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26. Juni 2014, 08:43 Uhr

Fotoprojekt in Rios Favelas

Protest der Vertriebenen

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Tausende Bewohner in Rios Armenvierteln werden aus ihren Häusern verjagt, um die Stadt für WM und Olympia aufzuhübschen. Der Fotograf Marc Ohrem-Leclef hat in den Favelas Menschen besucht, die für ihre Heimat kämpfen.

Trotzig steht Eomar im Schutt. Die linke Hand zum Protest erhoben, eine Leuchtfackel qualmt. Hinter ihm ein Backsteinkasten, vier Stockwerke hoch, sein Zuhause. Die Wohnungen rechts und links davon sind schon abgerissen, Eomars Haus soll das nächste sein. Doch er will nicht weichen. Er will kämpfen.

Sechs Monate später: Eomar steht an derselben Stelle. Der Schutt ist noch da. Sein Haus aber nicht. Eomar hat gekämpft. Und verloren.

Der Brasilianer lebt in einem der zahlreichen Armenvierteln von Rio de Janeiro, in der Favela do Metrô. Er ist einer von Tausenden, die zwangsweise umgesiedelt wurden. Wegen der WM 2014. Wegen der Olympischen Spiele 2016. Weil die Stadt sich modern zeigen möchte, von ihrer schönen Seite.

Die Proteste der Favela-Bewohner gegen die teils gewaltsamen Zwangsumsiedlungen dauern seit Monaten an, die Polizei geht immer wieder mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Demonstranten vor. Der deutsche Fotograf Marc Ohrem-Leclef ist deshalb im Herbst 2012 in die Favelas gereist. Er wollte keine Bilder vom Abriss der Häuser oder von den blutigen Auseinandersetzungen machen. Er kannte diese Fotos aus den Nachrichten. Ohrem-Leclef suchte stattdessen die Gesichter hinter diesen Nachrichten, die Geschichten.

Porträts und Protestbilder

Es sei oft schwer gewesen, das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen, sagt der Fotograf. Er arbeitete in Rio mit einer kleinen Nichtregierungsorganisation zusammen, die ihm Kontakte vermittelte. Es wäre schwer geworden ohne diese Hilfe. Er, der Außenseiter. Er, der Weiße. Er, mit seiner Kamera. Was hat so einer in den Armenvierteln von Rio zu suchen?

Er suchte nach Antworten: Was wird aus den Menschen, wenn sie für zwei riesige Sportevents aus ihrem Zuhause vertrieben werden?

Ohrem-Leclef erklärte den Bewohnern in den Favelas die Idee hinter seinem Fotoprojekt: Er wollte zwei verschiedene Bildserien machen. Da sind einerseits die klassischen Porträts. Und dann gibt es andererseits die Aufnahmen mit den erhobenen Händen und Leuchtfackeln. Diese Pose sei ein Symbol für Befreiung, Unabhängigkeit und Protest, sagt Ohrem-Leclef. Und für die Olympischen Spiele.

In 13 Armenvierteln war der Fotograf mit einem Dolmetscher unterwegs, 2012 und 2013 je drei Wochen lang. Die Bilder sind in dem Buch "Olympic Favela - Vai com Deus" erschienen, für das er mit einer Kickstarter-Kampagne rund 20.000 US-Dollar sammelte. Eine zentrale Rolle auf den Fotos spielen drei Buchstaben. Sie sind an zahlreiche Häuserfassaden gesprüht und kündigen das Unheil an: SMH, Secretaria Municipal de Habitação. Damit markiert die Wohnungsbaubehörde die Gebäude, die abgerissen werden sollen.

"Die Stadt verliert ihre Seele"

"Die Bewohner verstehen, warum sie umziehen sollen. Sie wissen um die oft ideale Lage ihrer Häuser am Hang, mit Blick aufs Meer, im Herzen der Stadt", sagt Ohrem-Leclef. Aber verstehen heißt nicht hinnehmen. Denn die Bewohner der Favelas verlieren mehr als das Haus, in dem sie leben oder den Grund, auf dem sie es gebaut haben. "Sie verlieren ihre Nachbarn, die Gemeinschaft, in der man gegenseitig auf die Kinder aufpasst oder füreinander einkauft", sagt Ohrem-Leclef. "Diese Gemeinschaften werden aufgebrochen und zerstört. Und damit ändert sich nicht nur die Infrastruktur der Stadt. Sondern ihre Identität und ihre Seele."

Dabei ist es nicht so, dass jeder Favela-Bewohner dort tatsächlich leben möchte. Einige akzeptieren die Ausgleichszahlungen der Stadt und verlassen ihr Zuhause freiwillig. Die Viertel gelten teils immer noch als sehr gefährlich, der Waffen- und Drogenhandel boomt.

Aber die Entschädigungen sind oft unzureichend, das neue Zuhause weit vom Stadtzentrum entfernt. Wer nicht freiwillig Platz macht für die geplanten Straßen, Häuser oder Parkplätze, müsse damit rechnen, dass Mitarbeiter der Stadt immer wieder auftauchten, sagt Ohrem-Leclef. "Sie überreden, sie drohen, sie zermürben." Der Fotograf vergleicht den Kampf der Bewohner gegen die Stadt mit dem Duell zwischen David und Goliath. Doch das Bild will nicht ganz passen. Denn dies ist ein Kampf ohne Gewinner.

Geh mit Gott!

Auch mit Beginn der WM habe die Wut über die Zwangsumsiedlungen nicht nachgelassen, sagt Ohrem-Leclef. Nur die Polizei sei noch brutaler darin geworden, die Proteste zu unterdrücken. Doch trotz ihrer Wut und Verzweiflung seien die Bewohner ihm gegenüber warmherzig gewesen, sagt Ohrem-Leclef. "Das hat mich in all der Zeit in den Favelas am meisten überrascht." Sprachlos hätten ihn zum Beispiel die Verabschiedungen gemacht. Die, die einer ungewissen Zukunft entgegenblicken, wünschten ihm, der in sein New Yorker Leben zurückkehrte, alles Gute: "Vai com deus", riefen sie ihm hinterher. "Geh mit Gott."

"Geh mit Gott" - das wünschte ihm auch Vó Zeze: Jahrelang hat sie im städtischen Theater als Schneiderin gearbeitet und sich in Colônia J. Moreira ein traumhaftes Haus gebaut: mehrere Schlafzimmer, ein prächtiger Garten, mehr Mittelklasse als Favela. Zwei Fotos von der alten Dame sind im Buch zu finden. Ein Porträt zeigt sie im Klappstuhl sitzend, ihre Lesebrille in der Hand. Das andere entstand im Garten von Vó Zeze: Sie hat den rechten Arm erhoben, eine brennende Fackel in der Hand. Auf die Palme hinter ihr hat jemand drei Buchstaben gesprüht.

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