Von Benin City nach Oberhausen "Sie fesselten und schlugen mich"

Er brachte ihr Schuhe mit, rote Schuhe. Davon hatte Sandra aus Benin City ihr Leben lang geträumt. Und der Mann, der Onko hieß, versprach ihr ein besseres Leben in Germany. Doch statt in Oberhausen in einer Boutique zu arbeiten, wurde sie zur Prostitution gezwungen.

Hamburg - Benin City in Nigeria ist die Stadt des Mädchenhandels. Die Mädchen sind 13 oder 14 Jahre alt; sobald sie einen Busen bekommen, sind sie Ware, und dann müssen sie fort.

Alle hier wissen es, und viele, viel zu viele machen mit, und jeder kriegt ein bisschen Geld ab - und wenn ein Schlepper heute in den Knast kommt, ist er morgen frei. Es ist eine Weile her, es war vor dieser Reise, da trafen wir in einer westdeutschen Kleinstadt eine junge Frau, die geschützt werden muss; nennen wir sie also Sandra. Sandra ist 25 Jahre alt, sie kommt aus Benin City, und sie saß in einem Bahnhofsrestaurant in Jeans und weißem Top und Strickjacke, die lockigen schwarzen Haare hatte sie zurückgebunden, und die braunen Augen flackerten.

Sandra war schlau, schlagfertig und zugleich ziemlich schüchtern, weil sie sich verstecken musste vor Schleppern und Zuhältern. Sie war ausgebrochen aus dieser Welt, hatte das Spiel beendet, und geholfen hatten ihr Schwester Lea Ackermann und deren Kolleginnen von Solwodi, jener Organisation in Boppard am Rhein, die Zwangsprostituierten hilft und anderen Frauen, die in Not geraten sind.

Sandra erzählt langsam. Sie spricht fließend Deutsch, aber sie wartet oft fünf Minuten lang, bevor sie wieder ein Wort sagt, sie sitzt vier Stunden lang vor einem Glas Mineralwasser, und am Ende springt sie auf, rennt davon, ist fort, und ihr Wasserglas ist noch immer halbvoll.

Sandra, 25, Benin City:

Das Afrika, an das ich mich erinnere, ist eines, in dem die Sonne scheint. Das Afrika meiner Brüder und Schwestern. Aber ich denke nicht oft daran. Ich rufe nicht an, und ein Brief, den ich geschrieben habe, kam nie zu Hause an. Mein Vater ist gestorben, vor zwei Jahren, das habe ich erfahren, aber ich weiß nicht, woran. Er hatte früher immer Fieber, aber an Fieber stirbt man doch nicht.

Wie viele Kilometer sind das? Von Benin City nach Germany? Der Mann, der mich hergebracht hat, heißt Onko. Er war ungefähr 30 Jahre alt, ein schwarzer Mann, aber ich kenne nur diesen einen Namen: Onko. Wahrscheinlich sucht er mich. Wahrscheinlich ist er wütend auf mich. So wütend, dass er mich töten würde.

Wir waren vier Jungen und drei Mädchen in unserer Familie, ich war die Mittlere. Mein Vater war Schreiner. Immer wenn er einen Stuhl fertig hatte, stellte er ihn vors Haus, und dort versuchten wir dann den Stuhl zu verkaufen. Meine Mutter packte Obst in große Taschen, die wir für sie zum Markt trugen, dort versuchten wir das Obst zu verkaufen. Wir mussten immer sehr weit laufen in Benin City. Zum Markt. Zur Wasserstelle. Immer laufen, immer barfuß, keiner von uns konnte den Bus bezahlen. Wir hatten auch keine Betten, wir hatten einen Raum für uns alle, nur diese Hütte aus Bambusstangen, und schliefen dort auf dem Boden. Und wir hatten keinen Strom, und manchmal gab es einmal am Tag etwas zu essen, manchmal gar nicht.

Wenn wir spielten, dann waren das Hüpfspiele. Oder Seilspringen. Aber wir spielten nicht so oft.

Wir gingen eigentlich auch nicht in die Schule. Hin und wieder mal, für ein paar Wochen, ich kann ein wenig lesen und schreiben und rechnen. Wir saßen in der Schule alle unter einem Dach, die Jungs in kurzen Hosen und wir Mädchen in blauen Kleidern. Das mochte ich sehr, aber meine Eltern hatten nicht genug Geld. Von 100 Euro kann eine Familie in Benin City einen Monat lang leben, 100 Euro kostet auch ein Monat Schule für ein Kind. Man muss sich als Kind das Geld selbst verdienen, um zur Schule zu gehen, aber das ging nicht in Benin City, wo niemand Geld verdient.

Manchmal denke ich, es ist besser, als Kind keine Wünsche zu haben. Und nicht zu träumen. Wer Wünsche hat oder einen Traum, der tut ja alles dafür. Wünsche und Träume machen es Verbrechern leicht. Dann können sie kommen, mit einem Lächeln von der Erfüllung deiner Wünsche sprechen, und dann zerstören sie dein Leben. Lächelnd.

Ich habe von Schuhen geträumt.

Lesen Sie, in welchem Moment sich Sandras Leben entschied

Mein Leben entschied sich in dem Moment, als meine Freundin Osasa zu mir kam. Ich wollte eigentlich schlafen, es war ein heißer Tag, mittags, ich wollte gar nicht mit ihr spielen. "Jetzt komm' schon, ich habe hier Pfeil und Bogen von meinen Brüdern, ich zeig's dir", sagte sie. Und dann schoss sie. "Jetzt bist du dran", sagte sie.

Ich weiß nicht, wie es kam. Auch nicht mehr, wie ich den Bogen hielt. Nichts mehr. Aber auf einmal hielt Osasa sich das Gesicht und schrie, dann kamen die anderen, alle schrien, schlugen mich, trugen Osasa weg. Ich weiß nicht, wie ich es gemacht hatte, aber ich hatte ihr ein Auge ausgeschossen.

Manchmal gibt es das ja, dass ein Moment über ein Leben entscheidet. Das war mein Moment. Ich war neun Jahre alt.

Ich trug die Schuld. Allein. Mein Vater sagte, er habe nichts damit zu tun. Er schrie nur noch. Er schlug mich, immer auf die Augen. Ich hatte damals ganz rote Augen von den vielen Schlägen. Es ist bei uns so, dass es keine Polizei gibt, die so etwas regelt, das machen die Familien unter sich aus. Von diesem Moment an hatten wir Schulden bei Osasas Familie. Ihre Brüder wollten Geld von uns, das stand ihnen zu. Sie durften mich verprügeln, wann immer sie wollten. Dann kamen sie wieder und wollten mehr Geld, und nach zwei Jahren sagte mein Vater, er könne nicht mehr, er könne mich auch nicht verstecken, ich dürfe nicht die ganze Familie in den Abgrund reißen. Darum müsse ich fort. So kam ich zu seiner Schwester und ihrem Mann, die hatten zwei kleine Kinder, drei Monate und zwei Jahre alt. Auf die musste ich aufpassen, und der Mann verprügelte mich. Er wollte mit mir schlafen. Er zerschnitt meine Kleider. In Afrika dürfen Männer tun, was sie wollen, fremdgehen, prügeln, Männer dürfen alles. Mein Großvater hatte sieben Frauen, Männern ist alles erlaubt. Ich hatte immer viel zu große Angst, um zu schreien.

Wenn ich weinte und eine Freundin mich fragte, was los sei, sagte ich nur: "Nichts, ich habe einen Teller fallen lassen." Ich habe mich so geschämt. Zweimal bin ich fortgelaufen, mitten in der Nacht, da bin ich nach Hause gegangen, aber mein Vater sagte nur: "Du warst wohl nicht brav zu deinem Onkel". Dann schickte er mich zurück.

Meine Mutter sagte: "Wir könnten alle genug zu essen haben, wenn du nicht wärst." Mein Vater sagte: "Wenn ich kein Mensch wäre, würde ich dich umbringen dafür, dass du den Dreck und die Katastrophe in unsere Familie gebracht hast." Als ich dann etwas größer war, habe ich gekocht für eine Frau, die auf der Straße, unter einem Baum, eines von diesen kleinen Restaurants hatte. Ich bekam kein Geld, aber ich durfte bei ihr essen, das war schon viel. Und dann kam der Mann.

Er bestellte etwas, sprach mit mir, fragte: "Bist du oft hier?" Das war Onko. Dann kam der Mann wieder und brachte Schuhe mit.

Schuhe! Verstehst du? Onko sagte: "Ich komme gerade aus Europa zurück, Germany, kennst du das?" Ich hatte keine Ahnung. Amerika und Jamaika, das hatte ich schon mal gehört, aber nichts von Germany. Er wirkte so nett und so vertrauensvoll. "Du musst reich sein", sagte ich zu ihm, und er sagte: "Ich werde bald zurückgehen nach Germany, ich habe hier keine Familie mehr." So kam das alles.

Und dann sagte er: "Hast du Lust mitzukommen? Germany ist ein reiches Land. Du kannst viel Geld verdienen in Germany und zur Schule gehen. Du kannst dort tun, was du willst." Ich sagte: "Ich kenne dich nicht, du bist der Weihnachtsmann für mich, warum sollte ich mitgehen?" Er sagte: "Du kennst mich. Ich bin ganz normal, ich bin nett, ich habe dir Schuhe geschenkt, oder nicht?" Rote Schuhe waren das.

Ich habe es dann meiner Mutter erzählt, und sie sagte: "Ja klar, das klingt gut, dann kannst du unsere Schulden bezahlen." Und ich hatte das Gefühl, das plötzlich alles möglich war, ich fühlte mich ja längst wie ein Geist, ein Mensch ohne Kopf, und was für Möglichkeiten waren das nun.

Der Mann sagte, ich könnte nicht sofort zur Schule gehen, ich müsste erst in einem Restaurant oder in der Boutique seiner Frau arbeiten und ihm das Flugticket zurückzahlen, aber dann sei ich frei. Das fand ich gerecht. Ich dachte, Germany ist vielleicht drei Stunden entfernt, und wenn es nicht klappt, fahre ich wieder nach Hause. Einen Vertrag haben wir nicht gemacht, mein Leben war der Vertrag, mein Leben war die Unterschrift. Onko kaufte mir ein neues Kleid, "das zerrissene brauchst du nicht mehr", sagte er. Ich hatte Angst, als wir in das Flugzeug stiegen, und er hatte alle Papiere, einen Pass für mich und das Ticket.

Es war ein langer Flug. Ich war 17 Jahre alt.

Und dann war ich in Oberhausen. Es war kalt dort. Ich hatte ein Zimmer mit Fernseher und Radio. Ein Zimmer für mich allein. Er gab mir eine Tasche und sagte, da sei alles drin, was ich brauche, aber da waren nur Unterwäsche und BHs. Seine Frau habe ich nie gesehen, sein Kind auch nie, ich habe immer nur Männer gesehen. Onko war derjenige, der mir sagte, ich müsse mit Männern schlafen, weil wir Geld bräuchten. Ich sagte: "Ich kann nicht." Er sagte: "Es ist nur ein Mann." Ich sagte: "Nein, bitte, ich kann das nicht." Er sagte: "Es gibt Sachen, die kann man, die muss man nicht lernen." Ich sagte: "Tu' mir das nicht an." Er sagte: "Lass mich jetzt nicht im Stich."

So fing es an. Ein Mann kam zu mir, und dann der nächste Mann. Immer wieder kamen sie, immer mehr, immer weiter. Wie lange, nein, das weiß ich nicht. Sie fesselten mich, sie schlugen mich, und das ging so, bis ich schwanger war. In Oberhausen, Germany.

Lesen Sie morgen den Bericht von Präsident N. Adam Progress aus Ghana, einem Computeringenieur.

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