Chef-Katastrophenhelfer Unger zum Warntag "Wir haben eine sehr unvorbereitete Bevölkerung"

Deutschland übt den Ernstfall: Mit einem bundesweiten Probealarm will der oberste Katastrophenhelfer an diesem Donnerstag die Systeme prüfen - und erreichen, dass die Menschen besser gewappnet sind.
Ein Interview von Alexander Preker
Sirene auf einem Dach in Mecklenburg-Vorpommern: "Es wird ungemütlicher"

Sirene auf einem Dach in Mecklenburg-Vorpommern: "Es wird ungemütlicher"

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Jens Büttner / dpa

SPIEGEL: Herr Unger, müssen Sie sich am Donnerstag um 11 Uhr die Ohren zuhalten?

Christoph Unger: Ja, das muss ich. Ich bin dann in Mannheim und schaue mir an, wie die Warnung an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz funktioniert. 

SPIEGEL: Warum gerade da?

Unger: Das ist für uns eine spannende Metropolregion, weil sie zwei Bundesländer betrifft und dicht besiedelt ist, auch von vielen Menschen, die nicht oder nur schlecht Deutsch sprechen. Zugleich gibt es etwa durch die BASF durchaus Gefahrenpotential. Wir wollen uns anschauen: Wie werden Warnsignale empfangen - und wie müssen sie etwa im Fall einer Gefahrstoffwolke ausgesandt werden, damit sie richtig verstanden werden.

SPIEGEL: Und das geht am besten über klassische Sirenen?

Unger: Keineswegs. Sirenen sind dumm. Sie können bestimmte Signale aussenden, doch ob Menschen diese noch verstehen, ist eine andere Frage. Denn wir haben eine sehr unvorbereitete Bevölkerung. Es ist ja nicht so wie in Zeiten des Kalten Krieges, als auf jeder Rückseite eines gelben Telefonbuchs die Warnsignale erklärt wurden. Auch deshalb setzen wir auf einen Mix an Warnwegen und Warnendgeräten.

SPIEGEL: Wie sieht der aus?

Unger: Wir bedienen Rundfunk, Fernsehen und Presseagenturen. Wir warnen über Apps und bespielen digitale Werbetafeln in den Städten. Und wir suchen auch nach neuen Wegen: So wollen wir auch Navigationsgeräte in Autos oder Laternen ansteuern, die im Alarmfall rot leuchten könnten. Aber zum Mix gehören eben auch Sirenen und Lautsprecherwagen. Die Gesellschaft ist ja sehr heterogen, viele ältere Leute haben etwa kein Smartphone.

SPIEGEL: In Berlin gibt es gar keine Sirenen mehr, auch anderenorts bleibt es still. Sind die Sirenen bald ganz verschwunden?

Unger: Na ja, es gibt Regionen, in denen man sogar wieder neue Sirenen installiert hat. In Sachsen und Bayern nach dem Hochwasser 2002, aber auch entlang der Rheinschiene und auch in Mannheim. Wir arbeiten gerade daran, diese Sirenen so anzuschließen, dass wir sie auch zentral auslösen können. Derzeit ist das nur vor Ort über die Leitstellen möglich. Besser wäre es, wir könnten in Bonn auf einen Knopf drücken und der Alarm geht los.

SPIEGEL: Sind Sie zuversichtlich, im Fall der Fälle alle Menschen zu erreichen?

Unger: Im Moment nicht alle. Aber wir arbeiten daran! Das Warnwesen wurde nach dem Ende des Kalten Krieges radikal abgebaut. Wir hatten früher allein in Westdeutschland zehn Warnämter mit 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie rund 86.000 Sirenen. Die hat man den Kommunen überlassen, nur noch wenige hiervon sind noch in Betrieb. Anfang der Nullerjahre haben wir ein satellitengestütztes Warnsystem aufgebaut, über das kann man aber nur Rundfunk und Fernsehen erreichen. Nach den Erfahrungen des Hochwassers 2002 erhielten wir dann den Auftrag, ein neues Warnsystem aufzubauen. Der Wiederaufbau eines bundesweiten Sirenensystems würde einen hohen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Auch deshalb haben wir auf eine kostengünstigere Variante gesetzt: NINA, die Notfall-Informations- und Nachrichten-App.

SPIEGEL: Die dann nicht nur ein Warnsignal gibt, sondern gleich Infos dazu?

Unger: Genau. Das Smartphone ist eine Taschensirene, über die aber auch konkrete Handlungsempfehlungen gegeben werden können, etwa Evakuierungsrouten im Fall einer Gefahrstoffwolke.

SPIEGEL: In anderen Ländern erhält man bei Gefahrenlagen automatisch eine Handynachricht, wenn man sich in einer bestimmten Gegend aufhält.

Unger*: Ja, die Niederlande zum Beispiel setzen auf dieses Cell-Broadcast-System. Cell-Broadcasting wird derzeit aber von keinem deutschen Mobilfunkanbieter angeboten und steht daher zu Zwecken der Bevölkerungswarnung hierzulande aktuell nicht zur Verfügung. Die zuständigen Stellen prüfen, ob und unter welchen Umständen es möglich und sinnvoll ist, Cell-Broadcast als zusätzlichen Warnkanal einzuführen. Derzeit setzen wir auf die App...

SPIEGEL: ...die aber nur denen nutzt, die sie heruntergeladen haben.

Unger: Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass das ein guter Weg ist. Bereits sieben Millionen Nutzerinnen und Nutzer haben unsere App heruntergeladen, das Interesse steigt, und der Bundestag hat noch mal drei Millionen Euro extra zur Verfügung gestellt, damit wir bis zu 40 Millionen Bürgerinnen und Bürger erreichen können. Damit ist die App durchaus ein Sprachrohr der Bundesregierung. Zusammen mit den anderen Medien hätten wir dann eine große Reichweite. Wir arbeiten gerade auch daran, unsere App in sieben Sprachen anbieten zu können, damit auch Menschen besser gewarnt werden, die nicht gut Deutsch können.

SPIEGEL: Warum haben Sie überhaupt Ihre App eingeführt? Es gibt ja auch die von Fraunhofer-Forschern entwickelte KatWarn-App.

Unger: Es war eine parallele Entwicklung, und es gibt bis heute eine gewisse Konkurrenzsituation in den Ländern. Doch die Warnung, die wir zentral aussenden, wird auch über KatWarn empfangen. Aber am Ende wollen wir alle die Sicherheit der Bevölkerung erhöhen und die Menschen schützen.

SPIEGEL: Und was ist mit dem Schutz vor Cyberangriffen? Da dürften die Sirenen ja robuster sein.

Unger: Ganz so einfach ist es nicht, heutige Sirenen sind auch digitale Hightech-Maschinen. Noch mal: Wir brauchen den Mix, auch falls der eine oder andere Bestandteil mal ausfällt. Bei einem Stromausfall könnten Sie sich etwa auch nicht mehr auf Radio und Fernsehen verlassen.

SPIEGEL: Und warum veranstalten Sie nun den Warntag? Müssen wir uns auf mehr Katastrophen und Gefahrenlagen einstellen?

Unger: Es gibt Entwicklungen im Bereich des Katastrophenschutzes, die uns Sorge bereiten. Es wird ungemütlicher, wenn Sie beispielsweise das Thema "Folgen des Klimawandels" nehmen. Es gibt vermehrt Starkregenereignisse, bei denen sich plötzlich kleine Bäche in reißende Ströme verwandeln und große Schäden anrichten - wie in Simbach am Inn 2016. Auch Terrorlagen traten vermehrt auf. Wir brauchen deshalb ein gutes Warn- und Informationssystem, das die Menschen auch kennen. Nur so können sie mit so einer Lage umgehen und sich ein Stück weit auch selbst helfen.

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SPIEGEL: Was erhoffen Sie sich von dem Tag?

Unger: Wir wollen, dass sich die Menschen mit dem Thema auseinandersetzen, auch in Schulen, Kindergärten oder am Arbeitsplatz. Wie die Warnung technisch funktioniert hat, werten wir im Oktober mit den Bundesländern zusammen aus.

SPIEGEL: Was tun Sie, falls es am Donnerstag zeitgleich zu einer tatsächlichen Katastrophe kommt?

Unger: Das ist sehr unwahrscheinlich, aber natürlich wird die Warnung um 11 Uhr klar als Probealarm erkennbar sein.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, der Bund habe wegen vermeintlicher Kapazitätsprobleme der Mobilfunknetze und aus Datenschutzgründen Abstand von einem Cell-Broadcast-System genommen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat diese Antwort nachträglich korrigiert.

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