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Strukturkrise in Deutschland "Hier ist bald Ende"

Zorge liegt idyllisch im Harz, umgeben von Wald und Wanderwegen. Doch wie in vielen Dörfern in der deutschen Provinz droht der Niedergang: Der Nachwuchs zieht fort, niemand kommt nach. Ist der Verfall noch aufzuhalten?

Die Stimmung in der Bäckerei Werner war sicher auch schon mal besser. Gemächlich schlurft eine Dame mit Gehstock und weißem Haar in den Laden, sie ist die vierte hochbetagte Kundin binnen 20 Minuten. "Vier Brötchen, bitte", sagt sie zur Verkäuferin. Dann wird es grundsätzlich.

Trostlos sei es in Zorge geworden, klagt die Kundin, und die Verkäuferin sagt: "Wenn die Leute hier nachmittags im Café sitzen, sind sie oft missmutig." Die Seniorin nickt, zahlt und steckt die Brötchentüte ein. "Wir sind hier ja auch am Sterben", sagt sie beim Herausgehen - und schiebt wie zum Trost hinterher: "Wir sollten zufrieden sein, wenn es so schlecht bleibt. Besser wird's ja eh nicht mehr."

Zorge im Harz, das sich durch ein dicht bewaldetes Tal im Herzen der Republik schlängelt, ist ein besonders drastisches Beispiel für die bundesweite Strukturkrise. In dem Dorf ist zu sehen, was mit einer überalterten Gesellschaft fern urbaner Zentren passiert: eine ganze Region, mitten in Deutschland, die überaltert, schrumpft, verfällt.

Anders als etwa in Teilen von Sachsen oder Vorpommern gibt es keine großen Probleme mit Rechtsextremismus oder Arbeitslosigkeit - wohl aber etliche Erholungsgebiete und Ausflugsziele. Was also sind die Gründe für den Niedergang?

Zorge etwa bietet in Fülle, wonach sich wohl Millionen gestresste Deutsche sehnen: Ruhe. Ringsherum liegen Naturparks und Schutzgebiete, Skipisten und Rodelbahnen, restaurierte Altstädte und niedliche Bergdörfer, Pilzsammelgebiete und Wanderrouten. Vor drei Jahren erst erhielt der Zorger Aussichtspunkt "Pferdchen" wegen des grandiosen Ausblicks die Harzer Wandernadel . Zorge ist ein Idyll.

Einerseits.

"Andererseits ist die Demografie ein großes Problem", sagt Harald Bernhardt und lehnt sich weit in seinem Massivholzstuhl zurück. Jedes Jahr gebe es in Zorge zwei Geburten und 20 Todesfälle. "Alle sagen: 'Sie haben's soooo schön hier' - aber bleiben will keiner."

Der 56-jährigen Bernhardt, ein redseliger Vollbartträger im Fleecepullover, wurde vor 15 Jahren zum Bürgermeister gewählt, in diesen Wochen tritt er ab. Der Verwaltungsangestellte sitzt im Leseraum des Heimatmuseums, das den weihevollen Namen Haus der Zorger Geschichte  trägt - und genau diese Zorger Geschichte ist offenbar eines der Probleme. Denn dem Ort ging es früher so gut, dass die jetzige Krise umso schlimmer wirkt.

Lokalpolitiker Harald Bernhardt

Lokalpolitiker Harald Bernhardt

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"In den Achtzigern hatten wir unsere letzte Blütezeit", sagt Bernhardt, inzwischen sei die Zahl der Touristen auf etwa ein Drittel des damaligen Niveaus eingebrochen. "Nach der Wende", sagt er, "war da erst diese Euphorie - und dann waren wir einfach nur mitten in Deutschland."

Bernhardt fragt sich offenbar noch immer, warum der Harz nach der Wende keinen Boom erlebte. Schließlich liegt etwa der Brocken nicht mehr in der militärischen Sperrzone der DDR und Orte wie Zorge sind nicht mehr Teil des Zonenrandgebiets - nun teilen sich Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen. Trotzdem schrumpft dort, wo die Grenzen der drei Länder sich berühren, Zorge vor sich hin.

Knapp 1800 Einwohner hatte das Dorf in den Siebzigern, für 2020 rechnet Bernhardt mit noch 900 Mitbürgern. "Es sieht nicht rosig aus für uns", sagt er, "aber wir Zorger lassen uns nicht unterkriegen." 14 Vereine gebe es noch, die Ortsdurchgangsstraße sei erst vor wenigen Jahren erneuert worden.

Die Strukturkrise ist trotzdem überall im Ort sichtbar: Die Bankfiliale öffnet nur noch für einige Stunden an drei Wochentagen, die frühere Apotheke dient als Lagerraum fürs Heimatmuseum, in der ehemaligen Grundschule arbeitet nun der einzige Arzt im Ort, Spezialgebiet: geriatrische Rehabilitation. Zorge droht der Zerfall, trotz der großen Vergangenheit.

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Strukturkrise im Harz: Sorge um Zorge

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Der Mann, der diese Vergangenheit so gut kennt wie wohl kein anderer, wuselt im Obergeschoss des Museums umher. Detlef Roggenbach, ein Rentner mit Goldrandbrille und beigefarbenem Anorak, ist der Vorsitzende des Fördervereins. Beim Gang durch seine 350 Quadratmeter große Ausstellung gerät er ins Schwärmen, wie ein Marktschreier zählt er die Premiumprodukte der Marke Zorge auf: der Bau der ersten Lokomotive aus deutscher Herstellung 1842, der Aufstieg zum Erholungsort, der Tourismusboom im Kalten Krieg.

Beim Gang durch die Ausstellungsräume erzählt der 73-Jährige, wie Mönche im Jahr 1249 die Waldrechte im heutigen Zorge erwarben, wie 1540 eine Eisenhütte im Ort entstand, wie das Dorf im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Industriegebiet der Region aufstieg. "Wir haben historisch mehr auf dem Buckel als Berlin", sagt Roggenbach und kichert schelmisch. Trotzdem boomt Berlin, und Zorge verwelkt.

Hobby-Historiker Detlef Roggenbach

Hobby-Historiker Detlef Roggenbach

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Roggenbach macht das zu schaffen. 50 Jahre lang baute der gelernte Maurer in Zorge Häuser auf - von denen heute viele verfallen. "Das tut sehr weh", sagt er und atmet tief ein. "Aber wir kommen an der Wahrheit nicht vorbei. Die Jugend zieht weg, und die Alten investieren in ihre Häuser nicht mehr." Dabei sei Zorge so lebenswert: "Wir haben sauberes Wasser, saubere Luft - das ist unsere Zukunft."

Mit Luft allein wird sich die Krise aber wohl kaum bekämpfen lassen, denn deren Ursachen sitzen tief: Nach der Wende brach im Westharz die sogenannte Zonenrandförderung weg, im Osten brachten millionenschwere Förderprogramme nicht den erhofften Aufschwung. Unter den Gesundheitsreformen der Neunziger knickten etliche Kurkliniken und darauf ausgerichtete Pensionen ein, hinzu kam die Krise der Schwerindustrie.

Zorge traf all das hart. 2004 musste die Grundschule schließen, 2005 verkaufte die Stadt das frühere Kurhaus, 2006 öffnete die Berg-Apotheke zum letzten Mal, 2009 zog der Bergbaumaschinen-Produzent Schmidt Kranz & Co. ins nahegelegene Nordhausen um. Seitdem bröckelt die pittoreske Pracht des Ortes dahin.

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Historische Aufnahmen: So sah Zorge früher aus

Foto: SPIEGEL ONLINE/ Haus der Zorger Geschichte

Inzwischen kommen zwar immerhin wieder etwas mehr Touristen in den Harz, doch das Schrumpfen geht weiter. Allein die Region um Staßfurt hat laut dem Berlin Institut in den zwei Jahrzehnten nach der Wende rund ein Fünftel der Bevölkerung verloren, 600.000 Menschen. Und auch anderen Harz-Städten stellt die Studie desaströse Zeugnisse aus: Osterode etwa, die am schnellsten schrumpfende Stadt Deutschlands, droht demnach ein rapider Verfall.

Für die Zorger war Osterode als Kreisstadt noch bis vor Kurzem ein wichtiger Bezugspunkt, doch auch damit ist nun Schluss. Ein Großteil der Verwaltung ist im November nach Göttingen umgezogen, den Landkreis Osterode gibt es nicht mehr - solch ein Schritt war in Niedersachsen seit den Siebzigern nicht nötig. Gleichzeitig hat Zorge das letzte Stück Unabhängigkeit verloren: Der einst als "Ruhrgebiet des Harzes" gerühmte Industriestandort ist nun ein 950-Seelen-Ortsteil des Städtchens Walkenried.

Es geht bergab, aber aufgeben wollen viele Zorger noch nicht.

Stefan Krumnow ist einer von denen, die im Ort den Altersschnitt nach unten und die Stimmung nach oben ziehen. Der Familienvater - Schnäuzer, Bürstenschnitt, Goldkettchen - zeigt in seinem Hotel, dem "Alten Forsthaus", auf Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden. "Damals, in den Achtzigern", sagt er, "gab's hier massig Frühstückspensionen." Zur Wende hätten die Zorger tausend Betten für Touristen angeboten, rund 200 seien es heute.

Krumnow sagt das nicht wehmütig, er ruft es fast aus, voller Stolz. "Wir haben hier ja noch was", verkündet er und zählt an den Fingern die Zorger Vorzeigeprojekte auf: das Waldschwimmbad, das sie mit einem Bürgerverein gerettet haben. Der Sportverein, der mit Spenden einen neuen Kunstrasen bekommen soll. Die Gießerei, in der fast 500 Menschen arbeiten.

Wobei, Krumnow rudert mit den Armen und spricht noch ein bisschen lauter, die Gießerei sei dann doch nicht das beste Beispiel. "Der halbe Ort arbeitet da, die fahren mit ihren Lastwagen die Straßen kaputt, aber die Steuern zahlen sie woanders", sagt er. "Das ist doch ein Skandal." Kein Wunder, so Krumnow, dass Zorge so viele Probleme habe.

Kiosk im Ortskern von Zorge

Kiosk im Ortskern von Zorge

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Am frühen Abend kommt das öffentliche Leben im Dorf zum Erliegen. Der Bäcker hat längst geschlossen, nur schräg gegenüber, aus dem Kiosk fällt noch Licht auf die Hauptstraße. Ina Kramer, eine freundliche Dame mit kurzem Haar, räumt kurz vor Feierabend noch ein bisschen auf. Seit zehn Jahren arbeitet sie hier - und hat den Niedergang des Ortes miterlebt.

"Der Kiosk ist ja eigentlich alles, was geblieben ist", sagt Kramer. Seit immer mehr Zorger wegzögen, seien auch die Geschäfte verschwunden. Immerhin, fügt sie hinzu, gebe es im Süden des Dorfes ja diese Whiskey-Brennerei, vielleicht zöge die wieder mehr Kundschaft an.

Ob sie das wirklich glaubt? Kramer sagt: "Hier in Zorge ist bald Ende."