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Wlada sucht die Liebe: Neun Länder, neun Paare

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Wlada sucht die Liebe Neun Länder, neun Paare, neun Wahrheiten

Sie reiste rund um die Welt, traf Paare in Brasilien, in Ägypten, in Iran und in China. Was verstanden sie unter Romantik? Wie wichtig war Sex? Wie wertvoll Treue? Wlada Kolosowa zieht ein Fazit ihrer Suche nach der Vorstellung von Liebe.

Immer meint man, sich durch eine Reise vollkommen verändert zu haben. Dass nichts mehr ist, wie es war. Aber hinter der Haustür wartet das alte Leben und hat dich mit der ersten Begrüßungsumarmung fest im Griff. In der Wohnung meines Freundes gibt es immer noch keine Gardinen. Die Routinen sind die gleichen. Eigentlich gibt es nicht viel Neues, außer einer neuen Joghurtsorte im Kühlregal und ein paar neuen Beziehungskonstellationen im Freundeskreis.

Alle fragen: "Wie war's?" Ich verschlucke mich an der Fülle von Geschichten, will jede einzelne mit dazugehörigen Fotos illustrieren. Sie hören ein paar Minuten zu, und sagen dann: "Hey, habe ich dir schon von dieser Hausparty letzten Samstag erzählt?" Und ich bin natürlich eingeschnappt, wenn sie nach dem 16. der 160 Sonnenuntergangsfotos gähnen und sich nie die Namen der Paare merken können, von denen ich erzähle.

Von dem ganzen Liebesprojekt wollen die meisten letztendlich nur eines wissen: "Und? Ist sie überall gleich?"

Puh. Schwierig. Es gibt kaum etwas, das überall auf der Welt so unterschiedlich und so ähnlich zugleich ist.

Sinn und größter Unsinn

Einerseits ist die Liebe etwas, dass eine 17-jährige Bauerntochter in Ägypten mit einem schwulen Paar in Berlin gemeinsam hat. Überall auf der Welt schlagen Herzen beim Anblick dieses einen Menschen höher. Überall auf der Welt gibt es Liebeslieder, überall gibt es Liebeskummer. Anderseits wird ein iranisches Paar, das heimlich unter dem Tschador Händchen hält, die Liebe anders erleben als Oberschichtenbrasilianer, die sich auf einer Poolparty in knapper Bademode aneinander reiben.

Was Liebe, Sex und Heirat bedeuten, ist keineswegs überall gleich. Es ist nicht einmal in Deutschland gleich. Nicht einmal in meinem Freundeskreis. Nicht einmal zwischen zwei Menschen.

Auf meiner Reise habe ich gelernt, dass Liebe vieles sein kann: ein gemeinsames Zuhause, eine Gratwanderung, ein Schwur vor Gott, Luxus, Protest, Verbrechen, eine Praline, bei der man nie weiß, was drin ist, eine Entscheidung, ein Versprechen, ein Wunder, eine Güter-Transaktion, unstillbares Verlangen, eine Brücke zwischen zwei Familien, eine Brücke zwischen zwei Kulturen, Privatsache, Elternsache, Voraussetzung für Kinder, gebügelte Hemden, Fischbuletten, ein Computeralgorithmus, sein eigenes Glück von jemand anderem abhängig zu machen, eine ewige Erinnerung, die dreckigen Socken im Bad, die Zeit zwischen "ich dich auch" und "du mich auch", der Sinn des Lebens, der größte Unsinn des Lebens.

Und keine Version ist richtiger als eine andere. Nicht überall auf der Welt suchen Menschen nach einem gleichberechtigten Partner, der ihr Selbst bereichert und offenbart. Nicht jeder kann sich Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung leisten. Die Liebe, die aus romantischen Gefühlen entsteht, kommt den einen so abwegig vor wie den anderen die Vorstellung, dass die Eltern den Partner aussuchen.

Überzeugung und Mitleid

Verliebtheit ist so tief im Menschen verschraubt, dass es sie überall auf dem Planeten gibt. Nur ist sie nicht überall ein Handlungsimperativ. Viele halten die romantische Besessenheit des Westens für eine Wohlstandssorge oder Wahnsinn. Und aus der Sicht von jemandem, der einen Partner braucht, um das tägliche Überleben zu sichern, scheint es das auch. Die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert beschreibt unsere westliche Liebesvorstellung folgendermaßen: "Wenn zwei Menschen unter dem Einfluss der gewalttätigsten, verrücktesten, trügerischsten, vergänglichsten aller Leidenschaften stehen, müssen sie schwören, dass sie in diesem aufgeregten, abnormalen, erschöpfenden Zustand bleiben, bis der Tod sie scheidet."

Über 40 Prozent solcher Schwüre sind in Deutschland nicht von Dauer, und trotzdem versuchen wir es immer wieder aufs Neue. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Version der Liebe die einzig richtige ist, und bemitleiden alle, deren Liebe nicht so frei ist.

Dabei kommt die "westliche Liebe" vielen der von uns Bemitleideten, die ich traf, "hart" vor, weil man immer auf Probe zusammen sei, "nackt", weil unsere Liebe nicht unbedingt finanzielle Verpflichtung bedeute, "kapitalistisch", weil alle immer danach schielten, ob man zurückbekommt, was man investiert. Manchen scheint sie sogar wie eine "optische Täuschung" - weil der Mensch, in den wir uns verliebt haben, sich selten als dieser herausstelle.

Ich halte es für absolut möglich, dass meine russische Oma oder eine Türkin in arrangierter Ehe glücklich sind - weil sie nicht erwarten, dass ihr Mann ihr bester Freund, ihr Vertrauter und mystischer Frauenheld in Personalunion sein muss. Aber das heißt auch nicht, dass alle Probleme in Deutschland gelöst wären, wenn wir alle unsere Ansprüche herunterschraubten. Man kann die Liebe nicht außerhalb ihrer Umstände betrachten. Das wäre, als würde man versuchen, eine Schildkröte aus ihrem Panzer herauszuoperieren.

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