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Von Peking nach Hamburg "Ich bin nicht integriert, ich bin Chinesin"

Linying Reiss kam aus China nach Hamburg - und haderte noch lange Zeit mit ihrer Entscheidung. Ist sie heute integriert? Nein, sagt die Künstlerin. Ihre Geschichte ist ein Beispiel für die schwierigen Lebenswege von Einwanderern in Deutschland.

Hamburg - Ob Seehofer oder Sarrazin, Hu Jintao oder Kim Jong Il: Für Linying Reiss sind Politiker nichts weiter als - Frösche. Und die malt die 43-Jährige mit Inbrunst, in allen Formen und Farben, fliegend, kopulierend, springend oder schmollend. Für die chinesische Künstlerin haben all die bunten Lurche auf ihrer Leinwand vor allem eines gemeinsam: Sie quaken, quatschen, aufgeregt oder beschwörend, aber ohne jede Aussage vor sich hin. Wie die großen Polit-Akteure weltweit, vereint in der wahrhaft globalen Rhetorik des Nichtssagens.

"Der Frosch im Brunnen ahnt nichts von der Weite des Meeres", zitiert Reiss ein chinesisches Sprichwort, um zu verdeutlichen, was sie unter "vegetarischer Politik"  versteht: Im Angesicht der eigenen Unwissenheit einfach mal die Klappe halten, sich zurücknehmen, das Leben und das Wort achten, um der Wahrheit willen.

Vor elf Jahren kam die Künstlerin und Buchautorin nach Deutschland, Gründe gab es viele: "Ich war müde vom harten Arbeiten, erschöpft vom hektischen Leben in Peking, immer im Schatten der großen Hochhäuser", sagt sie. "Ich wollte endlich wieder blauen Himmel sehen, das Singen der Vögel hören, den Duft der Erde riechen - so wie ich es aus dem Dorf meiner Kindheit kannte."

Über den bitterarmen Flecken Jiangzhuang in der Provinz Henan hat Reiss ein Buch geschrieben, eine Art Familienchronik, die die immensen Umwälzungen der vergangenen 50 Jahre dokumentiert. Hier wurde sie groß, hier kämpfte der Vater, ein des Lesens kaum mächtiger Bergmann, gegen Hunger, Krankheit und Ehrverlust. Hier gab es einen Brunnen, an dem sich die traditionell verfeindeten Bewohner des Ost- und Westhofs stritten und wieder vertrugen.

Heute treffen sich die Streithähne von einst vor Gericht. Die gesamte Bevölkerung wurde in ein Neubaugebiet umgesiedelt, wo die Familien auf 169 Quadratmetern Grundstück Häuser bauen, die umso höher werden, je mehr Mitglieder eine Familie hat. Die meisten ehemaligen Dörfler begrüßen den Umschwung, weil er eine Verbesserung ihres Lebensstandards bedeutet. Für die emigrierte Reiss ist es nichts weiter als das brutale Kappen der eigenen Wurzeln. "Als meine Mutter mir von der Zerstörung des alten Dorfkerns berichtete, hab ich wie ein Kind geweint", erzählt sie.

Es ist ihre enge, sehr innige Verbindung zur Heimat, die Linying immer wieder nach China führt: "Ich muss zwischendurch nach Hause fahren und meine Kultur tanken", sagt sie und schaut versonnen auf ihre sechsjährige Tochter Junlina, die mit einem Nachbarskind wild um die großformatigen Acryl- und Ölbilder herumturnt, die in ihrem Atelier stehen und einen angenehm süßlichen Duft verströmen.

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Chinesische Migrantin: Die vegetarische Politik der Linying Reiss

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Per Losverfahren nach Deutschland

Dass die Malerin überhaupt in Deutschland landete, war Zufall - oder Schicksal, je nach Lesart. "Ich wollte irgendwo in Europa ein paar Jahre verbringen", erzählt Reiss. Verschiedene Länder standen zur Auswahl, die junge Frau ließ das Los entscheiden: "Ich zog Deutschland - und war heilfroh, weil ich auf keinen Fall nach Frankreich wollte", sagt sie heute lachend.

Etwa 3500 Chinesen leben in Hamburg, das traditionell enge Handelsbeziehungen zu ihrem Heimatland pflegt. Knapp 800 hiesige Unternehmen engagieren sich in der Volksrepublik, rund 450 chinesische Firmen haben ihren Sitz in der Hansestadt. Für Reiss spielte das florierende Business allerdings nie eine Rolle. Sie kam im Jahr 1999 mit einem Sparbuch und einer Zulassung für die Universität nach Göttingen, um Kunstgeschichte zu studieren. Ein Jahr später lernte sie ihren jetzigen Mann kennen, dann wurde die gemeinsame Tochter geboren.

"Deutschland ist gut für mich", sagt Reiss und rutscht unruhig auf ihrem Stuhl herum. "Das Leben ist beschaulicher als in China, hier komme ich zu mir und kann mich konzentrieren." Dutzende Bilder sind in Hamburg entstanden, zwei Bücher hat die Autorin in der Hansestadt geschrieben - auf Chinesisch, versteht sich.

Gerade weil sie selbst Schriftstellerin ist, ärgert es Reiss, dass sie noch immer nicht gut genug Deutsch spricht, um präzise auszudrücken, was sie empfindet, die bedeutungsschweren Feinheiten und Nuancen zu nutzen, die eine Sprache bietet. "Mir fehlen das fließende Sprechen, der klare Ausdruck, so einfache Dinge, wie im Buchladen zu sitzen und stundenlang zu schmökern."

"Verantwortlich für mich selbst"

Es sei ihr insgesamt schwer gefallen, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen, sagt Linying Reiss ohne erkennbare Regung im Gesicht. "Es hat lange gedauert, bis ich von der einen Art zu leben in die andere übergegangen bin. Eigentlich lebe ich bis heute zwischen den Kulturen."

Manche Seltsamkeit habe sie mit Humor genommen und in ihren Bildern verarbeitet, erinnert sich die Malerin. So habe sie einmal einen wohlhabenden Mann mittleren Alters kennengelernt, der gut aussah, gebildet und freundlich war. Als sie ihn fragte, ob er verheiratet sei, habe er verneint. "Warum nicht?", wunderte sich Reiss. "Ich liebe meine Hunde", so die trockene Antwort.

Anfangs habe sie nur ein paar Jahre bleiben wollen, sich zwischendurch sogar um einen Job für ihren Mann in China bemüht. "Jetzt aber geht unsere Tochter hier zur Schule, sie ist Deutsche. Da darf ich nicht einfach gehen." Zwar habe sie Familie und sehr nette Bekannte und Freunde in Deutschland. Tatsache aber sei: "Ich bin nicht integriert. Ich bin Chinesin, daran kann ich nichts ändern." Dafür sei die kleine Junlina gut in der deutschen Gesellschaft verankert: "Sie wächst in beiden Kulturen auf, das ist toll - und ein großer Vorteil für sie."

Manchmal ist Reiss mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert, mit Fehleinschätzungen und dem Gefühl, auf Grund ihres fremdländischen Aussehens wie eine Idiotin behandelt zu werden. Doch sie hält nichts von Verallgemeinerungen. "Wenn man mir negativ begegnet, gehe ich davon aus, dass es mit meiner Persönlichkeit zu tun hat und nicht mit meiner Kultur." Überzeugen könne sie ohnehin nur mit Charakter: "Ich bin ich. Ich bin verantwortlich für mich selbst."

Was ihr fremd sei in Deutschland? Reiss zögert lange. "Mir ist es unverständlich, wie deutsche Mütter ihre Kinder verhungern lassen können", sagt sie dann im Hinblick auf die vielen Fälle von Kindesvernachlässigung in den vergangenen Jahren. "Genauso, wie es mir unverständlich ist, wie chinesische Mütter ihre Kinder verkaufen können."

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