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Politische Stimmung »Wankelmütige Risikogruppe«

Der Chemnitzer Soziologe Henning Laux, 43, über die niedrige Zustimmung zur Demokratie in Ostdeutschland
Ein Interview von Sven Röbel
aus DER SPIEGEL 41/2022
Laux

Laux

Foto: Jacob Müller / TU Chemnitz

SPIEGEL: Herr Laux, Sie haben gemeinsam mit einem Team die politische Stimmung in Chemnitz nach den Krawallen von 2018 erforscht. Mit welchem Ergebnis?

Laux: Chemnitz ist geprägt durch eine apolitische Mitte, die der radikalen Rechten den öffentlichen Raum überlassen hat. Dort kann sich diese als Volk inszenieren. Die Rechten reklamieren Freiheitsrechte, um mit ihrer Hilfe demokratische Institutionen abzuschaffen. Chemnitz erweist sich damit als Musterfall für die Herausforderungen der Risikodemokratie.

Aus: DER SPIEGEL 41/2022

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SPIEGEL: Laut einer aktuellen Umfrage sind nur noch 39 Prozent der Ostdeutschen zufrieden mit der Demokratie. Überrascht Sie das?

Laux: Nein. Im Osten dominiert eine Sehnsucht nach unpolitischer Normalität. Die Gleichzeitigkeit der Konflikte – Zuwanderung, Pandemie, Krieg, Energie, Inflation, Klimawandel – ist daher eine echte Belastungsprobe für unser Gemeinwesen.

SPIEGEL: Warum haben viele frühere DDR-Bürgerinnen und -Bürger noch heute Verständnis für das autoritäre Regime in Russland?

Laux: In der DDR wurden eine soziokulturelle Nähe zur Sowjetunion und eine systemkritische Distanz zu den USA kultiviert. Beides hallt bis heute nach. Eine radikale Abkehr von Russland bei gleichzeitiger Hinwendung zu den USA finden viele einfach unplausibel.

SPIEGEL: Haben sich die Ostdeutschen radikalisiert?

Laux: Ich würde eher von einer Normalisierung der radikalen Rechten sprechen. Deren Personen, Werte, Symbole und Praktiken gehören mittlerweile in vielen Regionen Ostdeutschlands zum alltäglichen Bild. Ausgehend von diesem verschobenen Normalitätsfenster ist es demnach kein Tabubruch mehr, mit Rechtsradikalen demonstrieren zu gehen. Man begegnet ihnen ja auch beim Fußball, in der Straßenbahn, im Supermarkt, beim Grillfest des Nachbarn, im Gottesdienst oder beim Elternabend der Kinder.

SPIEGEL: Das Problem liegt also eher in der Mitte?

Laux: Ja. Die Wahlergebnisse der vergangenen Jahre belegen dort eine erhöhte Durchlässigkeit für rechtsradikale Positionen. Das Misstrauen gegenüber Politik, Medien und Wissenschaft steigt. Und für wachsende Bevölkerungsteile verschwimmt die Differenz zwischen den Positionen, sie sehnen sich nach einer verlässlichen Welt, fast egal wie diese ausgestaltet ist. Die ostdeutsche Mitte avanciert damit zu einer wankelmütigen Risikogruppe mit großer Bedeutung für die Zukunft der Demokratie in Deutschland.

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