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11. Dezember 2014, 15:23 Uhr

Zivilcourage

Einschreiten - oder nicht?

Von Vivian Alterauge

Beherzt eingreifen, wenn andere Hilfe brauchen: In Notsituationen würden viele Menschen gern Zivilcourage zeigen. Experten erklären, wie man in brenzligen Situationen hilft - ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Hamburg - Tugce Albayrak zögerte nicht lange, als sie die Rufe zweier Teenagerinnen hörte. So berichten es Zeugen, die dabei waren am frühen Morgen des 15. November im McDonald's an der Autobahnauffahrt Offenbach-Kaiserlei. An jenem Samstag, als Tugce Albayrak mit anderen Imbissgästen Sanel M. und dessen Freunde zurechtwies, die offenbar die beiden jungen Frauen belästigt hatten. Wenig später schlug Sanel M. die 22-Jährige so heftig, dass sie auf den Asphalt des Parkplatzes fiel. Sie erlag ihren Verletzungen.

Joey K., in einem Supermarkt in Hannover erschossen, starb vergangene Woche. Aktuellen Ermittlungen zufolge wollte der 21-Jährige helfen, als kurz vor Ladenschluss eine Kassiererin in einem Supermarkt von einem bewaffneten Mann bedroht wurde. Bei einem Handgemenge mit dem Täter löste sich ein Schuss, Joey K. war tot. Vom Täter fehlt immer noch jede Spur.

Beide wollten helfen, beide hatten nur Sekunden, um zu entscheiden, was zu tun ist. Die Reaktionen auf die beiden Fälle haben gezeigt: Zivilcourage hat einen enorm hohen Wert in der Gesellschaft. Zugleich wird deutlich: Mut bedeutet, Risiken einzugehen.

Wie soll jeder Einzelne abwägen, wenn sich die Frage stellt: einschreiten oder nicht?

Das Handeln ergebe sich aus einer Art Kosten-Nutzen-Analyse, erklärt die Psychologin Monika Schanderl von der Uni Regensburg, die seit Jahren zum Thema Zivilcourage forscht. Im Kopf fänden blitzschnell eine Reihe von Abwägungen statt, etwa: Habe ich Schuldgefühle, wenn ich nicht eingreife? Entscheidend aber seien vier Schritte, um aktiv zu werden.

Doch wie greift man richtig ein? Es gehe nicht nur um das aktive Dazwischengehen, sagt Schanderl. Nur wer sich körperlich imstande fühlt, sollte bei Gewalttaten aktiv eingreifen. Schließlich beherrsche nicht jeder Kampfsportarten. "Wenn der Täter direkt angegangen wird, macht ihn das oft noch aggressiver", sagt Schanderl. Wer dem Opfer helfe, überrascht stattdessen den Täter. "In der Zeit kann man mit dem Opfer fliehen."

Auch Andreas Mayer, Geschäftsführer der polizeilichen Kriminalprävention der Länder und es Bundes, sagt, von einem aktiven Eingreifen in eine Gewaltsituation sei eher abzuraten. Die bessere Alternative: Notruf wählen, den Kontakt halten, bis die Streife vor Ort ist. Stets mit dem Fokus auf das Opfer, nicht den Täter.

Wie man in solch einer Situation, wenn das Herz klopft und der Körper automatisch Adrenalin ausschüttet, richtig reagiert, kann man lernen. Seit zwanzig Jahren bietet die Polizei in München solche Schnellkurse an. Auch Schanderl leitet solche Trainings, meist im Großraum Regensburg. Dort lernt man auch, wie man das Umfeld richtig mit einbindet. Konkrete Ansprachen sind zum Beispiel sehr wichtig: "Sie in dem roten Pullover rufen die Polizei", ein anderer kann vielleicht weitere Hilfe holen.

Es gibt staatliche und private Programme, gerade für Jugendliche, die für das Thema sensibilisieren. Beinahe jede Stadt habe ein Zivilcourage-Programm, sagt Mayer. Die Polizei habe etwa die "Aktion-tu-was" initiiert, zahlreiche Preise zeichnen zudem Mutige aus und sollen zur Zivilcourage ermutigen.

Mayer weiß allerdings auch: "Die Wegschau-Mentalität ist immer noch weit verbreitet." Das liege nicht unbedingt an Ignoranz. Sondern auch an der Tendenz, sich von der Gemeinschaft abzuwenden, das Umfeld kaum mehr wahrzunehmen. "Viele kennen noch nicht einmal ihre Nachbarn im Mehrfamilienhaus." Dabei sei es schon couragiert, Fremde im Hausflur anzusprechen, um mögliche Einbrüche zu vermeiden.

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