Wallfahrt Kosmischer Heiland

Ein deutscher Unternehmer will das größte Christus-Monument der Welt errichten lassen. 55 Meter hoch soll der Heiland in den Himmel ragen, in seinem Leib könnten Pilger Andacht halten. Mehrere Gemeinden in Bayern bewerben sich als Standort. Es geht um den Glauben - und ums große Geld.

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München - In Bad Reichenhall sollte die Christus-Figur in den Himmel ragen, auf dem Gipfel des Predigtstuhl, über dessen Hänge sich Ludwig Angerer schon vor 60 Jahren mutig auf seinen Skiern in die Tiefe stürzte. Damals gab es noch keine Bahn hinauf auf den 1613 Meter hohen Berg, jetzt fährt sie und macht Miese.

Jesus-Figur in Rio de Janeiro: Symbiose aus Wallfahrtsort und heimischer Kunst
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Jesus-Figur in Rio de Janeiro: Symbiose aus Wallfahrtsort und heimischer Kunst

Einer der Bahngesellschafter ließ deshalb bei dem Dresdner Unternehmer Harry Vossberg um Rat fragen, wie er um alles in der Welt sein mageres Geschäft ankurbeln könne. Und Vossberg war noch nie um einen Idee verlegen, wenn es um Projekte für Kunst und Kultur ging, hauptsächlich um etwas ganz Großes.

Diesmal ging es um großen Glauben, um die in Deutschland durch Benedikt XVI. ausgebrochene Papst-Manie, die Vossberg überzeugte: Nichts zieht in diesen Tagen mehr als eine religiöse Attraktion an einem Ort, der ohnehin das Göttliche schon im Namen trägt. Der findige Kaufmann gründete die "Christliche Initiative Predigtstuhl", fand Investoren und in dem Bildhauer Ludwig "Angerer der Ältere" einen würdigen Architekten für seinen Plan: eine gigantische Christus-Statue mit einer Kathedrale im Leib, ein Hotel für die mühselig und beladenen Pilger, ein Magnet für Millionen Touristen, das über der Stadt thront.

Dumm nur, dass sich die Stadt Reichenhall für die Symbiose aus Wallfahrtsort und heimischer Kunst so gar nicht erwärmen konnte und dem kühnen Plan ein Ende bereitete. Der 55 Meter hohe Beton-Jesus, gestaltet wie ein alpenländisches Pendant der Skulptur auf dem Corcovado in Rio de Janeiro und sogar fast 20 Meter höher, war den Bürgern zu bombastisch und zu kitschig.

Seither tobt ein Wettrennen unter Deutschlands abgelegensten Gemeinden, die sich schon als zweites Lourdes wähnen und den Koloss aus Beton, Kunstharz und Stahl auf ihre Fluren holen wollen. Es geht nicht nur um großen Glauben, es geht vor allem ums große Geld.

Empor schauen wie in einer Rakete

Wassertrüdingen in Franken etwa kämpfte um den Zuschlag, ein Ort, dessen Namen nicht einmal die meisten Bayern kennen. Doch das soll sich ändern. Die niederländischen Center-Parcs-Betreiber möchten nördlich von Wassertrüdingen eine Freizeitanlage bauen mit Hunderten von Bungalows, die benachbarte Seenlandschaft verbucht heute schon über eine Million Übernachtungen pro Jahr. Die Beton-Ikone hätte den Tourismus sicher weiter nach vorne katapultiert. Also war der Stadtrat Feuer und Flamme für das Monument, das Künstler Angerer einen "kosmischen Heiland" nennt, weil man in seinem Innern empor schauen kann wie in einer Rakete.

Die Pläne waren schon abgesegnet, als der örtlichen Geistlichkeit ernste Zweifel an der seelsorgerischen Wirkung des Vorhabens kamen. Kein bayerischer Bürgermeister legt sich mit dem Pfarrer an - Wassertrüdingen sprang ab.

Eine gute Strecke weiter nördlich in Oberfranken bewirbt sich nun die Stadt Rödental um die Skulptur. Der Grund: In Rödental soll im Herbst ein ICE-Tunnel gegraben und jede Menge Erdreich aufgeschüttet werden. Der neue Hügel wäre, meint Bürgermeister Gerhard Preß, ein guter Platz für die Christus-Figur.

"Ein Zeichen unseres christlichen Abendlandes"

Fraglich ist, ob das niederbayerische Deggendorf an der Donau noch mitmischt. Die heilsbringende Statue hat inzwischen die Kommune komplett gespalten, nachdem es Gerüchte gab, sie solle auf dem nahen Natternberg übers Land blicken. Während die Rathauschefin Anna Eder das Projekt für "überdimensioniert in unserer bäuerlichen Kulturlandschaft" hält, sieht der CSU-Stadtrat Manfred Eiberweiser in ihm "ein Zeichen unseres christlichen Abendlandes". Angerer der Ältere will sogar erfahren haben, dass sich in Deggendorf eine Widerstandgruppe formiert, die das umstrittene Kunstwerk durchsetzen und der Stadt zu einem warmen Segen verhelfen möchte.

Vossberg hat nun eine Jury eingesetzt. Hinter verschlossenen Türen tagen in einer Hamburger Büroetage Projektentwickler und Finanzmanager, um alle Bewerbungen - es sollen immerhin Dutzende sein - zu sichten. "Der Ort, der den Zuschlag erhält, muss schon einen religiösen Hintergrund haben", fordert der Initiator. Denn Voraussetzung für den Bau des nach Angaben des Künstlers rund 15 Millionen Euro teuren Projekts sei die Zustimmung der Kirche. Schließlich wollen die Investoren katholische, evangelische und orthodoxe Gottesdienste in der Statue feiern lassen, alles andere wäre einen echten Wallfahrtsort wohl ziemlich abträglich.

"Dass wir das ganze unter einem merkantilen Gesichtspunkt sehen, ist lächerlich", sagt Vossberg. Im Gegenteil, der Gewinn, den Heiland und Hotel erwirtschaften, solle über eine Stiftung in wohltätige Zwecke fließen. Ob das die Kirchen überzeugt, bleibt fraglich. Die Deutsche Bischofskonferenz ließ ausrichten, sie gebe zu der Riesenstatue keine Stellungnahme ab. Die Evangelische Kirche in Deutschland urteilte, die Größe der Figur liege ihrer Frömmigkeitspraxis eher fern.

Kleiner wird sie jedoch keinesfalls. Der gebürtige Hamburger Vossberg könnte sich das Monument nämlich auch sehr gut an der Elbmündung vorstellen. Auch von dort gibt es Anfragen. "Damit könnte man dann die Schiffe aus aller Welt begrüßen. Ganz im Sinne unserer christlichen Seefahrt."



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