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05. Dezember 2016, 17:50 Uhr

Wohnungslose in Deutschland

"Die Krise ist historisch"

In Berlin ist die Not besonders groß, aber auch in Bayern wächst das Problem der Wohnungslosigkeit. Experten warnen: Der Höhepunkt der Krise sei noch nicht erreicht.

Immer mehr Menschen in Deutschland haben kein Dach über dem Kopf. Die Zahl der wohnungslosen Menschen stieg seit 2010 von 248.000 auf zuletzt 335.000, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervorgeht.

Die tatsächlichen Zahlen dürften heute laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) noch weit höher liegen. "Die Krise ist historisch und hat den Höhepunkt noch nicht erreicht", sagte BAG-W-Geschäftsführer Thomas Specht. Das Problem bestehe bundesweit. In den größeren Städten gebe es besonders viele Wohnungslose, die meisten demnach in Berlin.

Aber auch in Städten wie Köln, Hamburg oder Leipzig seien viele Menschen betroffen. Zehntausende lebten auf der Straße, EU-Migranten häufig in Zeltstädten. Auch in den vergleichsweise wohlhabenden Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg gebe es das Problem. In München könne sich selbst die Mittelschicht kaum noch Wohnungsmieten leisten.

Betroffen waren nach den jüngsten Zahlen von 2014 rund 29.000 Kinder und 306.000 Erwachsene, davon in 220.000 Fällen Männer. Das Bundessozialministerium stützt sich bei seinen Angaben auf Schätzungen der BAG W, eine amtliche Statistik gibt es nicht.

Flüchtlinge müssen oft in Notunterkünften bleiben

Die Arbeitsgemeinschaft befürchtet eine noch deutlichere Verschärfung des Problems. Im vergangenen Jahr hatte sie bereits einen Zuwachs auf 536.000 wohnungslose Menschen bis 2018 prognostiziert. Die tatsächliche Zahl könne um mehrere Hunderttausend Menschen darüber liegen, weil die meisten anerkannten Flüchtlinge wegen der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt zunächst lange in Notunterkünften bleiben müssten, sagte Specht.

Der Grund für den Anstieg der Wohnungslosigkeit liege in der wachsenden Zahl der Haushalte, oft mit nur einem Bewohner, und der wachsenden Armut. "Die Fähigkeit, die Miete zu zahlen, ist bei vielen deutlich geschrumpft", sagte Specht. Die Zahl der Wohnungen mit Sozialbindung sei zudem auf knapp eine Million stark gesunken. Jedes Jahr verlören bis zu 80.000 Wohnungen die Sozialbindung, nur ein Viertel davon werde durch Neubau ausgeglichen.

Als wohnungslos gelten Menschen, die auf der Straße leben, die ohne Mietvertrag in Wohnungen auf Kosten des Staats leben, die in Notunterkünften oder Heimen untergebracht sind oder bei Verwandten leben.

Das Bundessozialministerium schreibt in seiner Antwort an die Linke: "Wohnungslosigkeit liegt vielfach nicht in fehlendem Wohnraum begründet, sondern hat in der Regel eine Reihe anderer sozialer und zum Teil auch psychosozialer Ursachen." Familiäre Probleme, Sucht oder Krankheiten spielten eine Rolle. Eine Statistik zur Zahl der wohnungslosen Menschen seitens der Regierung sei nicht geplant.

Linken-Fraktionsvize Sabine Zimmermann warf der Regierung Realitätsverweigerung vor. Vielmehr sei die Kombination aus immer weniger bezahlbaren Wohnungen mit einer verfestigten und steigenden Einkommensarmut der Grund für die Missstände. "Es ist unerträglich, dass die Bundesregierung so tut, als ginge sie das alles nichts an."

apr/dpa

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