Folgen der Wiedervereinigung Die Freude war kurz, der Frust sitzt tief

Im Westen änderte sich wenig, für viele Ostdeutsche aber krempelte die Wende das Leben um. Historiker sind nun durch Thüringen, Sachsen und Brandenburg gereist - und führten aufschlussreiche Gespräche.
Ein Interview von Peter Maxwill

Da gibt es etwa die Geschichte des Physiklehrers Wolfgang Fiedler. Als 15 Kilometer südlich seiner Heimatstadt Meiningen die Mauer fiel, war der Thüringer 27 Jahre alt und euphorisch. Inzwischen geht Fiedler auf die Rente zu, die einstige Euphorie ist nach 30 Jahren als Bundesbürger der Ernüchterung gewichen: "Demokratie", sagt er heute, "hat man in der DDR nicht gelernt."

Fiedlers Geschichte ist eine von mehr als 16 Millionen. Als die DDR 1990 unterging, ging das Leben im einstigen Arbeiter- und Bauernstaat weiter. Wie blicken die Menschen in Ostdeutschland heute darauf zurück, und wie nehmen sie ihr heutiges Leben wahr?

Ein Team aus Historikern ist diesen Fragen vier Jahre lang nachgegangen - und wagte schließlich Ungewöhnliches: Statt ihre Erkenntnisse auf Kongressen anderen Wissenschaftlern vorzustellen, reisten sie in einem Bus durch Ostdeutschland und diskutieren mit denen, um die es geht - offen und öffentlich.

Im Interview schildert Projektleiterin Kerstin Brückweh, wie die Reise den Blick auf das Forschungsprojekt verändert hat - und weshalb nicht nur Wissenschaftler viel häufiger aus ihrem gewohnten Umfeld ausbrechen müssen.

Zur Person
Foto: Clara Bahlsen

Kerstin Brückweh leitete am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam die Forschungsgruppe "Die lange Geschichte der ,Wende'. Lebenswelt und Systemwechsel in Ostdeutschland vor, während und nach 1989" . Die habilitierte Zeithistorikerin ist zudem Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt sowie Privatdozentin an der Universität Tübingen. 

SPIEGEL: Frau Brückweh, wie isser denn nun, der Ossi?

Brückweh: Diese Stereotype will ich nicht bedienen. Aber als wir im Frühjahr durch Thüringen, Sachsen und Brandenburg getourt sind, um mit den Menschen über ihre Sicht auf die Wende zu sprechen, haben wir einiges über Ostdeutsche dazugelernt.

SPIEGEL: Sie haben vier Jahre lang zu dem Thema geforscht, und dann im Gespräch mit Zeitzeugen trotzdem noch Neues erfahren?

Die Dialogreise im Überblick

Brückweh: Ja, manche Schwerpunkte haben sich dadurch verschoben, auch wenn unsere Ergebnisse grundsätzlich bestätigt wurden. Die Wende hat, anders als etwa der Strukturwandel im Ruhrgebiet, wirklich alle Lebensbereiche betroffen - und zwar gleichzeitig. In den Gesprächen haben wir vor allem viel darüber erfahren, wie tief der Fall nach der kurzen Euphorie von 1989 und 1990 von vielen Ostdeutschen empfunden wurde. Gefühlt ging es für sie in den Neunzigern oft nur noch bergab.

SPIEGEL: Aber viele Menschen in der ehemaligen DDR haben sich doch gut an die neuen Umstände angepasst und schon in den Neunzigern ihren Weg gefunden.

Brückweh: Diese Erfolge werden allerdings nicht erinnert, das ist uns bei den Gesprächen auf unserer Dialogreise sehr aufgefallen.

Historiker im Gespräch mit Zeitzeugen: Nicht der Erfolg prägte sich ein, sondern die verlorene Lebenszeit

Historiker im Gespräch mit Zeitzeugen: Nicht der Erfolg prägte sich ein, sondern die verlorene Lebenszeit

Foto:

Clara Bahlsen

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Brückweh: Prägend war damals eine allumfassende Unsicherheit. Lassen Sie mich das an einem Beispiel illustrieren: Wer etwa fürchten musste, im neuen System das über Jahre oder Jahrzehnte gepflegte eigene Haus zu verlieren, weil die ursprünglichen Besitzer nun eine Rückgabe fordern konnten, verzweifelte daran - selbst dann, wenn man nach einem zermürbenden, jahrelangen Rechtsstreit das Haus doch behalten durfte. Nicht dieser Erfolg prägte sich ein, sondern die verlorene Lebenszeit auf dem Weg dorthin.

SPIEGEL: Insgesamt ist der Lebensstandard in Ostdeutschland seit 1989 doch deutlich gestiegen, die einst massiven Unterschiede zwischen West und Ost etwa bei der Gesundheit oder auf dem Arbeitsmarkt sind geschrumpft.

Brückweh: Man darf das nicht einfach vom Ergebnis her betrachten, als wäre alles bloß Statistik. Die persönlichen Erfahrungen in solch einem Umbruch können sehr prägend sein. Auf unserer Reise ging es vielen Leuten auch schlicht darum, gehört zu werden. Sie wollten erzählen, ihre Sicht der Dinge schildern.

SPIEGEL: Etwas Besseres kann auf einer Dialogreise ja kaum passieren. Was haben Sie noch gelernt?

Brückweh: Interessant ist, dass viele Zeitzeugen ihre eigene Lebensgeschichte nicht mit der von anderen Ostdeutschen in Beziehung setzen. Wir kamen in Orte, in denen wir auf eine Art kollektive Erinnerung stießen: eine öffentliche Erzählung, die sich durchgesetzt hat, die aber von den individuellen Erfahrungen zum Teil deutlich abweicht. Deshalb war es wichtig, dass es auf unserer Reise nicht nur Podiumsdiskussionen gab.

SPIEGEL: Weshalb?

Brückweh: In Gesprächen zu zweit oder in Kleingruppen erfährt man ganz andere Sachen, da äußern sich Menschen, die nach einer Podiumsdiskussion nur selten ans Mikrofon treten. Ähnliches gilt für die "Dialogkarten", auf denen die Teilnehmer ihre Sichtweisen und Erinnerungen aufschreiben konnten. So kamen nicht nur die lauten Protagonisten zu Wort, die im Ort ohnehin den Ton angeben.

Von Zeitzeugen beschriftete "Dialogkarten": Nicht nur die Lautsprecher zu Wort kommen lassen

Von Zeitzeugen beschriftete "Dialogkarten": Nicht nur die Lautsprecher zu Wort kommen lassen

Foto: Clara Bahlsen

SPIEGEL: Gab es Hürden für Sie bei all diesen Gesprächen?

Brückweh: Mancherorts wurden wir explizit als Westdeutsche bezeichnet. Wenn im Westen sozialisierte Historiker über den Osten forschen, müssen sie sich offenbar rechtfertigen - da reicht wissenschaftliche Neugier als Begründung nicht aus. Das galt selbst für die erst in den Achtziger- oder Neunzigerjahren geborenen Kollegen und Kolleginnen, die die meiste Zeit ihres Lebens im Osten verbracht haben. Mein Eindruck ist, dass solche Vorbehalte und dieses Schubladendenken in den vergangenen Jahren wieder stärker geworden sind. Deshalb wollte ich auch nicht auf Ihre Eingangsfrage antworten.

SPIEGEL: Wie lässt sich das aufbrechen?

Brückweh: Wir brauchen als Gesellschaft insgesamt mehr Dialog, deshalb müssen auch Forschende aus ihren sozialen Blasen herauskommen. Es ist nicht besonders schwierig, als Wissenschaftlerin eine Veranstaltung für Wissenschaftler zu planen: Da weiß ich, wie die Leute ticken. Wer aber statt auf einen Kongress in einen Gemeindesaal oder eine Schulaula geht, muss behutsam vorgehen, Gesprächsangebote machen - und sich darauf einstellen, dass sich manche Leute trotzdem vor den Kopf gestoßen fühlen.

SPIEGEL: In der Wissenschaft zählen Veröffentlichungen allerdings mehr als solche Dorf-Diskussionen.

Brückweh: Das stimmt, leider. Es wäre aber bei einem so politischen Projekt wie unserem unangemessen gewesen, die Ergebnisse nur im Wissenschaftssystem zu diskutieren. Im vergangenen Herbst hat die AfD zum Beispiel den Begriff der "Wende" im Landtagswahlkampf für ihre Zwecke instrumentalisiert: "Vollende die Wende", hieß es da. Uns geht es auch darum, unser Thema vor solchen geschichtspolitischen Vereinnahmungen zu schützen und solchen Behauptungen etwas entgegenzusetzen.

SPIEGEL: Sie haben sich auf der Reise von einer Fotografin und einem Journalisten begleiten lassen – warum?

Fotostrecke

Dialogreise durch den Osten: Ansichten aus dem neuen Deutschland

Foto: Clara Bahlsen

Brückweh: Wir haben in zwei Richtungen gedacht: Wissenschaftler  lassen ihre Arbeit von Kolleginnen und Kollegen evaluieren, deshalb haben wir sie um schriftliche Kommentare zu unseren Ergebnissen gebeten, die im Buch über unser Forschungsprojekt erscheinen. Es hätte aber nicht zu unserem Reise-Format gepasst, Forschende mitzunehmen. Deshalb haben wir uns für eine Fotografin und einen Journalisten als Beobachter entschieden. Die Fotos von Clara Bahlsen entziehen sich vollständig den Kriterien, an die Historiker gewöhnt sind: Sie sind nicht nach Ort oder Zeit sortiert, aber trotzdem sehr genaue Beobachtungen. Und der Autor Christian Bangel war für uns ein inhaltliches Korrektiv.

SPIEGEL: Inwiefern?

Brückweh: Bangel hat viel über Gewalt und Rassismus im Ostdeutschland der Neunzigerjahre recherchiert, wir hatten dazu aber vergleichsweise wenig in unseren Quellen gefunden. Nach unserer Dialogreise hat er einen Text geschrieben, den wir intensiv diskutiert haben. Und dann haben wir unsere Quellen noch mal mit dieser Fragestellung gesichtet, denn manchmal treten schwierige Themen nur am Rande in historischen Quellen auf, aber sie sind da. Deshalb haben wir schließlich für unser Buch noch ein zusätzliches Kapitel über die Alltäglichkeit von Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus geschrieben.

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Kerstin Brückweh (Hg.), Clemens Villinger (Hg.), Kathrin Zöller (Hg.)

Die lange Geschichte der »Wende«: Geschichtswissenschaft im Dialog

Verlag: Ch. Links Verlag
Seitenzahl: 272
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SPIEGEL: Sie haben mit der Dialogreise gewissermaßen akademische Pionierarbeit geleistet - wie geht es nach dem Erscheinen Ihres Buchs  weiter?

Brückweh: Da gibt es schon Ideen, ich werde auf jeden Fall in dieser Richtung weitermachen - auch, wenn dieser Ansatz vom Wissenschaftssystem nur bedingt honoriert wird. Aber ich bin davon überzeugt, dass er wirkt und einen Mehrwert hat. Und zwar für die ganze Gesellschaft.

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