Wickelfront "Wenn ich Glück habe, schlafen sie schon"

Familie ist was Wunderbares - theoretisch. In der Praxis ist Autor Dieter Bednarz, Vater von drei kleinen Töchtern, oft versucht, schweißtreibenden Ritualen wie dem abendlichen Bad auszuweichen - und den Job vorzuschieben. Warum reinigen Kinder sich nicht von selbst?


Ich sehne mich nach ihr. Nach ihrer hellen, weichen Stimme. Ich habe immer noch das Bild vor Augen, wie sie in den frühen achtziger Jahren Konzerte gab und auf der Bühne herumhüpfte, in hautenger Hose mit Leopardenmuster, schwarzer Lederjacke, darunter das rote, ärmellose T-Shirt, angestrahlt von bonbonfarbenen Scheinwerfern. Damals klang ihre Stimme leicht heiser, oft kieksend. Sie war umwerfend sexy. Sie war das Idol der Teenies, aber auch männlicher Twens.

Auf einem ihrer Gigs war ich nie. Ich habe keine ihrer Platten gekauft. Aber ich habe sie oft in die Arme genommen - in meiner Phantasie, wenn ich abends nach Hause kam, frustriert, weil ich wieder nicht meiner Traumfrau begegnet war. Sie hat mich getröstet.

Ein Vierteljahrhundert später sehne ich mich wieder nach ihr. Zur Bettzeit. Ich sehne mich vor allem nach ihrer Stimme. Die ist ganz sanft geworden. Manchmal zähle ich abends die Minuten, bis ich ihre Stimme wieder höre. Aber das kann dauern, heute Abend. Eine gute Stunde noch, mindestens.

Wir müssen noch baden. Wir haben einen automatisch abtauenden Kühlschrank und einen sich selbst säubernden Backofen. Warum haben wir keine sich selbst reinigenden Kinder?

Baden ist was schrecklich Schönes. Danach bin ich jedes Mal völlig fertig, schweißgebadet. Ich habe das Gefühl, wir baden jeden Abend. Ich komme nach Hause, und wir müssen baden. Dreimal ausziehen und einseifen, wobei ich die Wahl habe - entweder Fanny beschimpft mich: "Du blöder Mann, du!", oder Lilly beleidigt mich: "Du alte Dame, du." Hatten wir das so ähnlich nicht schon heute Morgen? Müssen meine Tage enden, wie sie begonnen haben? Mit Undankbarkeit?

Nicht selten ergeht es mir mit meinen Töchtern wie mit meinen Chefs: Ich kann es ihnen einfach nicht recht machen.

Erst die Hose, dann das T-Shirt, fordert die eine; die andere will es genau andersherum. Ihre Spangen, da sind sich die Zwillinge ausnahmsweise mal einig, wollen sie beide im Haar behalten. Ich will das nicht. Oder korrekter: Die Mutter will das nicht. Also will ich es auch nicht. Also gibt es das erste Geschrei noch vor dem ersten Spritzer Wasser. Und das ist nur das Vorspiel zum Hauptakt: Haarewaschen.

Unser Shampoo ist das teuerste im ganzen Drogerie-Discounter, mit Warentest-Siegel, "No tears"-Aufkleber und persönlicher Empfehlung der Verkäuferin ("total augenmild"). Die hat selbst Kinder, also zählt die Aussage doppelt. Trotzdem wird geheult, dass die Kacheln wackeln.

An vielen Tagen zumindest scheint mir der Arbeitsplatz erholsamer als die Familie. "Gehen Sie doch nach Hause", sagt mein Chef an manchen Abenden gönnerhaft, "fangen Sie nicht jetzt schon an, sich vor Ihrer Familie zu drücken." Witzbold.

Da zerreiß ich mich für die Firma, und zum Dank unterstellt er mir Wiegenflucht. Doch dann ertappe ich mich manchmal, den Kopf an die Fensterscheibe der U-Bahn gelehnt, bei dem Gedanken: "Wenn ich Glück habe, schlafen sie schon."

"Familie - was ist das?", fragt der deutsche Schriftsteller Sten Nadolny in seinem "Ullsteinroman" über die deutsche Verlegerdynastie und fügt ironisch hinzu: "Jeder weiß es, außer man fragt ihn."

Konservative sind da bereiter, sich festzulegen. Udo Di Fabio, Richter am Bundesverfassungsgericht und Streiter für ein traditionelles Familienmodell, spricht vom "Eros des Versprechens lebenslanger Bindung" und einer Gemeinschaft, die "den Sinn des Lebens nur mit Kindern sieht". Die Bundesregierung hat sich auf eine ganz pragmatische Definition verständigt. Familie ist für sie "eine Gemeinschaft mit starken Bindungen, in der mehrere Generationen füreinander sorgen".

Ausgehend von meiner eigenen Rolle liegt mir die Definition in Friedrich Kluges "Etymologischem Wörterbuch der deutschen Sprache" schon näher: Familie, lateinisch familia, heißt es dort, sei die "Hausgenossenschaft". Und dann folgt noch der Hinweis auf famulus, lateinisch für Diener. Und "Meyers Konversationslexikon" trifft es wirklich. Mit familia, heißt es in einer alten Ausgabe, hätten die Römer oft alles bezeichnet, "was ein freier Bürger besaß" und "namentlich auch die dazu gehörigen Sklaven". Wusste ich es doch.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: heile Familie - alles Legende. "Auf reale Vorbilder kann sich dieses Ideal nur teilweise berufen, denn statt Großfamilien und Ehen von langer Dauer dominierten in der europäischen Geschichte Patchwork-Verbindungen und Kleinfamilien, ledige Mütter und Singles", schreibt die Familienhistorikerin Ute Planert von der Tübinger Eberhard-Karls-Universität: "Mutterliebe erwies sich als ebenso wandelbar wie das Verhältnis der Geschlechter, Familien gründeten weniger auf Emotionen denn auf materiellen Interessen."

Wie bunt es inzwischen unter deutschen Dächern zugeht, zeigt mir schon der flüchtige Blick in die eigene Familie. In meiner Jugend war Scheidung noch ein Tabu. Als Tante Erna sich von ihrem Mann trennte, wurde sie zum "leichten Mädchen" erklärt. Dabei hatte sie nur den Schritt gemacht, den meine Eltern nicht wagten.

Esther hingegen, zehn Jahre jünger als ich, musste sich schon entscheiden, bei welchem Elternteil sie groß werden wollte. Sie und ihr Bruder Guido hatten keine festen Präferenzen, zogen mal hier ein und dort wieder aus.

Inzwischen lebt jedes dritte Kind in unserer Umgebung nicht mehr in der klassischen Familie. Angela und Michael bringen es als Patchworker auf zusammen fünf Kinder; mein alter Freund Peter zieht seinen Luca alleine groß, so wie Anna ihre Miriam; Andreas und Ute leben in wilder Ehe und arbeiten am zweiten Kind; Franz und Hans wiederum sind glücklich verheiratet und haben Sex ohne jeglichen Vermehrungsgedanken. Wahrscheinlich hält deren Beziehung am längsten.

Ob wir, Esther, die Kinder und ich, es als klassische Familie schaffen? "Bringen wir sie ins Bett?", fragt die beste Ehefrau der Welt.

Das hört sich nach Waffenstillstand an. Endlich. Dreimal ausziehen, Windeln, Schlafanzug, Zähne putzen, Geschichte vorlesen - vor halb neun sind die wieder nicht in ihren Schlafsäcken.

Esther schiebt die Einschlaf-CD ein. Wir legen uns zwischen drei Kinderbetten auf den Boden, obwohl mir trotz der Judomatte hinterher der Rücken wehtun wird, halten Händchen mit den Kleinen. Im Hintergrund erklingt leise unser Einschlaflied seit vielen Monaten: "Wer hat die schönsten Schäfchen?" Mit ihrer hellen, weichen Stimme singt Nena. Die Popröhre von einst, mein Schwarm in der Twenty-something-Zeit, ist inzwischen Mehrfachmutter und singt statt Paranoia-Hits wie "99 Luftballons" nun Kuschellieder. So schlicht, so schön, dass nicht nur die Kinder zur Ruhe kommen.

Ich denke in diesem Augenblick an all die vielen Väter und Mütter, die nicht das Glück haben, mit ihren Kindern zusammen zu sein, die in Hotels und Flugzeugen ausharren müssen oder noch am Schreibtisch hocken. Oder die in Krankenhäusern an Kinderbetten und Brutkästen die Wacht halten. Welch eine Gnade, hier liegen zu dürfen, als Bettvorleger.

Ich flüstere Esther zu, dass ich so gerne mit ihr auf dem neuen Sofa sitzen würde, das in der vergangenen Woche angeliefert wurde. Acht Tage haben wir das schöne Stück schon. Aber es uns darauf gemeinsam gemütlich zu machen, das haben wir noch nicht geschafft. Einfach nur so still zu sitzen. Sie und ich. Frieden einatmend, Liebe ausatmend. Oder umgekehrt.

"Ja, lass uns da ein Glas Wein trinken", sagt sie und sucht im Dunkeln meinen Blick - "wenn du morgen Abend mit mir die Kinder badest." Ich atme tief ein und frage vorsichtig: "Schon wieder baden?"



insgesamt 54 Beiträge
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miwalter 03.03.2009
1. Köstlich
Einfach herrlich. Liebevoll und ironisch. Großes Kino.
gosi 03.03.2009
2. Kinder und "alte" Leute
Moin, ja man ist so alt wie man sich fühlt - aber alles hat wohl seine Zeit. Ich denke mal in dem Alter sollte man Opa und nicht Papa von drei kleinen Kindern sein. Wobei die Niederungen des Alltags lassen sich doch (in diesem Fall) bestimmt mit Geld für ein Kindermädchen "entschärfen". Also nicht jammern! Ist alles selbst gemacht! Schöne Woche noch Andreas
klausab, 03.03.2009
3. Manch einem...
...ist auch nichts zu blöde. Wenn ich mit meinen Kindern eine solche Last hätte, wäre es mir peinlich, darüber zu berichten, ist es in meinen Augen nichts anderes als das Eingeständnis des Scheiterns. Mit unseren drei Töchtern und einem Sohn haben wir derartige Schwierigkeiten nicht. Wenn man natürlich meint, jeder Mensch müßte täglich geduscht oder gebadet werden oder esoterische Zubettgehrituale hülfen den Kleinen - bitteschön, aber dann herumheulen, ein Buch darüber zu schreiben und es vom Spiegel hier massiv bewerben zu lassen - hochnotpeinlich.
maap 03.03.2009
4. relax:
Ich bade einmal pro Woche - Sonntag abend - mit meinen Kleinkindern. Ohne creme danach etc - alles schnickschnack der die Haut nur abhaengig macht. Wir hatten nie ein Problem mit den Kindern. Nie wunden popo etc - nur beim windel wechseln mit klarem wasser abwischen. so einfach gehts. Marcus
dr doolittle 03.03.2009
5. Peinlich und pathetisch
dieser Artikel. Gewollt auf satirisch gemacht, mit plumpen Anleihen bei Ephraim Kishon ("Beste Ehefrau von allen") und nicht ein einziges nettes Wort wird ueber die Kinder verloren! Ich habe selbst 3 Kinder innerhalb von 3 Jahren bekommen, und mein Mann und ich sind in der gleichen Altersklasse wie das Ehepaar Bednarz. Die Kinder sind jetzt 7,8 und 10 Jahre alt, und mein Mann ist mittlerweile 56. Wir sind beide voll berufstaetig und geniessen trotzdem jeden Moment mit unserer Familie, Kindergeburtstage, das Haus am Wochenende stets voller Kinder (meist uebernachten die Freunde der Kinder mittlerweile bei uns, das bedeutet zT 5 KInder im Haus), Skiurlaube mit 3 Wickelkindern, Flugreise mit 3 Kleinkindern usw. Natuerlich ist eiene solche Familienkonstellation anstrengend und kostet Kraft, aber es ist auch alles eine Frage der Einstellung. Ich habe jedenfalls kein Verstaendnis fuer Herrn Bednarz und auch nicht dafuer, dass seine Frau einer Veroeffentlichung dieser Art nichts entgegengestellt hat.
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