Benachteiligung von Migranten Warum Ayse in der Pandemie weniger Hilfe bekommt als Angelika

Eine ungewöhnliche Studie zeigt: Die Hilfsbereitschaft in der Pandemie hängt auch von der Herkunft derjenigen ab, die Unterstützung brauchen.
»Wer vorher schon benachteiligt war, für den stellt sich die Lage in der Krise noch schwieriger dar«

»Wer vorher schon benachteiligt war, für den stellt sich die Lage in der Krise noch schwieriger dar«

Foto: fermate / Getty Images

Sie würde Menschen täuschen müssen, das war Ruta Yemane klar. Die Wissenschaftlerin wollte herausfinden, wie solidarisch wir alle uns in der Coronakrise verhalten – und vor allem, wem wir bereit sind zu helfen. Yemane ist promovierte Psychologin, sie wusste, dass Worte und Taten bei dieser Frage meist weit auseinanderliegen. Nur weil wir behaupten, wir würden anderen helfen, tun wir das nicht unbedingt.

Yemane entschied sich gemeinsam mit ihrem Forschungsteam vom Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) für ein Experiment: Sie schrieb fiktive Hilfegesuche. Im Namen der 66-jährigen Ayse Yilmaz zum Beispiel, die wegen einer Asthma-Erkrankung zur Corona-Risikogruppe gehört und Unterstützung beim Einkauf sucht. Oder im Namen von Xiu Ying Wang, die nach einer überstandenen Infektion geschwächt ist und Hilfe braucht. Oder im Namen von Angelika Schneider, die an Corona erkrankt ist und ebenfalls Unterstützung sucht. Jedes der Schreiben begann mit der Formulierung: »Liebe Nachbarn!«

Die Schreiben ließ Yemane an Straßenlaternen und Ampeln aufhängen, an Schwarzen Brettern und beim Nachbarschaftstreff, Tausende Zettel in insgesamt elf deutschen Großstädten. Auf jedem Gesuch war eine E-Mail-Adresse angegeben – die am Ende zu Yemanes Postfach führte. »Die Rückmeldungen waren überwältigend«, sagt die Studienleiterin. Innerhalb von drei Wochen meldeten sich fast 800 Menschen per E-Mail, die Yilmaz, Wang und Schneider helfen wollten. Viel mehr, als Yemane und ihre Kollegen erwartet hätten – auf mehr als jedes dritte ausgehängte Hilfegesuch meldete sich ein Freiwilliger.

Dann kam für die Studienleiterin der schwierige Teil: Sie musste den Hilfsbereiten mitteilen, dass es Ayse Yilmaz und Angelika Schneider in Wirklichkeit nicht gibt. Die Menschen wurden hinters Licht geführt. Für den guten Zweck, für die Wissenschaft.

Laut Yemane hatten sich am häufigsten junge Frauen zurückgemeldet. Im Mittel waren sie 33 Jahre alt und gaben an, zu studieren oder in Teilzeit zu arbeiten. In ihren E-Mails erklärten sie auch ihre Motivation: »Meine Eltern sind auch 1954 geboren, ich würde mir wünschen, dass ihnen jemand hilft, wenn sie in Ihrer Situation wären«, schrieb eine von ihnen. »Wir müssen in diesen Zeiten zusammenstehen«, eine andere. Ein Student berichtete, dass er eigens eine Anzeige in der Lokalzeitung geschaltet habe, um zu helfen, sich aber niemand darauf gemeldet habe – nun sei er froh, endlich unterstützen zu können.

»Man muss die Zeit haben, helfen zu können«

Ruta Yemane, Studienleiterin

Meist hatten die Hilfsbereiten keine oder wenige Kinder und flexible Arbeitszeiten, außerdem einen hohen Bildungsstand. »Man muss die Zeit haben, helfen zu können«, schließt Yemane daraus. Zusätzlich wiesen die Teilnehmenden im Mittel besonders hohe Empathiewerte und gleichzeitig eher niedrige Coping-Werte auf – ihre Fähigkeit, sich emotional vom Leid anderer zu distanzieren, war gering ausgeprägt. Oft hatten sie selbst schon Erfahrungen mit einer Corona-Erkrankung im direkten Umfeld gemacht. Das fand Yemane durch eine Anschlussbefragung heraus, an der sich rund 60 Prozent der Hilfsbereiten beteiligten.

Yemane aber wollte nicht nur wissen, wer hilft – sondern vor allem, wem geholfen wird. Das Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), die hinter der Studie stehen, sind auf diese Art von Fragestellung spezialisiert. Die Studie fand im Rahmen des »Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors« statt. Die Namen der Hilfesuchenden sind daher bewusst gewählt. Ayse Yilmaz klingt türkisch, Xiu Ying Wang chinesisch, Angelika Schneider deutsch.

Die Ergebnisse der noch unveröffentlichten Studie, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt, legen nahe, was schon andere Untersuchungen zeigen konnten: Wer eine anscheinend »fremde« ethnische Herkunft hat, einen ausländisch klingenden Namen etwa oder eine bestimmte Hautfarbe, wird seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen und erhält seltener Zusagen für eine besichtigte Wohnung. Und, wie Yemanes Studie zeigt: Er bekommt auch in einer von einer Pandemie gebeutelten Gesellschaft seltener Hilfe.

299 Menschen wollten Angelika Schneider helfen – nur 227 Ayse Yilmaz

Mit Abstand die meisten Hilfsangebote trafen für Angelika Schneider ein, 299 Menschen meldeten sich auf ihr Gesuch. Wang und Yilmaz lagen mit 244 und 227 Hilfsangeboten klar dahinter. »Diese Gruppen profitieren seltener von Nachbarschaftshilfe«, sagt Yemane.

Zu diesem Schluss kam eine Studie der Stiftung Bertelsmann bereits im vergangenen Jahr: Menschen mit Migrationshintergrund erlebten demnach weniger sozialen Zusammenhalt – im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung, der im Mittel sogar enger zusammenrückte. »Wer vorher schon benachteiligt war, für den stellt sich die Lage in der Krise noch schwieriger dar«, so ein Sprecher der Stiftung.

Deutsche helfen also eher Deutschen, die Erkenntnis erscheint auf den ersten Blick wenig überraschend. Doch ganz so einfach ist es nicht, stellten Yemane und ihr Team fest. Ein Trend hat sie überrascht: Denn auch Chinesen helfen Chinesen, vereinfacht gesprochen. Und Türken am ehesten Türken. 43 Rückmeldungen auf Yilmaz' Gesuch kamen von Menschen, deren Nachnamen Yemane und Kollegen als »türkisch klingend« codierten – ein überproportional hoher Anteil. Am liebsten packen wir offenbar dort an, wo wir uns selbst zu Hause fühlen.

Yemane spricht von einer hohen »In-Group Love«, also der Liebe zu Angehörigen der eigenen Gemeinschaft. Von Rassismus will die Wissenschaftlerin nicht sprechen, schließlich hätten auch Wang und Yilmaz viele Angebote erhalten. Das Ausmaß der Diskriminierung sei zwar messbar. Verglichen mit Studien aus anderen Ländern zur Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt falle es aber moderat aus.

Allerdings gibt Yemane zu, dass die Rückmeldungen auf die Gesuche deutliche Unterschiede aufwiesen – je nach vermuteter Herkunft der Hilfsbedürftigen. In Mails an Angelika Schneider etwa sei kein einziges Mal danach gefragt worden, wie es mit der Bezahlung der Einkäufe ablaufen würde. Gingen die Schreiben an Wang oder Yilmaz, sei die Frage dagegen häufig direkt aufgekommen.

Eine These hat sich laut Yemane dagegen nicht bestätigt: Nämlich, dass jemand mit einem chinesisch klingenden Namen besonders benachteiligt würde. Der geografische Ursprung des Coronavirus in China hat laut Yemane in ihrer Studie keinen Niederschlag gefunden.

Nachdem sie den hilfsbereiten Menschen die Wahrheit geschrieben hatte, musste Yemane nicht lang auf Antwort warten. »Einige wenige Menschen waren enttäuscht, dass es sich nicht um echte Gesuche handelte.« Es sei ein Skandal, die Menschen so zu täuschen, schrieben einige. Bei denjenigen, die wütend waren oder Aufklärung verlangten, meldete sich die Wissenschaftlerin persönlich. Sie habe dann in den Tagen danach einige Telefonate geführt, sagt Yemane. Und den Menschen immer wieder erklärt, wie wertvoll ihre Teilnahme gewesen sei. Für den guten Zweck, für die Wissenschaft.