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Debatte über Vorfall in Washington Clash am Lincoln-Denkmal

Haben Schüler in Washington amerikanische Ureinwohner respektlos behandelt? Inzwischen zeigt sich: Der Fall ist kompliziert - und um die Deutungshoheit wird erbittert gerungen. Der Überblick.

Die Stimmung vor dem Lincoln-Denkmal war aufgeheizt. Drei Gruppen begegneten sich am Freitag in der US-Hauptstadt Washington. Alle führten unterschiedliche Gründe an diesen Ort. Doch die Bilder ihres Aufeinandertreffens gingen um die Welt und befeuerten die Debatte über Rassismus in den Vereinigten Staaten.

Empörung erregte vor allem eine Videosequenz: Sie zeigt einen Jugendlichen mit roter "Make America Great Again"-Kappe, der vor einem amerikanischen Ureinwohner steht. Während der ältere Mann seine Trommel schlägt und singt, lächelt der Teenager. Um die beiden herum stehen johlende Schüler. Weiter entfernt predigen vier Vertreter der religiösen Splittergruppe Schwarze Hebräer. Sie schreien und beschimpfen die Menge aus Schülern und Schaulustigen. Die Situation wirkt feindselig.

In ersten Reaktionen hatten Politiker und Schulleitung das Verhalten der Schüler als Provokation scharf kritisiert. Auch SPIEGEL ONLINE hatte über diese Entwicklung berichtet. Doch inzwischen zeigt sich, dass die Situation so komplex ist wie die sozialen Spannungen in den USA. Der Zusammenprall der Gruppen ist nicht so leicht zu bewerten, womöglich haben mehrere Beteiligte Fehler gemacht - und um die Deutungshoheit wird erbittert gestritten.

Was lässt sich aus Videoaufnahmen und Stellungnahmen der Beteiligten rekonstruieren?

Mehrere Videoaufnahmen zeigen, dass die Stimmung auf dem Platz schon vor dem Aufeinandertreffen der drei Gruppen angespannt war. Der Wortführer der Schwarzen Hebräer predigt lautstark. Doch dabei belässt er es nicht. Gezielt spricht er Menschen, die sich vor ihn stellen, an. Manche beleidigt er, auch seine Begleiter stimmen ein.

Als Schüler mit Mützen, auf denen Donald Trumps Wahlkampfslogan steht, ihn beobachten, beschimpft er sie unter anderem als Rassisten, Inzest-Babys und Schwuchteln. Manche Teenager zücken ihre Smartphones und filmen die Szene, die meisten von ihnen bleiben anscheinend jedoch ruhig.

Lauter und aggressiver

Die Schüler der Covington Catholic High School aus Park Hills in Kentucky nahmen laut mehrerer Berichte zuvor am sogenannten Marsch für das Leben von Abtreibungsgegnern teil. Als sich immer mehr von ihnen auf dem Platz versammeln, werden die Beschimpfungen des Predigers lauter und aggressiver. Ein Video zeigt, dass wenig später die Gruppe der Ureinwohner zwischen beide Gruppen läuft. Laut trommelnd stellt sich Nathan Philipps vor die Schüler. Es kommt zu der Szene, die wenig später zigfach in den sozialen Netzwerken geteilt wird.

Ureinwohner Philipps war mit den "Indigenous Peoples March" zum Lincoln-Monument gelaufen. Dort habe er gemerkt, wie die Stimmung zwischen Schülern und Schwarzen Hebräern zu eskalieren drohte, so Philipps. Er habe weiter getrommelt und gebetet, dass die Demonstration friedlich beendet werden könne, sagte der 64-jährige im Interview mit MSNBC .

Die Schüler hätten "Baut die Mauer, baut die Mauer" gerufen, sagte Philipps der "Washington Post" . US-Präsident Trump will eine Mauer bauen, um Einwanderer im Süden der USA abzuhalten.

Er sei zwischen die Gruppen gelaufen, weil er die Lage habe entspannen wollen, so Phillips. "Seht euch mein Amerika an. Seht euch meine weißen und schwarzen Brüder hier an. Sie zerren aneinander. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem man nicht mehr daneben stehen und zuschauen kann."

Am Sonntag äußerte sich auch Nick Sandmann zu der Situation vor dem Lincoln-Monument - er ist eigenen Angaben zufolge der Schüler, der Phillips gegenüberstand. CNN-Moderator Jack Tapper veröffentlichte die Stellungnahme via Twitter. In dem Statement bestreitet Sandmann, dass er und seine Mitschüler zum Mauerbau aufgerufen hätten.

Sie hätten am Lincoln-Memorial auf ihren Bus zurück nach Kentucky gewartet. Daraufhin seien sie von vier afroamerikanischen Männern als Rassisten beschimpft worden. Mit dem Anstimmen von Sprechchören hätten die Schüler versucht, die Beleidigungen der Schwarzen Hebräer zu übertönen.

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Einige Minuten später erschienen die Ureinwohner auf dem Platz und Philipps stellte sich trommelnd vor Sandmann. Der Schüler sagt, er habe die Situation auflösen wollen und sich daher dem älteren Mann gegenüber ruhig verhalten. "Ich betete still, dass die Situation nicht außer Kontrolle gerät", schreibt der Schüler. Auch für sein Lächeln hat er eine Erklärung: Er habe den älteren Mann angelächelt, um ihm zu zeigen, dass er nicht wütend werde, so Sandmann.

In der "New York Times"  heißt es hingegen, Beteiligte an dem "Indigenous Peoples March" hätten das Auftreten der Schülergruppe als bedrohlich empfunden - was nur zeigt, wie unterschiedlich die Perspektiven sein können.

Schüler Sandmann appellierte an die Menschen, ihr Urteil nicht aufgrund eines kurzen Clips zu fällen, sondern sich das gesamte Videomaterial anzusehen. Das längere Videomaterial erzähle "eine andere Geschichte als die Menschen, die eine Agenda verfolgen."

Auch die Schwarzen Hebräer weisen in einem Facebook-Video  jeden Vorwurf von sich. Sie seien von den Teenagern verhöhnt worden, sagte Shar Yaqataz Banyamyan. "Wir sind nicht gewalttätig oder ignorant."

"Es kränkt mich"

Welchen Ton derartige Diskussionen in den USA inzwischen erreicht haben, zeigt unter anderem ein Tweet des Autors Reza Aslan, der seine fast 300.000 Twitter-Follower sinngemäß fragte, ob es ein Gesicht gebe, in das man so gerne reinschlagen wolle wie das des Schülers.

Nick Sandmann schreibt, er habe über die sozialen Netzwerke Morddrohungen erhalten. "Es kränkt mich, dass so viele Menschen an etwas glauben, das nicht passiert ist." Er könne nicht für alle sprechen, aber seine Mitschüler würden alle Völker und Kulturen respektieren. Zudem würden sie das Recht auf freie Meinungsäußerung unterstützen.

Der Republikaner Thomas Massie vertritt den vierten Distrikt Kentuckys, in dem auch die Covington Catholic High School liegt. Auf Twitter empfahl er jedem, sich die unterschiedlichen Videos anzuschauen, ehe man über die Situation urteile. Zudem verteidigte er die Schüler. Eltern und Mentoren der Jungen sollten stolz auf das Verhalten ihrer Kinder sein und sich nicht für sie schämen, schrieb Massie. "Es ist mir eine Ehre sie zu vertreten."

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Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Nathan Philipps als Vietnam-Veteran bezeichnet. Inzwischen hat er laut "Washington Post" klargestellt, dass er zwar beim Militär war, laut "New York Times" auch zur Zeit des Krieges, allerdings sei er nicht in Vietnam eingesetzt gewesen. Wir haben die Stellen im Text korrigiert.

sen/hut
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