Weltasteroidentag Wie man einen Meteoriten findet – und wie nicht

Als hätte der Fels es gewusst: Passend zum Weltmeteoritentag ist offenbar ein Stein aus dem All in die Steiermark gestürzt. Forscher Ludovic Ferrière versucht nun ordentlich für sein Thema zu trommeln.
Außen schwarz, innen grau: So sieht der Meteorit in der Steiermark vermutlich aus – hier ein früherer Fund

Außen schwarz, innen grau: So sieht der Meteorit in der Steiermark vermutlich aus – hier ein früherer Fund

Foto: L. Ferrière / NHM Wien

Vor einigen Tagen sorgte ein Stein für Schlagzeilen. Immerhin, er hatte einen ziemlich beeindruckenden Feuerschweif und kam aus dem All. Es gibt lahmere Gründe, die Aufmerksamkeit der Medien zu erregen.

Laut einer Pressemitteilung des Naturhistorischen Museums in Wien kreuzte am Freitag um 2.10 Uhr der zu diesem Zeitpunkt noch rund 120 Kilogramm schwere Meteorit in etwa 90 Kilometern Höhe den Nachthimmel über der Steiermark.

Auf der Suche nach dem verlorenen Stein: Meteoritenjägerinnen bei der Arbeit

Auf der Suche nach dem verlorenen Stein: Meteoritenjägerinnen bei der Arbeit

Foto: Ludovic Ferrière

Der außerirdische Besucher war mit etwa 18 Kilometern pro Sekunde in südliche Richtung unterwegs und rund fünfeinhalb Sekunden sichtbar.

Pressearbeit für einen Stein

Die Mitteilung stammt von dem Geologen Dr. Ludovic Ferrière, Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums in Wien und Kurator der dortigen Meteoritenausstellung. Warum ein Wissenschaftler Pressearbeit für einen Meteoriten macht?

Ludovic Ferrière ist Geologe, Weltraumsteinpressereferent und Kurator der Meteoritenausstellung im Naturhistorischen Museum Wien

Ludovic Ferrière ist Geologe, Weltraumsteinpressereferent und Kurator der Meteoritenausstellung im Naturhistorischen Museum Wien

Foto: Ludovic Ferrière

»Ich hoffe, dass durch Berichte in der Presse viel mehr Meteoriten gefunden werden. Vor zwei Jahren habe ich das erste Mal eine Pressemeldung zu einem Meteoriten veröffentlicht – und sieben Monate nach dem Absturz wurde er von einem Anwohner in einem Stück gefunden. Ohne das Medienecho hätte dieser Mann niemals darüber nachgedacht, dass dieser Stein ein Meteorit sein könnte.«

Ferrières Aufruf sorgte damals nicht nur für den Fund des Felsens. »Manche kontaktieren mich auch, weil sie in dem merkwürdigen Stein, den sie vor ein paar Jahren aufgelesen haben oder einem Brocken, der in einer Schachtel auf dem Dachboden verstaubt, einen Meteoriten erkannten.«

Meteoritenjäger im Maisfeld

Auch dieses Mal half das Medienecho. Schon in den ersten 24 Stunden fanden sich Dutzende Weltraumfelsjäger ein, um nach dem Stein zu spähen.

Das Gebiet, in dem der Meteorit nach aller Wahrscheinlichkeit heruntergekommen ist, misst ein mal fünf Kilometer. Auch Ferrière selbst war schon da. Zuerst habe er in Gärten, auf Straßen und Wegen gesucht. Es gäbe aber auch ein großes Waldgebiet und Maisfelder, in denen man im Moment natürlich nicht suchen könne.

Das vermutliche Absturzgebiet: Vorn in der Einflugschneise würden die größeren Brocken landen, ganz hinten Splitter vom Gewicht einer Tafel Schokolade

Das vermutliche Absturzgebiet: Vorn in der Einflugschneise würden die größeren Brocken landen, ganz hinten Splitter vom Gewicht einer Tafel Schokolade

Foto: Astronomisches Institut der ASCR / Hintergrundkarte: Google Earth

Zuerst seien die Bauern, denen die Felder gehörten, sehr hilfsbereit gewesen, sagt Ferrière. Freilich, als ihnen klar wurde, dass in den nächsten Tagen und Wochen vermutlich Hunderte Meteoriten-Glücksritter ihre Felder stürmen könnten, »hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen«.

Ein Steinwurf vom Asteroidengürtel

Er selbst würde selbstverständlich immer um Erlaubnis fragen, wenn er Privatbesitz betritt, so Ferrière. Aber er könne keine Verantwortung dafür übernehmen, wenn andere das nicht tun. Zumal – und da wird Ferrière ein wenig streng mit seinen freiwilligen Suchtrupps – die meisten sowieso nicht so genau wüssten, wonach sie eigentlich suchen. »Es gibt einen Haufen merkwürdig aussehender Steine, die aber rein gar nichts mit Meteoriten zu tun haben.«

Dann gibt er ein paar Tipps, wie man einen waschechten Meteoriten von irdischem Gestein unterscheidet. Man müsse nach Brocken suchen, »die komplett oder teilweise von einer schwarzen Kruste überzogen sind«. Wenn der Stein zerbrochen sei, könne man das Innere sehen. In diesem Fall handle es sich Messungen zufolge um einen Steinmeteoriten: »Er ist hellgrau, möglicherweise mit kleinen metallischen Einschlüssen.«

Steinmeteoriten gehören zu den am meisten verbreiteten Weltraumsteinen. Ist der aktuelle Brocken also lediglich ein Jederstein unter den Meteoriten? Weit gefehlt. Denn auch hier haben Medien dafür gesorgt, dass der Stein zum Star geriet: Der Niedergang der Feuerkugel wurde nämlich von 17 Kameras aufgezeichnet. Dadurch könne laut Ferrière sehr genau berechnet werden, woher der Brocken kommt: »Aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter.« Das Wissen um seine Herkunft macht den Durchschnittsbrocken zur Seltenheit: Laut Ferriére gibt es auf der Welt nur 35 Meteoriten, bei denen gewiss ist, woher sie stammen.

In dem derzeit gesuchten Brocken »befinden sich Spuren von der Entstehung des Sonnensystems«. Etliche Projekte sind Fragen zu diesem Thema auf der Spur. Die Informationen, die sie dafür zusammentragen, stammen derzeit aber noch aus Beobachtungen von Observatorien und Berechnungen. »Mit einer Probe von dort hätten sie die ganze Geschichte.«

Bitte keine Schlacke mehr!

Um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, ist der Meteoritenprofi bereit, einiges auf sich zu nehmen. Denn wer fragt, bekommt E-Mails. Und davon hat Ferrière seit Freitag schon wieder einige in der Mailbox. Und: Bei Weitem nicht jeder Stein, der komisch aussieht, ist auch ein Meteorit. Spricht Ferrière von »Schlacke« meint man, in der Stimme des fröhlichen Allsteinforschers einen etwas genervten Unterton zu erkennen. Die meisten Steine, die gefunden würden, sind Schlacke. Und geht es um Schlacke, bekommt seine Stimme endgültig ein gestrenges Timbre: »Sie sollten«, so Ferrière, »auf keinen Fall Steine mit Blasen mitnehmen. Das ist Schlacke.« Kein Meteorit habe Blasen.

Sieht krass aus, ist aber kein Meteorit, sondern Schlacke. Ferrières nicht ganz uneigennütziger Tipp für Meteoritenjäger und -jägerinnen: »Keine Steine mit Blasen mitnehmen«

Sieht krass aus, ist aber kein Meteorit, sondern Schlacke. Ferrières nicht ganz uneigennütziger Tipp für Meteoritenjäger und -jägerinnen: »Keine Steine mit Blasen mitnehmen«

Foto: L. Ferrière / NHMW

Diese meisten Nicht-Meteoriten würden übrigens – und jetzt muss Wissenschaftler Ferrière doch kurz lachen – an Samstagen gefunden. »Wenn die Leute am Vorabend mit Freunden getrunken haben.« Das sei schon ziemlich witzig, aber eben auch ein bisschen anstrengend. Des Öfteren würden die Leute ihm nämlich nicht glauben, dass ihr Stein wertlos sei. Manche seien fest davon überzeugt, dass sie reich sind, weil sie einen Meteoriten gefunden haben. »Das ist nicht der Fall.«

»Ach ja«, schreibt Ferrierè später, »sollten Sie noch Platz haben, würde ich mich freuen, wenn Sie schreiben, dass das Naturhistorische Museum Wien die weltgrößte Meteoritenausstellung hat.« Na klar.

Fröhlichen Weltasteroidentag!

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, der Brocken sei im Flug noch ein Asteroid gewesen. Das ist nicht korrekt, daher haben wir die entsprechende Stelle im Text gestrichen.

bma
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