Gerichtsentscheid in Frankreich Wachkoma-Patient muss weiter behandelt werden

Ärzte hatten die künstliche Ernährung des Franzosen Vincent Lambert nach mehr als zehn Jahren gestoppt. Nur wenige Stunden später ordnete ein Gericht nun die Wiederaufnahme der lebenserhaltenden Maßnahmen an.

Komapatient Vincent Lambert im Jahr 2015
COURTESY OF THE FAMILY/ AFP

Komapatient Vincent Lambert im Jahr 2015


Überraschende Wende im Fall Vincent Lambert: Ein französisches Berufungsgericht hat die Wiederaufnahme der lebenserhaltenden Maßnahmen von Frankreichs bekanntestem Wachkoma-Patienten angeordnet. Die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr müssten vorerst aufrecht erhalten werden, urteilte das Pariser Berufungsgericht am späten Montagabend nach Angaben des Anwalts der Familie und nach Medienberichten. Nun muss ein Uno-Ausschuss über den Fall entscheiden.

Ärzte im Uniklinikum Reims hatten die Behandlung von Lambert am Montagmorgen gestoppt. Der Entscheidung war ein jahrelanger Rechtsstreit vorausgegangen: Die Eltern des 42-Jährigen wollten den Tod ihres Sohnes mit aller Macht verhindern und gingen gegen die Entscheidung vor. Erst am Montagnachmittag hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einen neuerlichen Antrag der Eltern zurückgewiesen.

Das Pariser Berufungsgericht wies die Behörden nun jedoch an, "alle Maßnahmen" zu ergreifen, um Lambert am Leben zu halten. In der Entscheidung verwies das Gericht auf entsprechende Forderungen des Uno-Ausschusses zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Der Uno-Ausschuss, der nun entscheiden muss, hatte zuletzt weitere Abklärungen und eine Fortsetzung der Behandlung gefordert. Die Anwälte von Lamberts Eltern argumentierten, dass Frankreich gegen internationales Rechts verstoße, wenn die Entscheidung des Gremiums nicht abgewartet werde.

Die Familie ist zerstritten

Lambert war vor rund zehn Jahren bei einem Verkehrsunfall verunglückt. Er zog sich dabei schwere Verletzungen am Kopf zu. Seitdem befindet er sich in einem vegetativen Zustand.

Die Familie des früheren Krankenpflegers ist zutiefst zerstritten. Seine Eltern und seine Geschwister sind gegen die Einstellung der Pflege, Lamberts Ehefrau will ihn dagegen "in Würde gehen lassen". Ihr Mann habe sich nie gewünscht, dass sein Leben künstlich verlängert werde, sagte sie vor einigen Jahren. Eine Patientenverfügung von Lambert gibt es allerdings nicht.

In Deutschland gilt das Einstellen künstlicher Ernährung als passive Sterbehilfe, die nicht strafbar ist. Voraussetzung dafür ist jedoch der ausdrückliche Wille des Patienten. Seit 2009 können Bürger in einer Patientenverfügung im Vorhinein schriftlich festlegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen medizinisch behandelt werden möchten.

fek/AFP/dpa



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