WM-Stimmung in Brasilien Freuden und Tränen

Vor der WM wurden in Brasilien tägliche Proteste befürchtet, ein Turnier in Chaos und Angst. Doch die Großdemonstrationen sind bisher ausgeblieben. Nun ist erst mal der Jubel über den Achtelfinaleinzug der Seleção groß.

Getty Images

Aus Rio de Janeiro berichtet


Die Stimmen der TV-Kommentatoren überschlagen sich: "Wir haben ein wunderbares Team, Hulk dominiert, fantastisch. Fred großartig. Luíz Gustavo spitze. Und Neymar! Neymar!!! Was haben wir uns nicht alles anhören müssen. Die chilenischen Fans singen schöner als unsere. Und auch andere Torcidas singen besser. Aber wir Brasilianer, wir haben die Leidenschaft für Fußball im Blut." Fünf Ausrufezeichen stehen hinter jedem Satz.

In Rio knallen Raketen in den Himmel, Männer, Frauen, Kinder kreischen, fallen sich um den Hals. Hupen dröhnen durch die Nacht. Nach dem 4:1 gegen Kamerun steht Brasilien im Achtelfinale und wird am kommenden Samstag in Belo Horizonte gegen Chile spielen. Alles ist, wie es sein sollte, wenn im größten Fußballland der Welt das größte Fußballfest der Welt gefeiert wird. Beinahe alles.

Die Befürchtungen vor der WM waren enorm: Hunderttausende Brasilianer könnten durch São Paulo und Rio ziehen und ihre Regierung, die Fifa und die Fußballtouristen aus aller Welt zum Teufel wünschen. Streiks im öffentlichen Nahverkehr könnten ebenso für Chaos sorgen wie die nicht fertiggestellten Flughäfen. Fast nichts davon hat sich bisher bewahrheitet.

Viele Brasilianer sind von den torreichen Partien begeistert und vom Klimawandel im eigenen Land. Sie freuen sich über Touristen, die nicht wissen, was Maniok ist oder Chuchu. Und die dann mit großen Augen die beiden Gemüse bestaunen, die der Kellner zur Anschauung aus der Küche holt. Über Gringos, die mitten in Copacabana stehen und den Weg an die Copacabana suchen. Oder über Engländer, die ein Trikot der Seleção kaufen wollen und Tipps erbitten, wo es das schöne gelbe Shirt gibt. "Auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen, verstehen wir uns irgendwie", sagt eine ältere Senhora, die gerade beim Hemdenkauf helfen konnte. "Wir sollten nicht immer so pessimistisch sein. Wir schaffen das doch alles ganz gut."

Die Stimmung verbessert sich - aber auch für die Präsidentin?

Im Vorfeld hatten nur 54 Prozent der Brasilianer die WM im eigenen Land begrüßt, 39 Prozent waren dagegen. Heute seien 66 Prozent dafür, nur noch 27 dagegen, meldet das Magazin "Veja" nach den jüngsten Umfragen. 56 Prozent der Befragten sagen jetzt, die Copa sei "super oder gut" organisiert, 31 Prozent sagen: "durchschnittlich". Nur noch neun Prozent meinen, die WM sei "schlecht" organisiert. Vor Anpfiff des ersten Spiels glaubten dies 20 Prozent.

In dieser Woche gab die Regierung laut "Veja" eine Umfrage in Auftrag, um herauszufinden, ob sich der Stimmungswandel bezüglich der WM schon auf die Umfragewerte von Präsidentin Dilma Rousseff auswirkt, die im Herbst wiedergewählt werden will. Bei der Eröffnungsfeier in São Paulo musste sie sich obszöne Beschimpfungen anhören.

Hunderttausende gingen im vergangenen Jahr auf die Straßen, sie kritisierten die gesamte politische Führung, warfen der Staatschefin Verschwendung vor: Warum werden Milliarden in den Bau von Stadien gesteckt und nicht in Bildung, öffentlichen Nahverkehr und das Gesundheitssystem? Entzündet hatte sich der Zorn an 20 Centavos, umgerechnet sieben Cent, um diese Summe sollten Bustickets in São Paulo verteuert werden.

Die befürchteten Großdemos während der WM sind bisher weitgehend ausgeblieben. In den ersten sieben Tagen des Turniers wurden zwar 105 Protestversammlungen im ganzen Land gezählt, doch im Schnitt waren laut "Veja" weniger als 250 Personen beteiligt, zur größten Demo kamen 5000 Menschen in São Paulo.

Lucas Oliveira, der im vergangenen Jahr die Proteste in São Paulo mitkoordiniert hat, liefert dafür eine simple Erklärung: Es fehlt an einem klaren Ziel. Im vergangenen Jahr ging es konkret um die 20 Centavos für die Busse. Heute werden alle Forderungen und alle Kritik an der Regierung und der WM miteinander vermengt, sagte er "Agéncia do Brasil". Das mache die Sache beliebiger. Man kann manchen Punkten zustimmen, anderen nicht. Bei den Ticketpreisen waren sich Zigtausende Menschen einig: Das ist ungerecht.

Nach Andrades Tod schlug die Stimmung um

Das Ausbleiben der Massendemonstrationen bedeutet jedoch nicht, dass plötzlich alles friedlich ist. Aber die Gewalt Einzelner macht der breiten Masse inzwischen Angst, die Bürger wollen nicht damit in Verbindung gebracht werden. Mitglieder des Schwarzen Blocks nutzen angemeldete Demos von Lehrern oder WM-Gegnern für ihre eigenen Ziele: Anarchie. In Brasilien sagt man, sie fahren per Anhalter. Die Stimmung kippte, nachdem im Februar der Kameramann Santiago Andrade starb, er wurde von einem Feuerwerkskörper am Kopf getroffen, der von einem Demonstranten abgeschossen worden war.

Zu Beginn der WM versuchten Randalierer, das Eröffnungsspiel zu stören, die Polizei ging mit Tränengas und Schlagstöcken gegen sie vor. Am vergangenen Mittwoch kam es erneut zu Randale, wieder in São Paulo. Vermummte stürmten ein Autohaus, zerschlugen Scheiben von Luxuskarossen, sprangen auf den Autodächern herum. Inzwischen gibt es ein Gesetz, das Demonstranten das Tragen von Masken verbietet.

Früher haben Eltern ihre Kinder mit zu den Demos genommen, damit sie sich das anschauen können, heute ziehen Eltern ihre Kinder aus den Protestzügen, wird der Politikwissenschaftler Leonardo Barreto im "Jornal do Brasil" zitiert. Sie sollen sich nicht ihre Zukunft verbauen.

Die friedlichen Demonstranten versuchen sich zu schützen, sie wollen nicht mit den vermummten "Idioten" in einen Topf geworfen werden. "Sie haben nichts mit uns zu tun", sagt eine junge Lehrerin bei einer Demo in Rio.

Die Autorin auf Twitter:



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Freidenker10 24.06.2014
1. optional
Die Stimmung kommt schon ganz gut rüber, vor allem wenn die Seleção spielt. Leider hat das ganze auch ihre Schattenseiten. Die Demonstranten werden so hart und übel angegangen, dass sich da keiner mehr traut die völlig gerechtfertigte Kritik an FIFA und der eigenen Regierung zu äußern. Übrig bleiben wird wohl ein riesiger Schuldenberg für Brasilien und ein Steuerfreier Riesengewinn für Blatter und Co! Ich hoffe sehr, dass das Thema FIFA endlich mal so richtig hochkocht und diese debile, korrupte Mafiafamilie vom Hof gejagt wird. Leider stehen, auch dank unseres DFB ( Niersbach ) mit Platini schon die nächsten Paten in den Startlöchern...
simba00 24.06.2014
2. feel good Journalismus
Galant unter den Tisch fallen gelassen wurden all die Maßnahmen der brasilianischen Regierung, jeglichen Protest zu unterbinden. 150.000 Sicherheitskräfte sind mobilisiert worden, um notfalls auch "den Knüppel tanzen zu lassen", wie Ronaldo vor der WM forderte. Die Grundrechte der BürgerInnen wurden massiv eingeschränkt im Vorfeld, man kann für Kleinigkeiten tagelang in den Knast wandern, Streiks wurden im Vorfeld von Gerichten als "mißbräuchlich" deklariert und von der Polizei mit Knüppel und Tränengas aufgelöst. In den Favelas wimmelt es vor Polizei und in Rio wird rigoros eine Ausgangssperre ab 22h in den Favelas durchgesetzt, nach dem letzten Spiel auch gegen feiernde Fans in den Favelas, erneut mit Knüppel und Tränengas. Stattdessen hier ein weiterer feel-good Artikel bei Spon zu Brasilien.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.