Gespräche über das Leben "Wertvoller als alles Geld der Welt"

Was ist wirklich wichtig, wenn man nicht mehr in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit blickt? Zehn alte Menschen erzählen aus ihrem Leben.

Von Annika Eliane Krause und Marie Kreibich


Der Zug hält, wir sind in der Nähe von Aachen. Wenige Meter vom Bahnhof entfernt befindet sich ein großer Gebäudekomplex, ein Altenheim. Wir sind mit Luzie verabredet. Sie ist 105 Jahre alt. Ihre Tür ist offen, das Zimmer dekoriert mit Familienfotos und Spitzendecke.

Luzie sitzt im Rollstuhl, ihr braun gebranntes Gesicht ist zum Fenster gewandt. Immer wenn die Sonne scheint, setzt sie sich nach draußen auf den Balkon, erzählt sie. Sie hört nicht mehr gut, doch ihre Augen sind wach und glänzend, ihre Worte klar und bestimmt.

Auf dem Tisch steht ein Glas Buttermilch, ihr Lieblingsgetränk. Daneben ein Fotoalbum von ihrem hundertsten Geburtstag. Luzie bietet Sekt an, Schnaps habe sie auch da, sagt sie und lacht. Ein Lachen, das schon mehr als hundert Jahre auf der Welt ist. Ein Lachen voller Leben.

Was sind ihre Wünsche, ihre Ängste? Was ist wirklich wichtig im Leben, wenn man nicht mehr auf die Zukunft, sondern auf die Vergangenheit blickt? Hat das alles einen Sinn? Brauchen wir einen Sinn? Es ist nicht die eine, große Antwort, die bewegt. Es sind die kleinen Geschichten, die den Menschen ausmachen.

Wir unterhalten uns mit zehn Menschen im Alter, besuchen sie in ihrer Wohnung, auf ihrem Bauernhof, im Altenheim. Wir wollen ein Gefühl für das Leben und den Tod bekommen. Wir wollen Menschen, Lebensgeschichten und Weisheiten begegnen.

Die Gespräche sind traurig und aufmunternd, bedrückend und erleichternd. Sie erzählen von einem erfüllten Leben, vom Scheitern, von Hoffnung und Enttäuschung. In den Zimmern wird die Zeit zurück gedreht, wir dürfen Jugendgeschichten lauschen: Es sind Geschichten von der einen großen Liebe, von Tanzveranstaltungen, von Sommertagen am See. Erinnerungen, die gestern hätten sein können und doch immer mehr verblassen.

Die schönsten Porträts und Zitate sehen Sie in der Fotogalerie:

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Gespräche mit Alten: "Jedes Leben hat seinen Sinn"

Die Autorinnen studieren Design an der Hochschule Düsseldorf (HSD). Aus den Erinnerungen, Anekdoten und Erzählungen ist ihr Buch "Früher ist im Jenseits schon" entstanden. Mehr Informationen finden Sie auf den Websites von Annika Eliane Krauseund Marie Kreibich.

Im Rahmen des Düsseldorfer Photoweekends wird das Projekt in der Ausstellung "Welt oder Photographie als soziale Praxis" im Gebäude der HSD ausgestellt (3. bis 5. Februar).



insgesamt 4 Beiträge
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Joachim Petrick 02.02.2017
1. Eine begrüßenswerte Gesprächsreihe. Danke!
Ab einer bestimmten Lebenssitution, unabhängig vom Alter, scheint mir der Mensch so sehr auf Gegenwart von persönlicher Ansprache durch Dritte als ein Gerüst und Geländer für das Denken und Handeln im Alltag angewiesen, dass ihm selbst die Vergangenheit zur Gegenwart gerät, wenn es an persönlicher Ansprache fehlt
katjastorten 02.02.2017
2. Noch nicht verlegt?
Als Erwachsene ohne Eltern und Großeltern wäre eine Veröffentlichung für mich ein Gewinn. Und mit dieser Vorstellung hier wahrscheinlich für einen Verlag auch!
Knossos 02.02.2017
3. Wertvoller als alles Geld der Welt
Ja. Eine Hälfte des Buches mit Gesprächen unter besagtem Titel, und die zweite mit jenen, denen Geld wertvoller ist als alle Welt. -Die sind meist nicht so alt, ihre Ansicht dennoch nicht belanglos, weil sie die Geschicke dieses Planeten bestimmen.
GinaBe 03.02.2017
4.
Das LEBEN feiern, das Gute sehen, das Negative hinnehmen, dankbar und demütig sein können über ein langes Leben. In diesem Buch wird es gewürdigt. Politische Dimensionen über Lebensbedingungen sind ausgespart- der SINN in einem jedem Dasein jedoch wird herausgehoben. Da lünkert Religiösität und Spiritualität durch - merkmale, die absolut fehlen in unserer durchökonomisierten Welt...
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