Peter Maxwill

Menschen in Seenot Gefährliche Schieflage

Ein Schiff voller Touristen havariert, Helfer eilen in Hubschraubern herbei. Ein Schiff voller Migranten havariert, Helfer werden am Helfen gehindert. Darf man das miteinander vergleichen? Man muss.
Havariertes Kreuzfahrtschiff "Viking Sky" am Samstag vor der norwegischen Küste

Havariertes Kreuzfahrtschiff "Viking Sky" am Samstag vor der norwegischen Küste

Foto: Frank Einar Vatne/ NTB Scanpix/ REUTERS

Sogar die Tagesschau am Sonntagabend berichtete ausführlich über den Fall. Weil in der Tat heftig ist, was da im Meer vor europäischen Ufern geschehen war: Ein großes Schiff mit 1373 Insassen aus 18 Nationen war in Seenot geraten und trieb manövrierunfähig im Sturm.

Zum Glück lief die Rettung sofort an: Helikopter flogen die Menschen aus, 460 Betroffene waren so binnen weniger Stunden in Sicherheit. Alle anderen kamen später an Land, nachdem Experten drei Maschinen an Bord repariert hatten. Alles noch mal gut gegangen.

Leider endeten Geschichten mit ähnlichem Plot in jüngerer Vergangenheit selten so glimpflich. Da waren meist keine betuchten Touristen auf Kreuzfahrtschiffen in Not geraten - sondern Migranten in wackligen Kähnen, auf dem Weg vom Bürgerkriegsland Libyen nach Europa. Hubschrauber zu ihrer Rettung kamen nicht geflogen.

Sollte man solche Fälle miteinander vergleichen?

Juristisch betrachtet: wohl eher nicht. Die Passagiere der "Viking Sky" wollten kein Asyl beantragen, sondern ihren Urlaub genießen. Ihr Schiff havarierte nicht in internationalen Gewässern oder rechtlich fragwürdigen "Such- und Rettungsgebieten" nahe der nordafrikanischen Küste, sondern direkt vor Norwegens Fjorden.

Video: Rettungsaktion auf der "Viking Sky"

SPIEGEL ONLINE

Warum also diese nur bedingt vergleichbaren Fälle trotzdem gegenüberstellen? Weil Vergleiche dafür da sind, Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen - und weil so in diesem Fall deutlich wird, dass es noch eine Dimension außerhalb bürokratischer Fragen des Asyl- oder Seerechts gibt.

Es geht um Menschlichkeit: Warum erscheint die aufwendige Rettungsaktion in Norwegen so selbstverständlich, die Seenothilfe für Zuwanderer aber nicht? Kann Europa glaubwürdig für universelle Menschenrechte eintreten und zugleich mittragen, dass nicht jedes Leben in gleicher Weise geschützt wird?

Das ist keine Polemik: Italienische Behörden erschweren und verhindern immer vehementer die Rettungseinsätze privater Hilfsorganisationen im Mittelmeer - indem sie Schiffe festhalten und beschlagnahmen oder Helfer in die Nähe von Menschenhändlern rücken.

Menschlichkeit - für alle?

Der Protest der europäischen Partner gegen solche Methoden ist bislang überschaubar, mehr noch: Die EU fährt einen immer restriktiveren Kurs in der Asylpolitik und kooperiert in der Migrationsabwehr sogar mit Libyen - obwohl Flüchtlinge in dem Bürgerkriegsland misshandelt, ermordet, verstümmelt und vergewaltigt werden.

All das ist definitiv verstörender als die wackligen Handyvideos der "Viking Sky"-Passagiere: Im vergangenen Jahr starben mehr als 2200 Menschen im Mittelmeer, seit Januar ertranken der Uno zufolge  fast 300 weitere, vor wenigen Tagen erst kam ein Baby ums Leben.

Was hat nun die Notlage von Kreuzfahrttouristen im Europäischen Nordmeer mit der Notlage von Migranten im Mittelmeer zu tun? Das ist eine verräterische, in die Irre führende Frage: weil es gar nicht um Touristen und Migranten geht, um "Leute wie wir" und "diese Flüchtlinge". Es geht um Menschen. Um Menschen in Lebensgefahr.

Das muss immer wieder deutlich gemacht werden in der Debatte über die europäische Asylpolitik, an der kaum noch jemand teilnimmt - weil sich offenbar ein Großteil der Gesellschaft an den Status quo gewöhnt hat.

Man muss nun nicht gleich fordern, Bootsflüchtlinge aus dem zentralen Mittelmeer mit Hubschraubern nach Europa zu fliegen. Es stünde hochentwickelten Zivilisationen aber durchaus gut zu Gesicht, den vermeidbaren Tod von Mitmenschen zu verhindern.

Von allen Mitmenschen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.