Zurückgetretene Bischöfin Jepsen Glaube, Triebe, Vergessen

"Ohne Ehrlichkeit hätte ich meinen Dienst nicht tun können", sagt die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen - und tritt nach dem Missbrauchsskandal der Evangelischen Kirche zurück. Es ist ein Schritt, der Hochachtung verdient, aber auch längst überfällig war.

DPA

Ein Kommentar von und Ralf Hoppe


Eine Konferenz vor elf Jahren, in der Hansestadt Lübeck, es geht um sexuelle Gewalt zwischen Männern und Frauen, und die Bischöfin Maria Jepsen ist die Schirmherrin und spricht das Grußwort. Sie ist eine Vertreterin des feministischen Flügels in der Evangelischen Kirche Deutschland - sexuelle Gewalt ist ein Thema, das ihr daher besonders nahegeht oder nahegehen sollte.

Nach ihrer Ansprache schreitet die Bischöfin Jepsen durch den Mittelgang Richtung Ausgang, und plötzlich steht eine junge, blonde Frau vor ihr, tritt ihr in den Weg. Die junge Frau hat nämlich eine Schwester, und diese Schwester wurde offenbar jahrelang missbraucht, als Minderjährige, von einem Pastor aus Ahrensburg bei Hamburg - im Sprengel der Bischöfin, ihrem Amtsbereich.

Die junge, blonde Frau steht also vor Jepsen, und sinngemäß sagt sie zu ihr: Frau Bischöfin, in Ahrensburg missbraucht Pastor K. Kinder und Jugendliche sexuell.

Was wäre die angemessene Reaktion einer feministischen Bischöfin auf diese Information? Frau Jepsen sagt nicht: WAS sagen Sie da? Das müssen Sie mir bitte alles ganz genau erzählen! Frau Jepsen fährt nicht gleich am nächsten Tag nach Ahrensburg und spricht mit allen, derer sie habhaft werden kann, über das Thema. Frau Jepsen setzt nicht alle Hebel in Bewegung, um herauszufinden, was es mit diesem Missbrauchsvorwurf auf sich hat.

Nein, sie sagt wohl bloß, sie werde sich darum kümmern, und dann ist sie auch schon verschwunden.

So jedenfalls stellt es jene blonde Frau dar, die sich an solche Einzelheiten immer noch erinnern kann. Für die Bischöfin aber war dieser Hinweis offensichtlich weniger bedeutsam: Bis heute kann Jepsen sich auf jene Situation nicht besinnen, wie sie sagt.

Kaum zu glauben

Spätestens an diesem Freitag aber muss Jepsen klargeworden sein, dass ihre Vergesslichkeit kaum zu glauben ist, und dass damit auch ihre Glaubwürdigkeit als Bischöfin angeschlagen war. Jepsen hat die Konsequenzen gezogen. Ihr Rücktritt ist respektabel, doch das ändert nichts daran, dass er überfällig war.

Denn selbst wenn sie 1999 nichts erfahren hätte von den erschreckenden Vorwürfen und Vorgängen in der Ahrensburger Gemeinde, so hat sie doch versagt im Krisenmanagement, seit März dieses Jahres. Zwar ist die Bischöfin nicht die direkte Dienst- und Disziplinarvorgesetzte eines Pfarrers; diese Aufgabe haben das Kirchenamt und die örtliche Pröpstin. Aber die Bischöfin ist die moralische Instanz ihrer Landeskirche. Sie ist verantwortlich für das Bild dieser Kirche.

Zweimal nicht nachgehakt

Schon 1999 hätte sie mehr wissen können, als sie möglicherweise wissen wollte. Denn Jepsen hat damals gleich zweimal nicht nachgehakt: nicht bei der jungen Frau, auf der Konferenz in Lübeck, und auch nicht bei der zuständigen Ahrensburger Pröpstin, Heide Emse, der direkten Vorgesetzten jenes Pastoren.

Emse hatte die Bischöfin laut eigener Aussage ebenfalls informiert. Ein Pastor müsse aus der Gemeinde herausgenommen werden, Begründung: sexuelle Übergriffe. Die Vorwürfe seien glaubwürdig, manche könne sie allerdings nicht verifizieren. Wie heute bekannt ist, war der Hintergrund dieser Vorwürfe sexueller Missbrauch minderjährigen Jungen.

Und was macht die Bischöfin?

Sie fragt nicht nach, warum genau der Pfarrer aus der Gemeine genommen werden muss? Und welche Vorwürfe sich da nicht verifizieren ließen?

Sie setzt nicht alle Hebel in Bewegung, um diese Vorwürfe rückhaltlos aufzuklären.

Einmal, so ist belegt, bringt Jepsen bei einer Runde von Bischöfen und hohen Kirchenbeamten, die Vorgänge zur Sprache. Und sie lässt sich damit abspeisen, dass "den Anwesenden darüber nichts Näheres bekannt ist". So steht es im Protokoll dieser Sitzung. Und dann geht man auch schon über zum nächsten Tagesordnungspunkt. Das Image der Evangelischen Kirche bleibt intakt, die Seele der Opfer nicht.

Eine zweite Chance

Im März dieses Jahres aber bekam die Bischöfin eine zweite Chance: Sie erhielt einen Brief, ausführlich, mit allen Vorwürfen, unmissverständlich. Und diesmal konnte es keinen Zweifel geben, wie wichtig dieses Thema in der Gesellschaft war - die Skandale in der Katholischen Kirche brachten diese gerade enorm in Bedrängnis.

Im Mai machte Jepsens Kirche das Thema öffentlich, zu einem Zeitpunkt, als klar war, dass die Opfer - denn nun gab es mehrere - nicht mehr schweigen würden. Spätestens jetzt hätte Bischöfin Jepsen ihre Rolle begreifen, das Thema besetzen müssen. Sie hätte mit den Opfern reden, öffentliche Diskussionen initiieren müssen, sie hätte ihre Kirche führen müssen. Nichts davon geschah.

"Ich bin vollkommen von der Rolle"

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Nur zur Einweihung einer Wildblumenwiese auf dem Friedhof von Ahrensburg ließ sich Jepsen blicken, und nur am Rande erwähnte sie den größten Missbrauchsskandal in der Evangelischen Kirche - mitten in ihrem Amtsbereich. Und als der SPIEGEL mit ihr über die Vorwürfe sprechen wollte, verweigerte sie zunächst ein Gespräch, dann setzte sie 45 Minuten dafür an - für das wichtigste Thema ihrer Amtszeit.

Nachdem der SPIEGEL an diesem Montag Hinweise veröffentlicht hatte, wonach Jepsen schon 1999 hätte genügend wissen können, beharrte sie darauf, nicht schriftlich und vollständig von ihrer Pröpstin ins Bild gesetzt worden zu sein. Doch am Donnerstag folgte eine eidesstattliche Versicherung jener jungen Frau. Vielleicht wurde ihr in dem Moment klar, dass der Rücktritt unausweichlich war.

"Ich habe mein Bischofsamt angetreten mit dem mir aus Kindertagen vertrauten Psalmwort 'Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen''', sagte Jepsen auf einer Pressekonferenz an diesem Freitag.

Offenbar missbraucht wurden in Ahrensburg übrigens unter anderem drei Brüder.

insgesamt 347 Beiträge
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Seite 1
kyon 16.07.2010
1. Zurück zu den Wurzeln
Zitat von sysopTagelang wehrte sich Maria Jepsen gegen Vorwürfe, einen Missbrauchsfall in der evangelischen Kirche heruntergespielt zu haben - jetzt ist die Hamburger Bischöfin von ihrem Amt zurückgetreten. Ein richtiger Schritt?
Es ist immer gut, wenn eine kirchliche Führungsfigur zurücktritt, da eine jegliche Überhöhung durch ein Amt oder einen Titel anti-jesuanisch ist und die geschwisterliche Gemeinschaft mit Gleichrangigkeit der wahre ethische Wert ist.
Pink 16.07.2010
2. ansehnlich
Zitat von sysopTagelang wehrte sich Maria Jepsen gegen Vorwürfe, einen Missbrauchsfall in der evangelischen Kirche heruntergespielt zu haben - jetzt ist die Hamburger Bischöfin von ihrem Amt zurückgetreten. Ein richtiger Schritt?
Nicht, dass ich ein besonderer Freund von Bischöfin Jepsen bin, aber ich finde es traurig, dass ein ansonsten ansehnliches Lebenswerk durch solch eine Geschichte in den Schmutz gezogen wird. Zu beobachten ist, dass protestantische Geistliche, inbesondere Frauen, offenbar sehr schnell zum Rücktritt bereit sind, wenn ihre Integrität angezweifelt wird. Ein etwas dickeres Fell wünschte ich ihnen.
Pink 16.07.2010
3. unverzichtbar
Zitat von kyonEs ist immer gut, wenn eine kirchliche Führungsfigur zurücktritt, da eine jegliche Überhöhung durch ein Amt oder einen Titel anti-jesuanisch ist und die geschwisterliche Gemeinschaft mit Gleichrangigkeit der wahre ethische Wert ist.
Der Gedanke der "Überhöhung2 durch ein Amt ist protestantischen Denken fremd. Kirchenämter sind biblisch und unverzichtbar.
Schinkenfisch 16.07.2010
4.
Zitat von sysopTagelang wehrte sich Maria Jepsen gegen Vorwürfe, einen Missbrauchsfall in der evangelischen Kirche heruntergespielt zu haben - jetzt ist die Hamburger Bischöfin von ihrem Amt zurückgetreten. Ein richtiger Schritt?
Gegenfrage: Ist Jesus in Urlaub gefahren, als die Römer ihm vorgeworfen hat, dass er lügt? Ich bin überzeugter Anti-Christ (hehe)... nicht weil ich was gegen die Lehre der Bibel hätte, sondern weil die Leute sie ununterbrochen für ihren persönlichen Vorteil auslegen. Wenn ich mir Priester bei einer Taufe anhöre wie sie erzählen, dass alle, die nicht getauft sind, in die Hölle kommen, frage ich mich wirklich ob die Leute das Buch überhaupt verstanden haben. Das ist doch wirklich das selbe Kaliber, das ein paar tausend Kilometer weiter östlich die AK-47 in die Hand nimmt um auszieht um seinen "Glauben" zu verteidigen. Da bleib ich lieber bei meiner eigenen Interpretaton von Ethik, Moral und Miteinander leben.
dialektik5 16.07.2010
5. Spiegels Sommerlochhatz gegen Jepsen
In der evangelischen Kirche gibt es erfreulicher Weise andere Strukturen als in der katholischen. Sie sind nämlich mitbestimmungsorientiert und transparent. Dass Frau Jepsen zurücktritt, weil innerhalb der Institution, aber nicht von ihr zu verantworten, Fehler passiert sind, ist nach der Pressehatz, vor allem seitens des SPIEGEL nachvollziehbar. Widmen Sie sich doch mit vergleichbarer sommererhitzter Recherchewut lieber Frau Kristina Schröder mit dem gekauften Doktortitel und deren Poltik oder den abgekarteten Spielen von Banklobbyisten in der EU oder der Pharmaindustrie und ihrer Einflussnahme auf die Gesundheits- "refrom".
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