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12. März 2010, 16:27 Uhr

Zollitsch bei Benedikt XVI.

"Große Betroffenheit, tiefe Erschütterung"

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, trat zum Rapport über den Missbrauchskandal im Vatikan an. Der Papst habe sich erschüttert gezeigt und den Bischöfen den Rücken gestärkt, hieß es danach. Zugleich bekräftigte Benedikt XVI. sein Festhalten am "heiligen Zölibat".

Rom - Zollitsch informierte das Oberhaupt der Katholiken am Freitag in Rom über den Stand die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen in Deutschland. Der Papst habe dabei die deutschen Bischöfe ermutigt, so Zollitsch, "den eingeschlagenen Weg der lückenlosen und zügigen Aufklärung konsequent fortzusetzen". Insbesondere bitte das Kirchenoberhaupt darum, dass die Leitlinien der Bischofskonferenz "kontinuierlich angewendet und wo notwendig verbessert" würden.

Zollitsch geht nach eigenen Angaben "gestärkt" aus dem Gespräch mit dem Papst hervor, weil dieser hinter dem entschiedenen Handeln der Bischofskonferenz stehe. "Papst Benedikt XVI. hat ausdrücklich unseren Maßnahmenplan gewürdigt", sagte Zollitsch nach der 45-Minuten-Audienz vor der Presse.

"Wir nehmen unsere Verantwortung sehr deutlich wahr", fügte Zollitsch hinzu. Ziel müsse es jetzt sein, "die Wunden der Vergangenheit zu heilen und mögliche neue Wunden zu vermeiden". Zollitsch bat die Opfer erneut um Vergebung. Auch würden die Bischöfe beraten, ob weitere Hilfen für Opfer möglich seien.

Zollitsch betonte, Missbrauch sei kein spezielles Problem der Kirche, doch habe diese eine besondere moralische Verantwortung. Mit dem Zölibat, der Ehelosigkeit der Priester, hätten die Missbrauchsfälle nach Ansicht aller Fachleute nichts zu tun. Der Vatikan prüfe nun, ob er selbst universelle Normen für den Umgang mit solchen Fällen aufstellen solle, sagte Zollitsch.

Benedikt XVI: Der "heilige Zölibat" als "kostbares Geschenk"

Der Termin beim Papst galt eigentlich einem routinemäßigen Bericht über die jüngste Versammlung der Bischöfe in Freiburg. Doch dann rückte der sich ausweitende Skandal um Missbrauch an Minderjährigen in katholischen Einrichtungen in den Brennpunkt.

Angesichts der wachsenden Kritik am Zölibat im Zusammenhang mit dem Missbrauchskandal hat Benedikt XVI. die Ehelosigkeit von Priestern am Freitag erneut verteidigt.

Der "heilige Zölibat" sei ein "kostbares Geschenk" und "Zeichen der vollständigen Hingabe" an Gott, sagte der Papst bei einem Treffen mit Teilnehmern einer Tagung der Kleruskongregation am Freitag im Vatikan. Die Kirche müsse an der Besonderheit des Priesteramtes festhalten und sich nicht "den Moden der säkularisierten Gesellschaft unterwerfen".

Bei der Suche nach den Ursachen für sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche wird auch über einen Zusammenhang mit der priesterlichen Ehelosigkeit debattiert. Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke sagte im Deutschlandfunk, der Zölibat sei als solches "nicht die Ursache". Allerdings könne die zölibatäre Lebensform Menschen anziehen, die "eine krankhafte Sexualität haben - und dann mag da eine Gefahrensituation gegeben sein". Im Inforadio des NDR plädierte Jaschke für einen offeneren Umgang mit Sexualität in der katholischen Kirche. Zölibatäres Leben "kann nicht heißen, dass man Sexualität unterdrückt oder verdrängt - man muss offensiv an diese Fragen herangehen".

"Klare Stellungnahme" des Papstes gefordert

Papst Benedikt XVI. hat sich bislang nicht öffentlich zu den Vorfällen in seinem Heimatland geäußert. In anderem Zusammenhang hatte er den Missbrauch von Kindern aufs Schärfste verurteilt.

Angesichts der immer neuen Fälle mehren sich jedoch die Rufe nach einer klaren Stellungnahme des Kirchenoberhauptes. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) forderte den Papst sogar zu einer Entschuldigung bei den Opfern auf. Eine solche Geste sei mehr wert als einige tausend Euro Entschädigungszahlungen, sagte er im RBB-Inforadio. Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" verlangte vom Papst grundsätzliche Entscheidungen, um den Missbrauch zu bekämpfen.

Unterdessen wurde ein früherer Domkapitular des Bistums Essen wegen sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen verurteilt. Der Priester hatte den über 16 Jahre alten Jugendlichen für Sex bezahlt. Gegen den 66-Jährigen erging ein Strafbefehl - ohne öffentliche Verhandlung. Er müsse 14.000 Euro zahlen und gelte damit als vorbestraft, teilte das Amtsgericht Essen am Freitag mit.

Laut WDR soll sich die Tat im Dezember vergangenen Jahres in der Dienstwohnung des Geistlichen abgespielt haben. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe legte der Priester alle seine Ämter nieder. Das Bistum Essen hat nach Angaben eines Sprechers ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet.

siu/dpa/apn

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