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit gegangen?

Gazis: In erster Linie, weil es mich geärgert hat, in den Zeitungen immer wieder über Säuglingsverwechslungen, wie zuletzt zum Beispiel im Saarland, zu lesen und bei den anschließenden Diskussionen über bessere Identifikationstechniken auf Neugeborenenstationen ständig den gleichen Satz zu hören: So etwas ist doch nur ein Einzelfall, das lohnt doch den Aufwand nicht. Das Thema ist in Krankenhäusern immer noch ein Tabu. Dabei kommen doch die meisten Fälle, wie auch meiner, nur durch großen Zufall ans Licht. Ich bin mir sicher, mein Schicksal teilen mehr Menschen, als man denkt. Wer weiß, wie viele über ihr Wissen schweigen? Dieses Schweigen wollte ich brechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit Ihrer Suche?

Gazis: Eigentlich will ich vermeiden, dass ich meine Eltern durch ein Gerichtsverfahren ermitteln lassen muss. Es würde mich daher sehr freuen, wenn vielleicht meine leiblichen Eltern oder mein Gegenstück von meiner Geschichte erfahren und Kontakt zu mir aufnehmen würden. Ich habe keinerlei finanzielle Interessen. Ich will nicht erben. Ich will mich in keine Familie hineindrängen. Das Einzige, was ich will, ist Gewissheit.

Das Interview führte Simone Kaiser


Eine ausführliche Reportage über die "vertauschte Frau" lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.