Wohnungen auf der Reeperbahn Abschied von den "Esso-Häusern"

Sie gehören fest zum Inventar der Hamburger Reeperbahn. Jetzt stehen die nach der nahegelegenen Tankstelle benannten Wohnhäuser vor dem Abriss und wurden ausgeräumt. Kritiker werfen dem Eigentümer vor, die Gebäude absichtlich dem Verfall preisgegeben zu haben.

Umzugswagen vor den "Esso-Häusern":
DPA

Umzugswagen vor den "Esso-Häusern":


Hamburg - Zu seinem Umzug aus den einsturzgefährdeten "Esso-Häusern" an der Hamburger Reeperbahn hat Rainer Franck am Dienstag nur eine Sporttasche mitgebracht. "Damit will ich die nötigsten Sachen mitnehmen", erklärt der 52-Jährige.

Er gehört zu den ersten Mietern, die an diesem Morgen ihre Möbel und Sachen verpacken dürfen - allerdings nur mit Hilfe einer Spedition, um Erschütterungen zu vermeiden. Wie viele andere Mieter hatte Franck sein Zuhause Mitte Dezember nachts verlassen müssen, weil Anwohner von wackelnden Wänden berichteten. Läden, Bars und der legendäre Molotow-Club wurden evakuiert.

Eigentlich war der Auszug aus den Häusern, die direkt an einer ebenfalls gesperrten "Esso"-Tankstelle an der Amüsiermeile liegen, erst für Sommer 2014 angesetzt. Schon lange ist geplant, die maroden "Esso-Häuser" in diesem Jahr abzureißen und einen Neubau zu errichten. Dagegen gab es immer wieder Proteste. Die Initiative "Esso-Häuser" sorgt sich um die Mieter und befürchtet, dass der Kiez durch einen neuen Gebäudekomplex langweiliger und austauschbarer wird.

Mieter haben ein Rückkehrrecht

Nach Angaben des Eigentümers Bayerische Hausbau hatten mehrere Gutachten ergeben, dass eine Sanierung wirtschaftlich und technisch nicht sinnvoll sei. Die Initiative "Esso-Häuser" wirft dem Eigentümer vor, er habe die Anfang der 60er Jahre gebauten Gebäude bewusst verfallen lassen und aus Profitgründen auf den Abriss spekuliert. Die Bayerische Hausbau nennt die Vorwürfe haltlos. Ihr Sprecher Bernhard Taubenberger betont, die Mieter hätten ein Rückkehrrecht. Welche Konditionen man ihnen dabei werde bieten können, hänge von den weiteren politischen Entscheidungen ab.

Insgesamt müssen noch 76 Mietparteien ihre Sachen aus den Wohnungen räumen. Bis zum 17. Januar sollen alle Wohnungen leer sein. 18 Mieter haben schon Ersatzwohnungen gefunden. Der Rest wohnt noch in Hotels, bei Freunden oder Verwandten - in diesen Fällen werden die Möbel zwischengelagert. Die Häuser werden rund um die Uhr bewacht.

Fast zehn Jahre lang wohnte Franck in einem Appartement in den "Esso-Häusern". Nach der Räumung wurde er in einem Hotel untergebracht. "Es ging eigentlich, aber über die Feiertage war es etwas ungewohnt", berichtet er ruhig. Die Möbel und Kartons soll das Umzugsunternehmen direkt zu der Ersatzwohnung bringen, die der Mann nun gefunden hat. "Schwierig, viele Erinnerungen", sagt Franck nachdenklich zu seinen Gefühlen am Umzugstag.

Seine Mütze mit der Aufschrift "St. Pauli" verrät, wie sehr er an seinem Kiez hängt. Deshalb wünscht er sich, eines Tages in den Neubau an der Reeperbahn zurückkehren zu können. "Das Umfeld würde ich gerne wiederhaben", sagt Franck, bevor Sicherheitspersonal eine Absperrung zu den Häusern für ihn öffnet.

ade/dpa



insgesamt 4 Beiträge
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mischnik 08.01.2014
1.
Wer zahlt eigentlich den Umzug? Und hat sich SPON schon vorgemerkt wenn man in 1 und 5 Jahren interviewen wird?
salty68 13.02.2014
2. Esso-Tanke- Eine Institution?
Was für eine Institution soll denn das sein? Wenn man da wirklich mal tanken muss hat man garantiert einen Besoffenen auf und einen unter dem Auto, wenn man nicht aufpasst.
TheDude_123 13.02.2014
3. Neubau = mehr Lebensqualität
Immer wieder interessant, wie sehr manche an alten, gammeligen Häusern hängen, statt den Weg für neues frei zu machen. Viele denken auch mit ihren Mietzahlungen lebenslanges Wohnrecht zu erhalten und verwechseln Miet- mit Eigentumswohnungen. Da verliert man völlig die Lust, Eigentum zu vermieten.
barmbek1 13.02.2014
4. Kann nicht sagen....
.... das die Esso Tankstelle eine Institution für alle (!) Hamburger war. Zumal ja der Besitzer dieser Tankstelle der Vorbesitzer der Esso Hochhäuser gewesen sein soll. War nicht das Motto im ebenfalls berühmten Cafe Keese: Honi soit qui mal y pense
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