Visa-Bürokratie "Das sind Kinder, die laufen nicht weg"

Die Straßenfußball-WM sollte ein rauschendes Fußballfest werden. Teams von Sozialprojekten aus aller Welt sind deswegen in Berlin. Aber die Mannschaften aus Ghana und Nigeria bekamen keine Visa. Ihre Betreuer sind fassungslos.
Von Fabian Grabowsky

Berlin – "Ein Trauma", sagt Yomi Kuku. "Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal geweint hatte, bevor ich mit der deutschen Botschaft gesprochen habe."

Yomi Kuku ist in diesen Tagen so etwas wie ein Fußballbotschafter Nigerias. In der nigerianischen Metropole Lagos leitet er das Fußball-Sozialprojekt "Search and Groom". Mehr als tausend Straßenkinder machen mit. "Time" und die Deutsche Welle berichteten über ihn, bei der Konrad-Adenauer-Stiftung redete er auf einer Podiumsdiskussion und kommentierte das WM-Spiel Elfenbeinküste-Niederlande. Doch der Höhepunkt seiner Deutschlandreise sollte im Juli erst noch kommen: eine Straßenfußball-WM in Berlin.

Aber dann verweigerte die deutsche Botschaft seiner Mannschaft die Visa. Auch die Mannschaft von "Play Soccer" aus Ghana darf nicht zum Fußballfest nach Deutschland.

22 statt 24

24 Teams sollten bei dem Turnier spielen. Jetzt sind es noch 22, darunter ein gemischtes israelisch-palästinensisches Team, ein gemischtes Balkan-Team und Teams aus Kolumbien, Kenia oder Kreuzberg. Arbeitslose Berliner Jugendliche bauten eine Unterkunft, das "Village", und auf dem Mariannenplatz entsteht gerade ein "Bolzplatz-Stadion" mit 2200 Stehplätzen.  

"Das ist kein Event um des Events willen", sagt Organisator Jürgen Griesbeck. Alle Teams gehören zum weltweiten Netz "Streetfootballworld". Dessen Projekte nutzen Fußball, um Straßenkindern Gesundheitsvorsorge und soziale Kompetenzen beizubringen. "Für die Jugendlichen oft die einzige Perspektive, sich ein Leben in Würde zu organisieren", sagt Griesbeck. "Streetfootballworld" wird von der Uno und zwei Bundesministerien unterstützt und gehört zum Fifa-Kulturprogramm.

Aber diese Referenzen waren den Vertretungen in Accra und Lagos nicht genug. Wer hier ein Visum beantragt, muss laut deutschem und Schengener Recht seine "Rückkehrbereitschaft" nachweisen. "Botschaften können Visa nur erteilen, wenn die Antragsteller ihren Rückkehrwillen glaubhaft machen. Das war hier nicht der Fall", sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes SPIEGEL ONLINE. "Aber unsere Mitarbeiter haben es sich nicht leicht gemacht und jeden Antrag doppelt geprüft." 

"Zornig, mehr als zornig"

"Wir sind zornig. Mehr als zornig", bricht es aus Yomi Kuku hervor. Immer wieder habe die Botschaft sein Team ermuntert, immer wieder habe sie aber auch neue Garantien haben wollen – die man besorgt habe. Vergeblich. "Sie haben uns böse Absichten unterstellt", schimpft er.

Ein Jahr lang hätten sie sich auf das Turnier gefreut. Er habe vom Fall der Berliner Mauer erzählt und wie die Völker danach zusammengefunden hätten. Aber am vergangenen Freitag musste er seinen Jungs von der Entscheidung der Botschaft erzählen. "Mit einem Wimpernschlag war alles vorbei. Jeder einzelne von ihnen hat geweint."

Kuku ist nicht der einzige Fußball-Sozialarbeiter, der mit den Visastellen hadert. "Enttäuscht, schockiert, sehr traurig", seien er und seine Spieler, sagt Charles Cobbina von "Play Soccer" aus der ghanaischen Hauptstadt Accra. "Play Soccer" arbeitet in Ghana mit den SOS-Kinderdörfern zusammen, der Minen-Multi Newport spendierte dem Team die Reise nach Berlin und "Play Soccer" kooperiert eng mit der Fifa. Die nennt das "eines dieser strategischen Bündnisse, auf das die Fifa besonders stolz ist".

Das alles reichte der Botschaft in Accra nicht. Auch Cobbina ist fassungslos. "Wir dachten, wir wären eingeladen." Seine Jugendlichen hätten sich darauf gefreut, die ghanaische Kultur zu repräsentieren. Die deutsche Botschaft habe sie zum Narren gehalten, sagt Cobbina. "Sie wussten schon lange vorher, dass sie uns die Visa nicht geben würden", sagt er. Wie Yomi Kuku versteht auch er nicht, warum. "Das sind alles Schuljungen, die rennen doch nicht weg."

Gütesiegel mit Glaubwürdigkeitsproblem

Jürgen Griesbeck bemüht sich, die Affäre sachlich zu sehen. Niemand könne ausschließen, dass ein Jugendlicher nach der WM versucht, in Deutschland zu bleiben. Trotzdem ist auch Griesbeck sehr enttäuscht. "Wir wissen genau, wie die Teams auf dieses Turnier hingearbeitet haben." Kernidee der Projekte sei, benachteiligten Jugendlichen eine Perspektive in ihren eigenen Gesellschaften zu eröffnen – und nicht im Ausland. "Keiner der Jugendlichen macht mit, um das Land zu verlassen – sondern um sich zu Hause Perspektiven zu erarbeiten."

Für die beiden Projekte sei die Ablehnung jetzt ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem. Die Einladung sei ein "Gütesiegel als Modellprojekt" gewesen und für Beziehungen zu Sponsoren, Medien und politischem Umfeld wichtig. "Beide stehen jetzt vor der großen Herausforderung, denen das glaubwürdig zu erklären", sagt Griesbeck.

Für Yomi Kuku und "Search and Groom" jedenfalls ist es schon die zweite schlechte Erfahrung mit europäischen Behörden. Vergangenes Jahr verweigerten die britischen Behörden die Visa für die Obdachlosen-WM in Schottland.

"Meine Jungs haben jetzt gesagt: Brother, du hast uns versprochen, dass das nicht mehr passiert! Ich konnte es ihnen nicht erklären", sagt Kuku. "Die Botschaften wollen einfach nicht, dass die Welt eins ist."

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