Weihnachtsgottesdienste und Corona-Gefahr Maske, Blitzpredigt, gewispertes Vaterunser

Sind Weihnachtsgottesdienste mit Hunderten Gläubigen gefährlicher Wahnsinn in der Pandemie? Protestantische und katholische Geistliche beziehen Stellung.
Kleine Kirche, große Ansteckungsgefahr: Was tun an Weihnachten, mitten in der Pandemie? (Archivbild)

Kleine Kirche, große Ansteckungsgefahr: Was tun an Weihnachten, mitten in der Pandemie? (Archivbild)

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Peter Gercke / picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild

Pastor Matthias Lemme ist zuversichtlich. Gut gelaunt berichtet der Pfarrer der evangelischen Christianskirche im Westen Hamburgs von den Anti-Corona-Maßnahmen, die sein Team seit Beginn der Pandemie eingeführt hat. »Wir feiern Weihnachten nach dem Motto ›Elf mal hundert‹ – das bedeutet, dass wir über die Feiertage elf Christvespern mit je hundert Menschen begehen.«

Schon jetzt sind fast alle Gottesdienste ausgebucht, es gibt lange Wartelisten für die wenigen Plätze. Die Anmeldung erfolgt digital, die Gläubigen müssen ihre personalisierten Eintrittskarten einfach nur ausdrucken. Besondere Kontrollen der Hygienemaßnahmen gebe es nicht, sagt Lemme. »Aber unser Küster spielt manchmal Polizei, wenn eine Maske zu tief rutscht.«

Schon seit dem ersten Lockdown im März gelten in der Christianskirche Maskenpflicht und strenge Hygieneregeln. Es wird nicht mehr laut gesungen, der große sonntägliche Gottesdienst wurde in drei kleine um 9, 10 und 11 Uhr gesplittet. Noch wird das Vaterunser laut gesprochen – ein vorsichtshalber nur gewispertes oder aerosolarm gedachtes Gebet sei für Weihnachten durchaus denkbar.

Pastor Matthias Lemme in der Hamburger Christianskirche

Pastor Matthias Lemme in der Hamburger Christianskirche

Foto: privat

Für ausreichend Abstand ist in der großen Kirche gesorgt. Der Barockbau steht mitten in einem Park, nur wenige Meter vom Altonaer Balkon entfernt. Von hier aus hat man einen weiten Blick auf die Kräne des Containerhafens, die Köhlbrandbrücke, darunter die träge dahinfließende Elbe. Das Innere des Gotteshauses ist hell und einladend, links vom Altar steht ein Flügel, davor ein Sammelsurium von Stühlen, alle im Abstand von mindestens eineinhalb Metern.

»Kurze Formate kann ich gut«

Das Gotteshaus ist eine Mischung aus Tempel und Wohnzimmer, was bei der eher besserverdienenden Klientel im Stadtteil Ottensen gut ankommt. Hier gilt es als cool, zum Gottesdienst zu gehen oder in einem der ausgezeichneten Chöre zu singen. Die Gemeinde hat digital aufgerüstet, bietet einen Podcast, einen Newsletter, eine Krippenspielaufzeichnung und Singvideos mit dem Kantor an. Die Predigten fürs Netz werden direkt in der Kirche aufgenommen, um den authentischen Sound zu bewahren.

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Allein sieben Gottesdienste sollen in der Christianskirche an Heiligabend stattfinden, da versteht es sich von selbst, dass gekürzt werden muss. »Kurze Formate kann ich gut«, sagt Pfarrer Lemme, der mal Radiomoderator war. Nur 25 Minuten würden die Veranstaltungen dauern: »Wir verzichten auf das Glaubensbekenntnis, und meine Predigt ist nur noch drei Minuten lang statt der üblichen Viertelstunde.« Den meisten gefalle das gut. »Und die christliche Botschaft kommt trotzdem rüber«, ist Lemme überzeugt.

Sein Kollege Jonas Goebel von der Auferstehungskirche in Hamburg-Lohbrügge hat gerade alle Weihnachtsgottesdienste abgesagt. »Dafür«, sagt Lemme, »ist es aber doch zu früh.« Man habe noch zehn Tage, um die Situation genau zu analysieren und entsprechend zu handeln. Bisher habe es kein einziges Superspreader-Event in der Nordkirche gegeben.

»Sehr, sehr schlechtes Gefühl dabei, weiter Gottesdienste zu feiern«

Goebel sprach von »der einzig verantwortungsvollen Option«, Lemme will seiner Seelsorgerpflicht so lange wie möglich aktiv nachkommen. Die Pastoren stehen für die beiden Pole, zwischen denen sich die Debatte über die Öffnung oder Schließung der Gotteshäuser zu Weihnachten bewegt. »Wenn eine emotionale Angela Merkel im Bundestag darum bittet, Kontakte zu reduzieren, dann habe ich einfach ein sehr, sehr schlechtes Gefühl dabei, weiter Gottesdienste zu feiern«, sagte Goebel der »Süddeutschen Zeitung«.

In Bayern werden zunehmend größere Gottesdienste wegen des neuerlichen Shutdowns abgesagt. Christvespern sind erlaubt, es gilt aber weiter eine Ausgangssperre nach 21 Uhr. Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Ralph Brinkhaus, brachte eine generelle Absage aller Gottesdienste an Heiligabend und den Weihnachtsfeiertagen ins Spiel. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hält aber weiter an Präsenzgottesdiensten fest. Auch der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm meint, Gottesdienste seien angesichts der geltenden »strengen und auch peinlich genau eingehaltenen Regeln« zu verantworten. 

Derzeit gilt in den Kirchen Maskenpflicht, Gesangsverbot, ein Mindestabstand von 1,5 Metern muss eingehalten werden. In den kommenden Tagen will die Bundesregierung mit Kirchenvertretern das weitere Vorgehen besprechen.

Es ist ein eigentümlicher Anachronismus, dass ausgerechnet die Kirchen an Weihnachten 2020 zu einem der wenigen öffentlichen Orte werden, wo Begegnung überhaupt noch möglich ist. Schon sprießen erste Keime einer Neidkultur: »Warum dürfen die Pfaffen mit hundert Leuten feiern und wir nur zu fünft?«, fragt sich so mancher Nichtgläubige angesichts der strengen Lockdown-Bestimmungen für Familientreffen zum Fest. Der Grund scheint einfach: In der Krise stufen die Kirchen und Teile der Regierung die Seelennahrung als ebenso wichtig ein wie Lebensmittel vom Discounter.

Bischöfin Kirsten Fehrs im Juni 2019 bei einem Tauffest am Elbstrand – vor der Pandemie, mit 93 Pastoren, 500 Täuflingen und rund 5000 Gästen

Bischöfin Kirsten Fehrs im Juni 2019 bei einem Tauffest am Elbstrand – vor der Pandemie, mit 93 Pastoren, 500 Täuflingen und rund 5000 Gästen

Foto: Markus Scholz / picture alliance/dpa

Die Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Kirsten Fehrs, glaubt nicht, dass es in den kommenden zehn Tagen noch weitere Beschränkungen für die Weihnachtsgottesdienste geben wird. »In unseren drei Bundesländern gibt es darauf keine Hinweise«, teilt sie auf Anfrage mit.

Über Superspreader-Events oder Ansteckungen in den Gotteshäusern der Nordkirche sei ihr nichts bekannt. »Im Gegenteil bekommen wir Rückmeldungen aus Behörden und Politik, dass sich Kirchengemeinden mittlerweile sehr verantwortungsvoll auf das Pandemiegeschehen eingestellt haben.« Letztlich gelte: »In der Nordkirche haben die Kirchengemeinden die Hoheit über ihre Gottesdienste und können selbst entscheiden, ob sie den Heiligabend-Gottesdienst in der Kirche feiern oder ins Internet verlegen.«

Bundesweit gehen an Heiligabend üblicherweise mehr als acht Millionen Protestanten und weit mehr als elf Millionen Katholiken in die Gottesdienste. Für viele ist es die einzige Berührung mit der Kirche im ganzen Jahr. 2020 muss man seinen Platz vorbestellen – ob dieser durch die Pandemie erzeugte Mangel nachhaltig die Attraktivität der Kirchen steigern und das Interesse an Spiritualität erhöhen kann, lässt sich schwer abschätzen.

»Ein Gottesdienst lebt von der Gemeinschaft, allein kann ich nicht feiern. Einen Hauch davon erleben zu dürfen, tut gut«, sagt Pfarrer Thomas Braunstein von der Gemeinde St. Margarethen in Waldkirch im Breisgau. Es gebe derzeit ein großes Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft, die tagsüber offenen Kirchen seien gerade außerhalb der Gottesdienstzeiten gut besucht. Er berichtet wie der Hamburger Pfarrer Lemme von einem größeren Interesse an kirchlichen Angeboten, auch die Spendenbereitschaft sei seit März gestiegen, die Menschen wollten helfen.

»In der Kirche halten arme wie reiche, junge wie alte Leute miteinander Mahl. Das hat eine andere Kraft, als wenn ich nur im Kuschelkreis der eigenen Familie feiere.«

Pfarrer Thomas Braunstein

Pfarrer Braunstein möchte auch zu Weihnachten Freiluftgottesdienst feiern. »Wir wollen auf dem Kirchplatz Sterne auf den Boden sprühen, an denen die Menschen und Familien stehen können. Es soll keine Sitzgelegenheiten geben und die Christmette nicht so lange dauern wie sonst.« Feuerschalen und Dekoration sollten für Weihnachtsstimmung sorgen. »Beim Abendmahl würden wir dann von Stern zu Stern gehen, damit sich die Gemeinde nicht größer mischt.«

Kirche oder Kuschelkreis? Das Für und Wider von Hausliturgien

Angst vor Corona-Ausbrüchen in seiner Gemeinde hat Braunstein nicht. »Wir feiern jede Woche landauf, landab, hier gibt es allein sonntags drei Gottesdienste, und im Unterschied zu den Freikirchen ist mir bei den großen Kirchen auf evangelischer oder katholischer Seite noch kein größerer Ausbruch bekannt geworden. Unsere Hygienemaßnahmen wirken.«

So war es vor der Pandemie: Maskenfreier Weihnachtsgottesdienst im Freiburger Münster

So war es vor der Pandemie: Maskenfreier Weihnachtsgottesdienst im Freiburger Münster

Foto: Patrick Seeger / picture alliance / dpa

Zu Weihnachten rechnet Braunstein mit deutlich weniger Besuchern als in den vergangenen Jahren. Womöglich, weil einige seiner Gemeindemitglieder die von der Deutschen Bischofskonferenz entworfene Hausliturgie nutzen. »Besser als gar nichts«, sagt er. »Wenn sich die Familie zusammenfindet und Gottesdienst feiert, kann das noch mal eine andere Wirkung haben als in der Gemeinde.«

Er ist jedoch dagegen, dass sich der Glaube dauerhaft ins Private zurückzieht: »Das Christentum hat die aus der jüdischen Tradition kommende Hausliturgie, die am Schabbat nach dem Gebet in der Synagoge zu Hause gefeiert wird, aufgesprengt. Das Neue war, dass Jesus mit den zwölf Aposteln gemeinschaftlich Abendmahl gefeiert hat«, so Braunstein. »Diese Öffnung zeigt sich heute in der Kirche auch darin, dass arme wie reiche, junge wie alte Leute zusammenkommen und gemeinsam miteinander Mahl halten, auch wenn sie sich nicht unbedingt mögen. Das hat eine andere Kraft, als wenn ich nur im Kuschelkreis der eigenen Familie feiere.«

Um das Bedürfnis nach Glauben in Gemeinschaft zu stillen, macht Marius Fletschinger, katholischer Hochschulpfarrer in Mannheim, seit Monaten noch mehr online als ohnehin schon. Er hofft, dass zu Weihnachten dieses Jahr auch mehr Menschen zu Hause etwas Christliches machen als bisher. »Früher gab es das, aber diese kulturellen Skills sind etwas in Vergessenheit geraten«, sagt er. Auch auf die Gefahr hin, dass der ein oder andere während des TV-Gottesdienstes noch bügelt oder frühstückt, die Menschen befassten sich damit. Der 36-Jährige hilft seinen vor allem studentischen Gläubigen, selbst einen »Sofagottesdienst« zu feiern, samt YouTube-Links zu Musikstücken, »da wir davon ausgehen, dass nicht jeder singen kann«.

Gottesdienst über Glasfaser hat aber auch seine Tücken. Religion lebt laut Fletschinger davon, »dass man eine Atmosphäre schaffen und sich näherkommen kann«. Online ist für ihn deshalb besonders der Austausch wichtig, er versucht die Teilnehmer etwa mit Fürbitten zu beteiligen.

»Manchem selbst ernannten Querdenker ist alles egal«

Einige bekannte Christen wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer haben wegen der Pandemie bereits angekündigt, auf den Weihnachtsgottesdienst mit der Gemeinde zu verzichten. Pfarrer Braunstein erkennt das als Zeichen an, sagt aber auch: »Die Menschen müssen selbst entscheiden.« Und die seien sehr unterschiedlich. »Es gibt welche, die sind sehr ängstlich, andere nehmen das lockerer, und manchen selbst ernannten Querdenkern ist das vollkommen egal. Die habe ich auch in der Gemeinde, und die gehen mich an, wenn ich darauf bestehe, dass nicht gesungen werden darf. Die fragen dann, ob ich noch normal wäre, der Tod gehöre doch zur Existenz dazu, und es sei auch gar nicht so schlimm.«

Er müsse einen Weg finden, all diesen Menschen gerecht zu werden. »Ich kann und will niemanden zwingen, in die Kirche zu kommen. Aber ich lasse die Tür mit allen Bestimmungen, die es gibt, offen.«