Rückkehrberatung für Flüchtlinge "Zu Hause habe ich zumindest meine Familie bei mir"

Tausende Flüchtlinge verlassen Deutschland wieder - freiwillig, oder um einer Abschiebung zu entgehen. Was treibt sie?

Sandra Machate von der Caritas in Erfurt mit Familie Metani
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Sandra Machate von der Caritas in Erfurt mit Familie Metani

Von Juri Auel, Erfurt und Frankfurt am Main


Mit gesenktem Blick sitzt Mohammad vor dem runden Tisch, auf dem seine Ausreise-Papiere liegen. Die Taliban wollten ihn zwingen, auf ausländische Soldaten zu schießen, sagt der 20-Jährige. Deswegen sei er nach Deutschland geflohen. Er wollte weg von der Gefahr. Doch mittlerweile fühle er sich in Deutschland genauso bedroht wie in Afghanistan.

Mohammad will wieder nach Hause, darum sitzt er jetzt im Zentrum für Beratung und Therapie am Weißen Stein des evangelischen Regionalverbands in Frankfurt am Main. Die kirchliche Einrichtung berät Flüchtlinge, die das Land verlassen müssen - oder freiwillig zurück in die Heimat wollen.

Wer freiwillig ausreist, kann sich unter Umständen zumindest eine Förderung für den Neuanfang sichern. Die meisten Ausreisen werden über die zwischenstaatliche Internationale Organisation für Migration (IOM) abgewickelt. Im vergangenen Jahr gingen mehr als 37.000 Menschen diesen Weg - fast dreimal so viele wie noch 2014.

Beratungsstellen wie die der evangelischen Kirche in Frankfurt helfen bei Anträgen, Behördengängen, Wohnungsauflösungen. Oft müssen neue Pässe besorgt, Grenzübertrittsbescheinigungen vorgelegt werden.

Sozialberater Atiyqullah Maywand mit Mohammad
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Sozialberater Atiyqullah Maywand mit Mohammad

Mohammad erzählt in einem kargen Büro, warum er Deutschland verlassen will. Täglich lese er in den sozialen Netzwerken von Angriffen auf Flüchtlinge, von Brandsätzen, die in ihre Unterkünfte fliegen, irgendwo in Deutschland. "Mein Freund ist von Deutschen in einem Park geschlagen worden. Sie haben ihm sein Handy abgenommen", sagt er mit leiser Stimme. Spätestens da sei in ihm der Gedanke gewachsen, heimzukehren.

"Ich habe keine Perspektive"

"In Afghanistan sind alle Leute in Gefahr, in Deutschland sind es nur die Flüchtlinge", sagt er. Hier wie dort müsse er in Angst leben, "aber zu Hause in Afghanistan habe ich zumindest meine Familie bei mir."

Mohammad hängt seit einem halben Jahr in einer Warteschleife fest. Weil die Prüfer überlastet sind, konnte er noch nicht einmal seinen Antrag auf Asyl stellen. "Ich habe keine Perspektive", sagt er.

Atiyqullah Maywand übersetzt das Gespräch. Der gebürtige Afghane kam 1979 nach Deutschland. Seit Anfang der Neunzigerjahre berät er in Frankfurt Flüchtlinge und Migranten, die in ihre Heimat zurück wollen.

Seit Anfang des Jahres hat Maywand es hauptsächlich mit Menschen aus dem Irak, Iran oder Afghanistan zu tun, die im Asylverfahren festhängen, frustriert aufgeben und aus freien Stücken heimkehren möchten. Im vergangenen Jahr war das anders. "Damals kamen vor allem Leute aus den Balkanstaaten zur Beratung, deren Asylantrag abgelehnt wurde", berichtet Maywand.

Eine Beobachtung, die Sandra Machate bestätigen kann. Die Migrationssozialarbeiterin bietet in Erfurt Rückkehrberatungen an. Sie teilt sich mit einer Kollegin eine Stelle bei der Caritas.

An diesem Morgen im März sitzt ihr Mohammed Hassoon aus dem Irak gegenüber. "Die Deutschen sind die wahren Muslime", sagt er, "weil sie sich um die Menschen kümmern." Hassoon ist froh, es nach Deutschland geschafft zu haben. Er fühlt sich hier nicht unsicher. Und dennoch überlegt der 61 Jahre alte Physiotherapeut, nach vier Monaten freiwillig heimzukehren. Ihm fehlt seine Arbeit: "Mir ist langweilig, wenn ich zu Hause herumsitze. Ich habe dort niemanden, der mit mir spricht."

Mohammed Hassoon
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Mohammed Hassoon

Andere gehen eher gezwungenermaßen zur Rückkehrberatung, Emrion Metani zum Beispiel. Der 27-Jährige und seine Familie kommen aus Albanien und damit aus einem sogenannten sicheren Herkunftsland. Das einzige Dokument, mit dem sich der Vater gerade ausweisen kann, ist seine "Aussetzung zur Abschiebung". Ein roter Balken ist darauf zu sehen. Darunter die Zeile: "Der Inhaber ist ausreisepflichtig!"

Eine Abschiebung will er seiner Familie ersparen. "Abschiebungen passieren oft nachts, unangekündigt und werden notfalls mit Polizeigewalt durchgesetzt. Das wollen viele vermeiden", sagt Machate. Außerdem stünden Abgeschobene in ihrem Heimatland oft vor dem Nichts.

Die Beratungen sind kostenlos. Wer Hilfe sucht, habe sich in der Regel schon länger mit dem Thema beschäftigt. Große Gefühlsausbrüche seien eher selten, sagt Machate: "Die Leute sind über den emotionalen Punkt hinaus."

In der Regel dauere es in Erfurt vier bis sechs Wochen vom ersten Gespräch bis zur Ausreise. Die Betreuung endet laut Machate nicht zwingend an der deutschen Grenze: "Wir versuchen, den Kontakt zu halten und mit Partnern auch vor Ort für die Leute da zu sein."

"Ich habe nichts in Albanien"

Familie Metani
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Familie Metani

Emrion Metani und seine Familie werden vermutlich nicht mehr als das Flugticket bezahlt bekommen. Sein Traum sei es immer gewesen, mit einem Deutschen von Angesicht zu Angesicht reden zu können, sagt der Albaner. Er habe als Junge stundenlang deutsches Fernsehen geschaut. Er liebt die Sprache, spricht sie fließend.

In Albanien herrsche überall Korruption. Ohne Beziehungen und Bestechung gäbe es nur Gelegenheitsjobs. Erst recht, wenn man wie er keinen Schulabschluss habe. Er sei ein guter Schüler gewesen, aber dem Vater sei das Geld ausgegangen. Die Bücher wurden zu teuer. "Ich habe nichts in Albanien", sagt Metani. Dennoch wird er das Angebot annehmen und sich in den Flieger setzen.

Ist es ethisch verwerflich, Schutzsuchenden Anreize zu bieten, damit sie freiwillig in das Land zurückkehren, aus dem sie geflohen sind? "Ich glaube, es ist gut, eine solche Option offenzuhalten", sagt Sandra Machate. Die Unterstützung ermögliche es den Menschen, selbstbestimmt und in Würde zurückzukehren. Außerdem spare das Förderprogramm dem Staat Kosten: "Eine Abschiebung ist extrem teuer."

Wenn jemand Deutschland verlassen müsse, der eigentlich bleiben wolle, sei das bedauernswert - in jedem Fall. Doch Schicksale wie das der Familie Metani ärgern die Helferin besonders: "Herr Metani kann so gut Deutsch", sagt sie, "es wäre bestimmt nicht schwer gewesen, ihn zu integrieren und einen Arbeitsplatz für ihn zu finden."

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