Fünf Jahre vertrauliche Geburt "Wir brauchen mehr Beratungen"

Die vertrauliche Geburt soll Schwangeren in Not helfen. Seit fünf Jahren können sie ihr Baby vorerst anonym im Krankenhaus bekommen und zur Adoption freigeben. Doch eine Hoffnung hat sich mit dem Gesetz nicht erfüllt.

Schwangere Frau (Symbolfoto)
JGI/ Jamie GrillTetra images/ Getty Images

Schwangere Frau (Symbolfoto)

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Manchmal muss im Familienplanungszentrum in Hamburg-Altona alles ganz schnell gehen - auch wenn die Nachricht per Fax kommt. Der Absender: eine Klinik der Stadt. Die Nachricht: Eine Frau hat ein Kind bekommen und wünscht eine vertrauliche Geburt.

Jetzt bloß keine Zeit verlieren. Eine Mitarbeiterin des Teams fährt ins Krankenhaus, führt ein Beratungsgespräch und füllt mit der Frau die nötigen Dokumente aus. Zur Not direkt im Kreißsaal, wie Psychologin Marina Knopf sagt: "Und dann bleiben manchmal nur 20 Minuten Zeit, um den Frauen zu erklären, wie eine vertrauliche Geburt abläuft und was wir nun regeln müssen."

Vertrauliche Geburt - seit Mai 2014 können Frauen in Deutschland diese Art der Entbindung wählen. Sie bekommen ihr Kind in einem Krankenhaus oder bei einer Hebamme, trotzdem können sie nach der Geburt vorerst anonym bleiben. Sie geben das Kind zur Adoption frei, hinterlegen in einem Umschlag ihren Namen, ihr Alter und ihre Adresse. Bis zum 16. Geburtstag des Kindes bleiben die Daten unter Verschluss, dann kann das Kind den Kontakt zur leiblichen Mutter suchen.

Sollte sich eine Mutter doch ein Leben mit ihrem Kind wünschen, kann sie ihre Entscheidung - bis das Adoptionsverfahren abgeschlossen ist - revidieren. Die Kosten für die vertrauliche Geburt übernimmt der Bund. An diesem Dienstag feiert das Familienministerium das fünfjährige Bestehen des Gesetzes.

Jubiläen sind immer auch die Zeit für eine Bilanz. 570 vertrauliche Geburten habe es von Mai 2014 bis April 2019 in Deutschland gegeben, sagt ein Sprecher des Familienministeriums. 126 davon im Jahr 2018. Das Angebot wird also angenommen. "Das Gesetz wirkt", sagt Familienministerin Franziska Giffey (SPD).

Doch welche Wirkung hat es? Hier fällt die Bilanz nicht so eindeutig aus. Wer Menschen befragt, die in ihrer Arbeit mit der vertraulichen Geburt zu tun haben, bekommt gemischte Antworten.

Seit 29 Jahren arbeitet Marina Knopf im Familienplanungszentrum in Hamburg-Altona
Sarah Heidi Engel/ SPIEGEL ONLINE

Seit 29 Jahren arbeitet Marina Knopf im Familienplanungszentrum in Hamburg-Altona

Psychologin Marina Knopf berät seit 29 Jahren Schwangere im Familienplanungszentrum Hamburg-Altona. Das Gesetz zur vertraulichen Geburt habe ihre Arbeit verändert, sagt Knopf. Zum Start gab es eine große Infokampagne der Bundesregierung, inklusive Hilfetelefon und eigener Homepage. Das habe einen positiven Effekt gehabt, so Knopf. Mehr Frauen seien in die Sprechstunden gekommen und hätten sich beraten lassen. Schwangere, die zuvor dachten, sie seien allein, erkannten, dass es Menschen gibt, die ihnen helfen können.

Das Familienplanungszentrum betreute in den vergangenen Jahren neun Schwangere, die eine vertrauliche Geburt wünschten. Die Frauen kamen laut Knopf aus allen sozialen Schichten, zu ihnen gehörten Jugendliche, Studentinnen und Frauen in den Dreißigern. "Wir dachten anfangs, dass sich hauptsächlich Schwangere bei uns melden würden, die sich in einer Bedrohungslage befinden", sagt Knopf. Aber das habe sich nicht bewahrheitet. Vielmehr handele es sich um Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Schwangerschaft gegenüber Familie und Freunden geheim halten würden.

Vor allem eine Hoffnung sei mit dem Start des Gesetzes verbunden gewesen, sagt Knopf. "Dass es anonyme Geburten überflüssig macht, Kindesaussetzungen verhindert und Babyklappen schließen." Doch das sei nicht eingetreten. Vielmehr habe das Gesetz einen neuen Bedarf geschaffen, den es so vorher nicht gegeben habe. Das Resultat: "Die Zahl von Kindern mit unbekannten Eltern ist in den vergangenen Jahren gestiegen."

Das kritisiert auch das Kinderhilfswerk Terre des Hommes. Mit der vertraulichen Geburt werde nur ein zusätzliches Angebot neben anderen geschaffen. Immer noch können Frauen ihre Kinder anonym gebären oder das Neugeborene in einer von rund 100 Babyklappen in ganz Deutschland ablegen. Bis heute nutzen Frauen diese Optionen.

Und trotz dieser Angebote kommt es zu Kindstötungen, weiterhin werden Babys ausgesetzt. Offizielle Zahlen gibt es dazu zwar nicht. Allerdings erhebt Terre des Hommes durch Medienrecherchen eine jährliche Mindestzahl von Fällen. 2017 wurden demnach mindestens 19 tote und vier lebende Säuglinge entdeckt, 2018 waren es elf tote und vier lebende Neugeborene.

Ein Kompromiss - aber nicht mehr

Dr. Anne-Kathrin Will, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität in Berlin, hat die Statistik für Terre des Hommes erhoben. Sie fordert die Abschaffung der Babyklappen, die ab 2000 eingerichtet wurden, damit Frauen in Notlagen ihr Kind sicher und anonym abgeben können. "Das war damals gut gemeint", sagt Will. "Aber Mütter und Kinder werden mit dieser Lösung alleingelassen." Das Kind wisse nicht, woher es komme, die Frau erhalte keine Unterstützung.

Die vertrauliche Geburt ist für Will daher ein Kompromiss - aber nicht mehr. Sie wünscht sich etwas anderes - dass schwangere Frauen in Notlagen Hilfe bekommen. "Wir brauchen mehr Beratungen", sagt sie. Doch vor allem im ländlichen Raum gebe es immer weniger Anlaufstellen oder es reduzierten sich deren Beratungszeiten, weil in dem Bereich gespart werde. Manche Frauen wüssten selbst in Zeiten des Internets nicht, dass sie in der Not offene Sprechstunden besuchen könnten. Das liege nicht nur an fehlenden Werbekampagnen. Auch die Gesellschaft müsse transparenter mit dem Thema umgehen. "Jeder kann in diese Notlage kommen", sagt Will. "Wenn wir mehr darüber sprechen, trauen sich andere, Hilfe zu suchen."

Wie entscheidend die Beratung für Frauen ist, weiß Marina Knopf aus ihrer täglichen Arbeit. Von den neun Schwangeren, die zunächst eine vertrauliche Geburt wünschten, hätten fünf ihre Meinung später geändert. Sie wählten ein gemeinsames Leben mit ihrem Kind - auch wenn ihnen die Umstände zu Beginn schwierig erschienen.

Abzuwarten bleibt nun, wie die ersten Kinder aus vertraulichen Geburten mit den Informationen über ihre leiblichen Mütter aus dem Umschlag umgehen werden. "Wir sind gespannt, ob in elf Jahren in unsere Beratungsstelle die ersten Jugendlichen mit Fragen kommen", sagt Knopf. Eins sei aber sicher: "Unsere Tür steht immer offen."



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