Junge Migranten Unter Generalverdacht

Seit der Kölner Neujahrsnacht ist "jung, männlich, südländisch" für viele zu allererst ein Täterprofil. Für Ausländer, die in dieses Raster fallen, wird es zum Stigma. Wir haben in Hamburg, Köln, Berlin und München nachgefragt, was das für die Betroffenen bedeutet.
Jung, männlich, Südländer: Grundsätzlich verdächtig, weil sie ins Raster passen?

Jung, männlich, Südländer: Grundsätzlich verdächtig, weil sie ins Raster passen?

Foto: DPA/ AP

Die Wohncontainer stehen im eiskalten Wind, der über das flache Brachland am Rande eines Kölner Gewerbegebiets fegt. Metallene Menschenbehälter, denkt man, aber innen ist es überraschend warm: 64 Männer im Alter zwischen 17 und 58 Jahren leben dort derzeit, "und die kommen aus 18 Nationen", erzählt Kerstin Engelhard. Immer zwei in einem Zimmer. Es ist eine nüchterne Heimstatt, aber sie bietet alles, was man braucht.

Seit Mai 2015 leitet Engelhard für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) die Flüchtlingsunterbringung Ottostraße. "Als ich mich damals bewarb und hörte, dass es um ein reines Männerwohnheim geht, habe ich erst gedacht: Warum nehmen die keinen Mann dafür?" Um dann zu entdecken, dass es kaum Probleme gab mit Respekt und Anerkennung: "Ich habe mich ganz schnell wohlgefühlt in dem Job."

Engelhard organisiert das Zusammenleben der Männer, sorgt für Kontakte, vermittelt Kurse, berät und betreut. Ein Heim ist kein Knast: Die Männer kommen und gehen, sie kochen selbst und waschen ihre Wäsche. Ein bisschen wie in einer übergroßen WG, und ja, natürlich gebe es da auch mal Streit. Aber große Probleme?

Syrer Jad, Heimleiterin Engelhard, Marokkaner Sarghini: Hilfestellung beim Weg in den deutschen Alltag

Syrer Jad, Heimleiterin Engelhard, Marokkaner Sarghini: Hilfestellung beim Weg in den deutschen Alltag

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Keine", sagt Engelhard: "15 von unseren Männern sind im letzten Jahr in eigene Wohnungen gezogen, ein paar freiwillig zurück in ihre Länder gegangen." Der Rest versucht, in den deutschen Alltag zu finden. Und dann kam Silvester 2015. "Viele von unseren Bewohnern sind wirklich wütend über das, was da passiert ist", sagt Engelhard.

Kein Wunder, denn seitdem stehen junge Südländer quasi unter Generalverdacht. Man spürt das überall in der Domstadt, wo ins Muster passende Migranten zusammenkommen. Auch für sie sind die Konsequenzen der Nacht oft schockierend - und betreffen sie persönlich.

Der 20-jährige Jad kommt aus dem Norden Syriens. Er hat sein Abitur im tobenden Krieg gemacht, danach aber konnte es in der Heimat für ihn nicht weitergehen: Er will studieren, Bauingenieur werden. Die werden gebraucht, heute in Deutschland und irgendwann auch wieder in Syrien. Die Neujahrsnacht, sagt er, sei "schlimm für alle Flüchtlinge. Man kann doch nicht alle dafür verantwortlich machen. In Köln wurden neulich Flüchtlinge von Deutschen verprügelt. Waren das 'die' Deutschen? Wäre es richtig, das so zu sagen?"

Gerade südländisch wirkenden Migranten macht die veränderte Stimmung auf der Straße Sorge, sie fühlen sich für die Übergriffe am Bahnhof in Sippenhaftung genommen. "Ich will hier nur arbeiten", sagt Sarghini, 36, aus Marokko. "Wenn einer Probleme macht, wenn er keinen Respekt hat und das Gesetz bricht, dann muss man ihn eben zurückschicken!" Man hört das oft von Flüchtlingen, die meisten sehen das so.

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Karg, aber geschützt: So lebt man im Container

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Der 20-jährige Eric aus Ghana nimmt wahr, dass ein Teil des Problems sogar grundsätzlich sei: "Es kommt vor", sagt er, "dass ich mich hinsetze, und der Deutsche neben mir steht auf und setzt sich weg. Aber das ist okay: Es ist nur, weil ich schwarz bin. Das ist fremd für viele Leute hier." Eric versteht das.

  • HAMBURG

Wenn Dieta Brandt von ihrem Büro im ersten Stock aus in die ehemalige Obi-Halle blickt, ist sie deutlich zufriedener als noch im Oktober. Die 54-Jährige leitet für das DRK die Erstaufnahme im Hamburger Stadtteil Neugraben. Gut 400 Flüchtlinge wohnen hier, etwa die Hälfte in dem früheren Baumarkt, die andere Hälfte in Containern davor.

Seit der Betrieb vor knapp vier Monaten begann, hat sich viel getan. Damals reihte sich ein Feldbett an das nächste. Jetzt trennen Leichtbauwände Parzellen ab, in denen auf 30 Quadratmetern 16 Leute unter sich sind. Familien leben meist separat außerhalb der Halle.

Dieta Brandt hat früher selbstständig als Unternehmensberaterin gearbeitet. Sie führt ein strenges Regiment. In der Hamburger Unterkunft ist Alkohol verboten, wer unangenehm auffällt, muss zum Rapport bei der Chefin. Und ebenso resolut nimmt Brandt ihre Bewohner gegen einen Generalverdacht in Schutz.

Heimleiterin Dieta Brandt: Große Unterbringungen haben ganz andere Probleme als kleine

Heimleiterin Dieta Brandt: Große Unterbringungen haben ganz andere Probleme als kleine

Foto: DRK

Es gebe in Neugraben kein grundsätzliches Problem mit übergriffigen Männern. Angesichts der Silvesternacht von Köln müsse man doch feststellen, dass die Gesamtzahl der Täter verschwindend gering sei bei einer Million Flüchtlingen, die im vorigen Jahr ins Land gekommen. Mehrere Bewohner hätten gesagt: "Wir schämen uns für die Vorfälle in Köln."

Was nicht heißt, dass es in Neugraben stets friedlich wäre. Väter prügelten schon mal auf Frau und Kinder ein. Ein junger Mann stellte Frauen nach. Zwei Frauen ließen sich mit fremden Männern ein und baten dann aus Angst vor ihren Ehemännern um Hilfe.

Einzelfälle seien das, sagt Brandt. In einem Camp mit 185 allein reisenden Männern, die Sexualität nur schwer ausleben können. Mit Menschen aus elf Nationen, 42 Prozent Syrer, 29 Prozent Afghanen, die täglich ihre Zeit totschlagen. "Es gibt Angebote von freiwilligen Helfern", sagt Brandt, "aber die reichen bei Weitem nicht, um die Menschen den ganzen Tag zu beschäftigen."

Brandt bemängelt, dass den Flüchtlingen die Perspektive fehle, "weil die Behörden zu langsam arbeiten". Das verstärke Unzufriedenheit. Integration müsse "schon bei uns in der Erstaufnahme beginnen", fordert die DRK-Frau. Praktika sollten von Beginn des Aufenthalts an "zwingend" möglich werden.

  • KÖLN

Ausländer ist nicht Ausländer, und nicht jedes Heim ist ein Heim. Es gibt Orte, an denen es mehr Probleme gibt, und Gruppen, die mehr Probleme machen als andere. In Deizisau nahe Stuttgart etwa wurde gerade eine Unterkunft in Betrieb genommen, die speziell für Flüchtlinge gedacht ist, die zuvor vor allem durch Gewalt auffällig geworden sind. So werden die Problemfälle an einem Ort versammelt, andere Heime sollen damit friedlicher werden.

Alberto (links) ist Kölner serbischer Herkunft, Hamza kam einst aus Marokko, und beide glaubten, die Integration geschafft zu haben: Seit Silvester spüren sie, dass man ihnen mit mehr Misstrauen begegnet

Alberto (links) ist Kölner serbischer Herkunft, Hamza kam einst aus Marokko, und beide glaubten, die Integration geschafft zu haben: Seit Silvester spüren sie, dass man ihnen mit mehr Misstrauen begegnet

Foto: SPIEGEL ONLINE

Zu den Problemgruppen gehören auch deutsche Wutbürger. Martina L., die sich seit 2013 ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert, besteht deswegen darauf, dass ihr echter Name nicht öffentlich wird: "Ich habe mal ein Interview gegeben und bin danach massiv beschimpft und bedroht worden. So was brauche ich nicht." Es ist die Kehrseite der "Ausländergewalt".

Ihr Eindruck von der Situation nach den Silvesterübergriffen: "Ich habe niemals Verhaltensweisen dieser Art erlebt. Nach meiner Kenntnis waren die Männer vom Hauptbahnhof in der Mehrzahl nicht die üblichen Flüchtlinge."

Flüchtlinge seien aber keine homogene Gruppe, auch ihre Situation unterscheide sich von Fall zu Fall: "Manche haben Verwandte, wieder andere dümpeln jahrelang zu dritt auf zwölf Quadratmetern. Wiederum andere sind 'auf Spur', machen Schule, eine Lehre - und dann holt sie die Vergangenheit ein und alles kippt."

Deshalb brauchen Flüchtlinge mehr als nur Versorgung - sie brauchen Strukturen, die ihnen helfen, selbst Tritt zu fassen. In Deutschland sind es vor allem karitative Organisationen, die daran arbeiten.

Sie agieren als Träger der meisten Flüchtlingseinrichtungen: "Der Caritasverband ist in Köln sehr aktiv in der Flüchtlingsberatung und -begleitung", sagt dessen Sprecherin Marianne Jürgens. "Unsere Sozialarbeiter leiten mehrere Flüchtlingsunterkünfte in Köln, außerdem haben wir ein Jugendcafé in der Innenstadt, das abends geöffnet ist und besonders von alleinstehenden jungen Flüchtlingen besucht wird. Einige haben erzählt, dass sie in der Silvesternacht am Hauptbahnhof waren und diese Stimmung dort erlebt und selbst als bedrohlich empfunden haben, und wie sich inzwischen das Klima für sie verändert hat."

Der Verband versucht, dagegenzuhalten.  Tatsächlich verursachte die Neujahrsnacht in weiten Teilen der Bevölkerung eine Entsolidarisierung. Bei anderen, weiß dagegen Kerstin Engelhard, bewirkte genau das wiederum das Gegenteil: "Vor ein paar Tagen verteilten junge Migranten in mehreren Städten Blumen an Frauen, um ihre Solidarität zu zeigen. Am Freitagmittag machten das hier Frauen umgekehrt, um ein Zeichen zu setzen."

Köln, 7. Januar: Eine Gruppe Migranten verteilt Blumen an Frauen. In mehreren Städten gab es ähnliche Aktionen - und auch in umgekehrter Richtung

Köln, 7. Januar: Eine Gruppe Migranten verteilt Blumen an Frauen. In mehreren Städten gab es ähnliche Aktionen - und auch in umgekehrter Richtung

Foto: Maja Hitij/ dpa

  • BERLIN
In der Hauptstadt leitet Juliane Willuhn eine Gemeinschaftsunterkunft der Awo im Stadtteil Buch: Container mit Fluren und Zwei-Bett-Schlafzimmern, insgesamt 500 Bewohner, die sich selbst verpflegen. Alle leben bereits seit mindestens vier, fünf Monaten in der Stadt.

Aus 26 Ländern stammen die Bewohner. Und natürlich "gibt es Konflikte, aber das sind Konflikte wie in einer WG", sagt Willuhn. Wenn das Bad nicht geputzt ist oder Geschirr in der Küche herumsteht. "Der Umgang ist insgesamt respektvoll", sagt Willuhn. "Sexuelle Übergriffe waren nie ein Thema."

Und doch fühlten sich manche Frauen Tür an Tür mit Männern unwohl. Die Frauen aus Eritrea erzählten, sie hätten ihre Flucht durch Prostitution bezahlt und seien dadurch traumatisiert. Daraufhin bekamen sie eine eigene Etage. Etwa 180 allein reisende Männer leben in den Containern. Nur etwa eine Handvoll Männer kommt aus den Ländern in Nordafrika, aus denen offenbar die meisten Kölner Täter stammen.

  • MÜNCHEN

Im Lore-Malsch-Haus in Riemerling bei München betreut die Evangelische Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen unbegleitete männliche Minderjährige. Im Erdgeschoss spielen zwei Jungen Tischtennis, ein paar Stockwerke weiter oben pauken einige Matheformeln. Sie haben ihren Weg aus Krisenländern wie Somalia, dem Irak, Syrien und Afghanistan hierher gefunden.

Die 86 Jungen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren sollen in den sozialpädagogischen Wohngruppen aufs Leben vorbereitet werden, sagt Diakonin Ursula Zenker - und für manchen Jungen beginnt das Lernen damit, dass er weibliches Betreuungspersonal als Autorität anerkennt.

Bei Frauen würden die Flüchtlingsjungen häufig eine Wertung vornehmen, sagt die 46-Jährige: Wer verheiratet sei und noch dazu Kinder habe, genieße umgehend Respekt. Wenn aber eine kinderlose, unverheiratete und junge Sozialpädagogin vor ihnen stehe und erkläre, was nun zu tun sei, würde das manche Jungen zunächst verunsichern: "Warum hat sie mir etwas zu sagen?", würden sie fragen. Dann rede man mit den Jungen darüber, sagt Zenker.

Integration könne nicht nur die Vermittlung von Sprache und beruflichen Qualifikationen bedeuten, sagt Sozialpädagoge Naser Abdelghani: "Zur Integration gehört auch die Vermittlung von Werten, wie etwa der Gleichberechtigung von Mann und Frau", sagt der 42-Jährige, der vor rund fünf Jahren aus Jordanien nach Deutschland gekommen ist.

Eine Konsequenz aus den Silvester-Übergriffen ist mehr Polizeipräsenz an neuralgischen Punkten. Es soll die deutschen Bürger beruhigen. Die Ausländer beunruhigt es - sie werden spürbar öfter kontrolliert

Eine Konsequenz aus den Silvester-Übergriffen ist mehr Polizeipräsenz an neuralgischen Punkten. Es soll die deutschen Bürger beruhigen. Die Ausländer beunruhigt es - sie werden spürbar öfter kontrolliert

Foto: Maja Hitij/ dpa

Im "Lore-Malsch-Haus" sehen die Betreuer auch Schwierigkeiten: Viele der Jungen hätten einen Platz in einer Schule gefunden - die Mehrheit sei aber in sogenannten Übergangsklassen, die sich ausschließlich aus männlichen Flüchtlingskindern zusammensetzen. "Den Jungen fehlen deshalb auch zentrale Erfahrungen im alltäglichen Leben mit gleichaltrigen deutschen Schülerinnen und Schülern."

  • KÖLN

Ob Integration gelingt, hängt nicht nur von Rahmenbedingungen ab. Man muss sie wollen - der Migrant wie die Gesellschaft. "Natürlich hängt das auch vom Typ ab", sagt Kerstin Engelhard. Bildungsniveaus spielen eine Rolle, auch die soziale Herkunft. Manche sind eher introvertiert oder reserviert, bleiben unter sich. Andere Einwanderer entdecken ihr Neuland mit Neugierde: Jad, der 20-jährige Syrer mit Berufsziel Bauingenieur, kann nach nur sechs Monaten Deutsch sprechen, weil er bereits deutsche Freunde gefunden hat.

Der Kontakt ergab sich spontan im Sommer, nur Wochen nach seiner Einreise: "Wir saßen im Park und kamen miteinander ins Gespräch." Der Sozialkontakt blieb, und Jad besucht schon Sprachkurse, obwohl sein Verfahren noch nicht abgeschlossen ist - er hat deutsche Sponsoren, die ihm das bezahlen. Für Engelhard ist Jad eine erfreuliche Erfolgsgeschichte. "Der", glaubt sie, "wird seinen Weg machen."

Viele der Jungs, die sich abends im Caritas-Café Bugs auf der Lindenstraße treffen, ganz nah am Zentrum des Kölner Nachtlebens, glaubten eigentlich, dass sie den schon hinter sich hätten. Hamza ist Marokkaner, und vor acht Jahren mag er einer wie Jad gewesen sein: Sein Deutsch ist akzentfrei, er studiert in Bonn. Und er ist ein Musterbeispiel gelungener Integration - in Köln nennen sie einen wie ihn einen "Immi". Was nicht Immigrant heißt, sondern "imitierter Kölner".

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Im Bugs dolmetscht er zwischen Deutschen, jungen Männern mit Migrationshintergrund und denen, die gerade erst angekommen sind. Sabrina Exler ist die Leiterin des Cafés: "Probleme gibt es selten", sagt sie, und auch sexistisches Verhalten komme nicht vor. Kulturelle Reibungspunkte gäbe es manchmal, aber Integration sei eben auch ein Lernprozess.

Der 20-jährige Mohammad aus Syrien steht noch am Anfang. Seit vier Monaten ist er hier und blickt auf eine kleine Odyssee von Unterbringung zu Unterbringung zurück. Noch findet er alles ganz toll, vielleicht weil er von den Debatten im Land relativ wenig mitbekommt. Sein Optimismus ist schüchtern, er hoffe, bald die Sprache zu lernen, sagt er, eine Wohnung und Arbeit zu finden.

Zurzeit lebt er in einem Vierbettzimmer im Flüchtlingsheim Herkulesstraße, das bundesweit durch Negativschlagzeilen bekannt wurde. So um die tausend Menschen, schätzt Mohammad, seien da gerade untergebracht, aber alles sei okay. Nur das Essen, übersetzt Hamza, sei scheußlich.

Was kein Pauschalurteil über die hiesige Küche bedeutet: An diesem Abend kochen die Jungs und ehrenamtlichen Helfer klassisch deutsch im Bugs, "auf eigenen Wunsch", sagt Exler, "die Schnitzel sind natürlich Pute". Die Stimmung ist typisch Jugendheim: Die rund 30 Gäste, die meisten Muslime, spielen Billard oder kickern, Internetterminals schlagen Brücken zurück und schaffen Kommunikationskanäle. Ist also alles in Ordnung in "Kölle am Rhing"?

Nino und Alberto sind Serben Anfang 20, sie kamen als Kinder hierher. Sie machen keinen Hehl daraus, dass das Silvesterthema sie ebenfalls betrifft.

Nino kocht ehrenamtlich - und darüber, dass man ihn quasi in Sippenhaft nimmt: "Plötzlich guckt dich jeder feindselig an!"

Nino kocht ehrenamtlich - und darüber, dass man ihn quasi in Sippenhaft nimmt: "Plötzlich guckt dich jeder feindselig an!"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Nino: "Das ist totaler Mist. Alles ist okay, man ist hier aufgewachsen und hat hier seine Freunde. Dann passiert so was und plötzlich guckt dich jeder feindselig an." Er wisse kaum noch, sagt ein anderer, wie er ein Mädchen anschauen solle: "Wenn ich freundlich gucke, werden sie feindselig. Gucke ich nicht freundlich, wechseln sie die Straßenseite."

Mit deutschen Freunden könne man sich noch normal bewegen, aber mit mehreren Ausländern werde man jetzt schnell misstrauisch beobachtet. Zweimal, erzählt einer, sei er am Vortag von der Polizei angehalten worden. Wer er sei, was er hier tue, wo er hinwolle: "Einmal hielten die mit zwei Wagen neben mir. Verdammt, ich will nur in Ruhe leben."

Auch der 20-jährige Afghane Nori, der seit vier Jahren hier lebt und zurzeit eine Ausbildung macht, ist wütend, wenn er an Silvester denkt. "Wenn sich jemand so asozial verhält wie die am Hauptbahnhof, dann hat er sich wahrscheinlich auch zu Hause schon asozial verhalten." Wenn man dieses Fehlverhalten generell auf den Islam zurückführt, macht ihn das sauer: "Ich bin auch Muslim, und ich habe eine Mutter und Schwester. Ich bin dazu erzogen worden, Frauen mit Respekt zu behandeln."

Doch die, die nun Wut auf Fremde haben, fragen nicht danach, wie das der Einzelne sieht. In Köln, wirft einer der Jungen ein, seien Waffen und Pfefferspray jetzt ausverkauft, habe er gelesen. Auf einen Schlag ist die Gruppe ein paar Sekunden still. "Das ist nicht gut", sagt Nino, "viele haben jetzt Angst."

Auf beiden Seiten.

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