Weltaidstag Tselis kleines Wunder

Frustrierende Aids-Bekämpfung in Afrika: Medikamente sind kaum erhältlich, Aufklärungskampagnen wenig erfolgreich. "Dass eine Frau beim Sex ein Kondom verlangt, ist Utopie", sagt die Aktivistin Nthabeleng Lephoto. Ob ihr Schützling, die kleine Tseli, ihre Volljährigkeit erlebt, ist Glückssache.

Von Christiane Zander, Mokhotlong


Maseru - Tseli hat Grund zum Feiern. Fünf Geburtstagskerzen brennen heute auf ihrem Kuchen, und für die Kinderparty liegt ihr braun-weiß-kariertes Lieblingskleid bereit. Die Weltgemeinschaft steckt sich an diesem Tag eine rote Schleife ans Revers – als Zeichen der Solidarität mit 40 Millionen HIV-infizierten Menschen. Noch weiß Tseli nicht, dass auch sie dazu gehört – das Mädchen wurde mit dem Virus geboren, am 1. Dezember 2002 im Königreich Lesotho.

Die schroffen südafrikanischen Drakensberge prägen diesen kleinen Staat, es gibt auf der Erde kein zweites Land, das komplett auf mindestens tausend Meter Höhe liegt. "Königreich im Himmel" nennen es deshalb seine Bewohner – doch das Leben ist für viele von ihnen die Hölle.

Lesotho kämpft gegen eine der höchsten HIV-/Aids-Raten der Welt. Jeder Dritte der gut zwei Millionen Basotho trägt das tödliche Virus in sich. Ein Grund: Armut treibt die Männer in Südafrikas Minen, und wenn sie zurückkehren, bringen sie das Virus mit. Mitten in dieser afrikanischen Tragödie hat Nthabeleng Lephoto, 37 Jahre alt, ihre Mission gefunden. Sie ist klein und voller Energie. In dem ostlesothischen Städtchen Mokhotlong leitet die studierte Psychologin ein Pflegeheim für aidsinfizierte Waisen-Babys – und gibt auch denen eine Lebenschance, die eigentlich keine haben.

Nthabeleng kam selbst in Mokhotlong zur Welt, wo die Luft dünn ist und der Höhenwind von Südafrikas Dreitausendern über die baumlose Steppe fegt. Weit verstreut ducken sich die runden Felshäuser unter ihren brüchigen Strohdächern, dazwischen fressen Ponys und Esel, Schafe und Ziegen das ohnehin längst überweidete Grasland blank. Mit geliehenen Ochsengespannen versuchen die Bauern, dem erodierten Boden Nahrung abzuringen. Jeder Zentimeter Ackerland wird genutzt für Mais und Weizen oder auch nur ein bisschen Gemüse.

Tseli überlebte fünf Jahre mit dem Virus - "sie ist eine Heldin"

Lesotho, einer der ärmsten Staaten der Erde, ist in einem Teufelskreis gefangen: Armut treibt Mediziner und Wissenschaftler zum südafrikanischen Nachbarn, und sie begünstigt die Ausbreitung von Aids. Das Virus schlägt die tiefsten Schneisen in der ökonomisch aktivsten Generation.

Nthabelengs Pflegeheim lebt von Spenden aus aller Welt. Der Amerikaner Ken Storen gründete es 2004 und gab ihm den Namen "Touching Tiny Lifes", kurz TTL. Es ist ein Schutzhaus für die Schwächsten der Gesellschaft: HIV-positive, unterernährte, oft kranke Kleinkinder, die ihre Mutter früh verloren haben. Sechs Monate lang werden sie von Nhtabeleng und ihrem Team aufgepäppelt und gepflegt, bis sie in ihre Familien zurückkehren können. Eine Lehrerin aus Gummersbach hat der Hilfsorganisation 150.000 Euro für das Kinderheim vermacht, inzwischen beteiligen sich neben der TTL-Stiftung auch Unicef, Care oder die Deutsche Welthungerhilfe an den Kosten.

Das flache, braungraue Haus im Zentrum von Mokhotlong ist festlich geschmückt, denn Tselis Geburtstag ist ein kleines Wunder und muss deshalb groß gefeiert werden. "Sie ist meine Heldin", sagt Nthabeleng, "denn sie hat fünf Jahre mit dem HI-Virus überlebt." Tseli ist Vollwaise. Als ihre Mutter starb, war sie noch keine drei Jahre alt. "Es gab keine Verwandten mehr, und so habe ich sie als Pflegekind bei mir aufgenommen." Seitdem lebt Tseli bei Nthabeleng und deren zwölfjährigem Sohn. Adoptieren will Nthabeleng das Mädchen noch nicht - darüber soll Tseli selbst entscheiden, wenn sie 18 ist.

18 Jahre - das klingt nach großer Zuversicht. Denn die Realität in Lesotho ist niederschmetternd: Fast alle von Geburt an infizierten Kinder sterben vor dem achten Lebensjahr. Weil sie zu schwach sind, um Diarrhoe, Tuberkolose oder Lungenentzündung zu überstehen. "Deshalb müssen wir vorher eingreifen", sagt Nthabeleng Lephoto.

Aufklärung heißt: dicke Bretter bohren

Unermüdlich fahren sie und ihre zwei Dutzend Mitarbeiter in den weißen Pickups über abenteuerliche Pisten, um in den einsamen Dörfern des Hochlandes hilfsbedürftige Säuglinge und schwangere Frauen ausfindig zu machen – die Ladeflächen voll gestapelt mit Babynahrung, Gemüse, Maismehl und auch Arzneimitteln. "Die infizierten Schwangeren müssen wissen, dass sie mit Nevirapine das Risiko, ihr ungeborenes Kind anzustecken, deutlich senken können", sagt Nthabeleng. Auch die lebensverlängernden antiretroviralen Medikamente haben sie und ihre Helfer oft dabei.

Aufklärung ist in einem Land wie Lesotho eine schwierige Aufgabe. "Die Unterwürfigkeit der Frauen macht uns am meisten zu schaffen", klagt Nthabeleng. "Manche junge Mutter muss erst auf die Rückkehr ihres Mannes aus Südafrika warten, damit er entscheidet, ob sie ihr Kind stillen soll oder nicht. Ein Kondom zu verlangen oder einen Aids-Test ist in solchen Fällen reine Utopie."

Gern würde auch Nthabeleng Kultur und Tradition ihres Volkes wahren, "doch die Epidemie zwingt uns zu Veränderung." Der Schlüssel dazu sind die Frauen, denn die Männer, fügt sie hinzu, seien völlig beratungsresistent. Maphakoe Phakoe ist 72 Jahre alt und hat mehr Tragödien ertragen als ein Leben verkraftet. Aber sie will stark sein für ihre drei Enkel, die sie betreut. Vor allem für den zweijährigen Leboneng, der nach sechs Monaten im Pflegeheim gerade zu ihr zurückgekehrt ist – pausbäckig, gesund und voller Energie. "Er war damals völlig abgemagert, hatte Tuberkulose, wollte nichts essen und hat nur geschrien", erinnert sich die Großmutter.

Ihre eigene Tochter, seine Mutter, war kurz zuvor an Aids gestorben. Und weil sich in dieser Generation die Seuche die meisten Opfer holt, sind es auch fast immer die Großmütter, in deren Hände Nthabeleng und ihre Helfer die gesund gepflegten Kinder zurückgeben. 179 Babys hat das Schutzhaus seit seiner Gründung betreut, 152 von ihnen haben bis heute überlebt. "Diese Bilanz gibt uns die Kraft durchzuhalten", sagt die Leiterin. "Denn es wird noch mehr als zehn Jahre dauern, bis wir Erfolg haben werden in der Aids-Bekämpfung." Bis dahin wird die Dokumentation mit den Fotos und Geschichten ihrer Schützlinge noch kräftig wachsen.



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