Crack-Süchtige in Brasilien Die Kehrseite des Wohlstands

Es gibt sie in São Paulo, Rio, Manaus: In brasilianischen Großstädten werden ganze Stadtteile nachts zu "Cracklands". Dealer und eine rasant wachsende Zahl Süchtiger sind das Symbol für die dunkle Seite des wirtschaftlichen Aufschwungs. Der Staat reagiert hilflos.

REUTERS

São Paulo - Wenn es Nacht wird, öffnet der Crack-Markt. Gegenden, in denen tagsüber Unternehmer ihre Geschäfte führen, werden zum Umschlagplatz für die Droge. Gruppen von Süchtigen stehen bei Dealern Schlange. Vielerorts ist das fahlgelbe Licht der Feuerzeuge zu sehen, mit denen Süchtige ihre Crack-Pfeifen anzünden.

Es sind Szenen, die in vielen brasilianischen Städten neu sind. Der Staat präsentiert sich als Land im Aufbruch, als Gastgeber der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Sommerspiele 2016. Wachsender Wohlstand hat Millionen Menschen in dem Land zum Aufstieg in die gesellschaftliche Mittelschicht verholfen.

Die Kehrseite des Aufschwungs ist eine Zunahme des Drogenkonsums - es gibt Tausende neue Abhängige, Süchtige werden in den Innenstädten allmählich zu einem alltäglichen Bild. Crack ist sehr einfach zu bekommen und billig, einen "Hit" bekommt man schon für den Preis eines Schokoriegels. Viele Abhängige rauchen mehr als ein Dutzend Mal am Tag Crack.

Die Nachrichtenagentur Reuters hat mehrere Fotografen losgeschickt, um 24 Stunden lang das Drogenelend in den "Cracklands", wie die Gegenden bezeichnet werden, zu dokumentieren. Die Journalisten besuchten das Zentrum São Paulos, Slums in Rio de Janeiro, Manaus im Amazonasgebiet und die Touristenhochburg Salvador da Bahia.

Die Bilder sind Dokumente eines erschreckenden Wandels, der Brasilien laut Experten ins Zentrum des internationalen Drogenschmuggels bringt. Wurden 2004 nach Uno-Angaben noch acht Tonnen Kokain beschlagnahmt, war es 2011 schon die dreifache Menge. Für Kokain, das nach Europa geschmuggelt wird, ist Brasilien zunehmend Umschlagplatz.

Die Entwicklung trifft Brasilien unvorbereitet. Das Land hat bislang keine Antwort auf die erhöhte Kriminalität, die Belastungen für das Gesundheitssystem und die Frage nach Hilfen für die Abhängigen gefunden. Die Regierung weiß noch nicht einmal, wie viele Süchtige es gibt. Offizielle Schätzungen gehen von 600.000 aus, aber Hilfsorganisationen vermuten, dass es mindestens doppelt so viele sind. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat ein Hilfsprogramm angekündigt, das bis zum kommenden Jahr 13.000 Krankenhausbetten, Präventionsmaßnahmen und Hilfseinrichtungen bereitstellen soll. Dafür sind mehr als zwei Milliarden Dollar veranschlagt. Ob der Zeitplan eingehalten werden kann, ist ungewiss.

So bleiben die Reaktionen bislang vorwiegend hilflos. Im Januar ließ São Paulos Bürgermeister Gilberto Kassab ein "Crackland" räumen, das nur wenige Gehminuten vom Rathaus entfernt war. Dutzende Personen wurden verhaftet, Tausende Crack-Brocken beschlagnahmt. Für Kritiker ist das symbolischer Aktionismus. Sobald die Polizei verschwinde, sagen sie, kämen die Süchtigen wieder.

ulz/Reuters



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