Zwangsheirat Achtjährige trennt sich von Ehemann und bangt um ihr Leben

Wochenlang wurde die achtjährige Nojoud Nasser gequält und vergewaltigt - von ihrem Ehemann. Jetzt gelang es dem zwangsverheirateten Kind aus dem Jemen, die Ehe vor Gericht annullieren zu lassen. Doch das Mädchen muss um sein Leben fürchten.

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Hamburg - Gewitzt und über alle Maßen entschlossen sieht sie aus, die kleine Nojoud Nasser aus dem Jemen. Das Kopftuch tief in die Stirn gezogen, die schmalen Arme über dem Bauch verschränkt - so ist sie abgebildet in der "Yemen Times": ein scheinbar ganz normales achtjähriges Mädchen, dem man die Tortur der vergangenen Monate nicht ansieht.

Aber es liegen Wochen der Qual hinter dem Kind, Wochen, in denen sie vergewaltigt, verprügelt und aufs Schwerste gedemütigt wurde. Wochen auch, in denen niemand ihren Klagen Gehör schenkte oder gar versuchte, ihr zu Hilfe zu kommen. Ein kleines Kind, der Willkür eines großen Mannes und ihrer eigenen Familie ausgeliefert.

"Immer, wenn ich im Garten spielen wollte, hat er mich geschlagen und gesagt, ich soll mit ihm ins Schlafzimmer kommen", berichtete Nojoud der "Yemen Times". Sie sei von einem Zimmer ins andere gerannt, um ihrem Peiniger zu entkommen. "Am Ende hat er mich immer gekriegt." Viele "schlechte Dinge" habe der 30-Jährige mit ihr gemacht, sagte das Mädchen. Auf Hilfe von außen konnte sie nicht hoffen.

Ihr eigener Vater verprügelte sie heftig und drohte, wenn sie sich weigere, den von ihm erwählten Faez Ali Thamer zu heiraten, würde sie vergewaltigt - und dann könnten ihr "weder das Gesetz noch ein Scheich in diesem Land helfen". Dem Kind blieb keine Wahl - die Hochzeit wurde gehalten, die Ehe vollzogen.

"Ich habe gebettelt und meine Eltern und eine Tante angefleht, mir bei einer Scheidung zu helfen. Sie sagten: 'Wir können nichts tun. Wenn du vor Gericht gehen willst, musst du selbst gehen.''' Genau das tat die Achtjährige: Anfang April floh sie aus dem Haus ihres 30-jährigen Ehemanns und wandte sich an das zuständige Gericht in der Hauptstadt Sanaa. Erst jetzt hat das Gericht die Ehe annulliert und die Familie der Kleinen zu einer Geldstrafe von 250 US-Dollar verurteilt.

Schweigen gilt als Zustimmung

Dass ein Mädchen öffentlich gegen die herrschenden Traditionen und die Scharia rebelliert, ist ein unerhörter Vorfall, den es in dieser Form im Jemen noch nicht gegeben hat. Als noch unerhörter kann die Reaktion des Richters gelten. Muhammed al-Qathi hatte offenbar Mitleid mit dem Kind und ließ sowohl den Vater als auch den Ehemann vorübergehend festnehmen - obwohl keine offizielle Strafanzeige vorlag, denn die darf Nojoud als Minderjährige gar nicht stellen. Das Mädchen brachte der Richter zunächst bei sich selbst und dann bei einem Onkel unter.

Das unüblich engagierte Verhalten des Richters entsprang vermutlich vor allem persönlichen Motiven: "Ich glaube nicht, dass man das als Trend zur verstärkten Durchsetzung von Kinderrechten im Jemen deuten kann", sagte eine Mitarbeiterin der Kinderhilfsorganisation "Save the Children" in Sanaa SPIEGEL ONLINE.

Tatsächlich regelt Artikel 15 des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jemen, dass Mädchen und Jungen erst ab dem 15. Lebensjahr heiraten dürfen. Dennoch klafft zwischen gesetzlicher Vorgabe und Realität eine riesige Lücke. Eine Studie des "Women and Development Study Center" an der Universität von Sanaa ergab, dass über die Hälfte der minderjährigen Mädchen zwangsverheiratet wird.

"Laut Scharia kann die Braut eine arrangierte Ehe zwar ablehnen - in der Praxis kommt so etwas aber so gut wie nie vor", sagte Myria Böhmecke von "Terre de Femmes" SPIEGEL ONLINE. In der Regel werde das Schweigen des Mädchens bereits als Zustimmung gedeutet - den Vertrag schließt der Vater der Braut mit dem zukünftigen Ehemann.

1495 Paare hatten die Wissenschaftler für ihre Studie im Jahr 2006 befragt - die Ergebnisse waren für westliche Begriffe haarsträubend. Zwar stieg das durchschnittliche Ehe-Eintrittsalter bei Mädchen über die letzten drei Generationen von rund zehn Jahren auf 14,7 Jahre. In Regionen wie Hodeidah und Hadramout werden Kinder aber immer noch im Alter von durchschnittlich acht Jahren verheiratet.

Jetzt hat das Women's National Committee (WNC) im Parlament beantragt, das Mindestalter für ein Eheschließung auf 18 Jahre zu erhöhen. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Es gebe keine rechtliche Grundlage für eine solche Gesetzesänderung, hieß es: "Es ist nicht nur unislamisch, es ist auch unmenschlich, Mädchen einer solchen Erfahrung auszusetzen", empörte sich die Vorsitzende des WNC, Rashida al-Hamadani.

"Wie konnte sie es wagen? "

Nojouds Vater Mohammed Nasser wurde kurz nach seiner Festnahme wegen gesundheitlicher Probleme nach Hause entlassen. Er soll vor der von ihm verordneten Zwangsheirat der Tochter einen Job als Müllwagenfahrer in Hajjah verloren und sich seitdem als Bettler durchgeschlagen haben - einer von geschätzten zehn Millionen Jemeniten, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Laut einem Verwandten soll er zudem unter psychischen Problemen leiden.

Ehemann Faez Ali Thamer hingegen sitzt noch ein und empört sich über die Verwegenheit seiner "Ehefrau": "Wie konnte sie es wagen, sich über mich zu beschweren?", fragt er laut "Yemen Times". "Es ist mein Recht, sie zu behalten." Er müsse ja nicht mir dem Mädchen schlafen, aber als Frau könne er sie doch behalten: "Niemand kann mich davon abhalten."

"Es gibt Hunderte von Nojouds, die von älteren Männern sexuell missbraucht wurden", weiß Shatha Ali Nasser, Anwältin am Obersten Gericht in Sanaa. "Das Problem ist, dass es kein Gesetz gibt, das den Vater bestraft, der das Kind zwangsverheiratet, den Scheich, der die Hochzeit erlaubt, oder den Ehemann, der das Kind mit nach Hause nimmt, damit es ihm als Frau dient", sagte sie der "Yemen Times".

Um das Mädchen vor Übergriffen aus der Familie zu schützen, soll Nojoud jetzt in eine Einrichtung der Kinderhilfsorganisation Dar-al-Rahama gebracht werden: "Dort hat sie Chancen auf ein besseres Leben und Bildung", so die Anwältin. Man werde für die Kosten aufkommen.

400 "Ehrenmorde" im Jahr

Weil Zwangsverheiratung fast immer bedeutet, dass die Mädchen ihre Ausbildung abbrechen und nicht mehr zur Schule gehen, sind auch die sekundären Folgen dieser Praxis verheerend. Schon jetzt hat der Jemen mit rund 70 Prozent eine der höchsten Analphabetinnen-Rate der Welt zu beklagen.

Als besonders zerstörerisch wirkt sich aus, dass die Kinder keinerlei Unterstützung erfahren - weder von der Gesellschaft noch von der eigenen Familie. "Selbst wohlwollende Angehörige haben Angst, einzugreifen", erklärt Böhmecke von "Terre de femme". "Wenn eine verabredete Heirat nicht stattfindet, bedeutet dies eine schwere Verletzung für die Familienehre. Diese kann nur mit Gewalt gesühnt werden - das heißt per 'Ehrenmord'."

Mehr als 400 solcher bestialischen Gewalttaten zählte das Womens Studies Department an der Universität Sanaa im Jahr 1997, der einzigen seriösen Erhebung, die es gibt. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, weil die meisten "Ehrenmorde" als Unfall getarnt und von sämtlichen beteiligten Familienangehörigen verschwiegen werden. Zudem gibt es keine verlässlichen Daten über Eheschließungen. "Niemand weiß, wo, wann, und von welchem Imam die Mädchen getraut wurden", so Frauenrechtlerin Böhmecke.

"Unendlich schwierig, sie vor Verwandten zu schützen"

Wo Stammesgerichtsbarkeit oder die Scharia regieren, rückt eine unabhängige Justiz in weite Ferne. Im Jemen wird noch immer die Todesstrafe gegen Minderjährige vollstreckt - auch wenn dies laut Artikel 31 des Strafgesetzbuchs untersagt ist. Amnesty International schätzt die Gesamtzahl der vollstreckten Hinrichtungen im vergangenen Jahr auf mindestens 30.

Obwohl die Öffentlichkeit im Fall der achtjährigen Nojoud hilfreich sein kann, besteht wenig Hoffnung, dass das Kind ein neues Leben beginnen kann. "Nojoud hat durch ihr Verhalten die Familienehre befleckt. Es wir unendlich schwierig sein, sie in Zukunft vor den Verwandten zu schützen", weiß Böhmecke. Es erfordere viel Geld und Engagement, sie ein Leben lang anonym zu halten und zu verstecken, denn: "Alle Verwandten sind aufgefordert, sich zu rächen."

Nojoud fürchtet nicht nur um sich selbst - sie hat eine sechs Jahre alte Schwester, der dasselbe Schicksal bevorstehen könnte. Dabei hat das mutige Mädchen nur ein Anliegen: "Ich will einfach ein ehrenwertes Leben führen."



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