Unglück vor Südkorea Taucher bergen mehr als hundert Tote aus gesunkener Fähre

In der gesunkenen Fähre "Sewol" durchsuchen Taucher eine Kabine nach der anderen. Die Zahl der geborgenen Todesopfer liegt inzwischen bei 104 - und noch immer gibt es kaum neue Erkenntnisse zur möglichen Unglücksursache.

AFP

Jindo - Nach dem Untergang der südkoreanischen Fähre "Sewol" ist die Zahl der geborgenen Todesopfer auf mehr als hundert gestiegen. Bis zum Dienstagvormittag (Ortszeit) wurden 104 Tote aus dem Schiff oder aus dem Wasser in der Umgebung geborgen, berichteten südkoreanische Fernsehsender. Noch immer gelten fast 200 der ursprünglich 476 Passagiere und Besatzungsmitglieder als vermisst. Überlebende wurden bisher nicht gefunden.

Die Taucher durchsuchten den Berichten zufolge unter anderem die Kabinen des mehrstöckigen Schiffs. Es wird vermutet, dass dort die meisten Insassen bei dem Unglück vor sechs Tagen eingeschlossen wurden. Um die gesunkene Fähre lagen Trawler mit Fangnetzen, um zu verhindern, dass Leichen aus dem Wrack von der Strömung mitgerissen werden. Insgesamt seien fast 240 Boote und Schiffe an der Bergungsaktion beteiligt, meldete der Rundfunksender KBS.

Die Auto- und Personenfähre war am vergangenen Mittwoch vor der Südwestküste Südkoreas gekentert und gesunken. Die Unglücksursache ist noch immer unbekannt. Nach Angaben der Ermittler hatte die Fähre vor dem Unfall den Kurs geändert. Ursprüngliche Angaben, wonach das Schiff bei voller Fahrt scharf gewendet habe, scheinen allerdings falsch zu sein. Vertreter südkoreanischer Behörden sagten der Nachrichtenagentur AP, die "Sewol" sei nach Auswertung der Transponderdaten eine allmähliche und J-förmige Kurve gefahren, bevor sie gekentert sei.

Besatzungsmitglieder in Untersuchungshaft

Untersucht wird nun auch, ob die Ladung der Fähre verrutscht sein könnte, so dass das Schiff in Schieflage geriet. Nach der Übernahme der 20 Jahre alten Fähre hatte der südkoreanische Betreiber bei Umbauten die Aufnahmekapazitäten des Schiffs erweitert.

Der Kapitän, die Dritte Offizierin und der Steuermann sitzen bereits seit Samstag in Untersuchungshaft, ihnen wird unter anderem fahrlässiges Handeln vorgeworfen. Am Montag wurden der leitende Ingenieur und drei weitere Offiziere verhaftet. Die Ermittler untersuchen unter anderem, warum es vor dem Kentern und Sinken der Fähre keinen Aufruf zur Evakuierung gab.

Aufzeichnungen des Funkverkehrs zwischen einem Crew-Mitglied und dem Vessel Traffic Services Center, einer Schiffsüberwachung, hatten am Sonntag ein Bild des Chaos und der Panik offenbart. "Wir kentern. Wir sind kurz davor unterzugehen", funkte die "Sewol": "Es neigt sich so sehr, wir können uns kaum bewegen." Es sei unmöglich, den Passagieren Anweisungen über die Lautsprecheranlage zu geben.

Wichtige Information verschwiegen

Das Vessel Traffic Services Center ging jedoch nicht richtig auf die Befürchtungen ein und insistierte auf einer Evakuierung: "Lasst sie nicht ungeschützt gehen - gebt ihnen zumindest Rettungsringe und lasst sie von Bord", empfahl die Schiffsüberwachung. Sie verschwieg jedoch womöglich lebensrettende Informationen: Ein anderes Schiff befand sich bereits in unmittelbarer Nähe und hatte dem Hafen nur zehn Minuten zuvor mitgeteilt, dass es alle Evakuierten aufnehmen könne. Davon erfuhr die Crew der "Sewol" allerdings nichts.

Etwa 250 der mehr als 300 Todesopfer und Vermissten waren Schüler aus der Nähe von Seoul. Sie befanden sich auf einem Ausflug zur Urlaubsinsel Jeju. Auch der erste Notruf von Bord der "Sewol" geht offenbar auf einen Schüler zurück. So berichtet die Nachrichtenagentur Yonhap, ein verängstigter Jugendlicher habe sich drei Minuten nach dem letzten Wendemanöver per Telefon bei der Feuerwehr auf Jindo gemeldet. "Rettet uns! Wir sind auf einem Schiff und es geht unter", zitiert Yonhap den Schüler. Bei ihm soll es sich um einen der Vermissten handeln.

rls/dpa/AP

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egal 22.04.2014
1. Furchtbar
Es ist furchtbar und ich empfinde Mitleid mit den Familien. Die Hetzjagd auf die Offiziere und den Kapitän kann ich aber nur wegen des frühen Verlassens des Schiffes verstehen. Die Passagiere ins kalte Wasser bei bis zu 5 Knoten Strömung springen zu lassen, hätte ich mir auch nicht als sinnvoll vorgestellt.
fatherted98 22.04.2014
2. Die Lehre....
...die man selbst aus diesem schrecklichen Unglück ziehen kann, ist wohl in solchen Situationen nicht mehr den Offiziellen zu vertrauen, eigenverantwortlich zu entscheiden und sich nicht durch Anweisungen von etwaig unfähigem Personal aufhalten zu lassen...natürlich birgt das die Gefahr von Chaos in sich...ich hätte wohl auch in der Kabine ausgeharrt wenn die Anweisung durch das Personal so gewesen wäre. Vielleicht sollte man die Seenotrettungsübung, den Griff zur Schwimmweste und den möglichen Fluchtweg dann doch besser im Kopf haben und ernst nehmen. Da viele Opfer jedoch Kinder sind die auf die Erwachsenen gehört haben, ist das wohl auch keine Lösung. Dieses und das Unglück in Italien zeigen auf, das das Führungspersonal solcher Passagierschiffe wohl eher an der eigenen Sicherheit als am Wohl der Passagiere interessiert ist...eine erschreckende...aber durchaus menschliche Erkenntnis.
tolate 22.04.2014
3.
Was bisher deutlich wird, ist eine angesichts des ständigen Risikos eines Unglücks auf hoher See unglaublich dürftige Rettungsorganisation. Sie schlagkräftiger zu machen, kostet Geld, und das ist der wunde Punkt.Wer soll eine bessere Seenotrettung finanzieren? Wahrscheinlich wird man sich weiter von Havarie zu Havarie durchwursteln, Verantwortliche finden und anklagen, und so den Eindruck erwecken, Konsequenzen gezogen zu haben.
les2005 22.04.2014
4. Kann ich nicht nachvollziehen
Zitat von tolateWas bisher deutlich wird, ist eine angesichts des ständigen Risikos eines Unglücks auf hoher See unglaublich dürftige Rettungsorganisation. Sie schlagkräftiger zu machen, kostet Geld, und das ist der wunde Punkt.Wer soll eine bessere Seenotrettung finanzieren? Wahrscheinlich wird man sich weiter von Havarie zu Havarie durchwursteln, Verantwortliche finden und anklagen, und so den Eindruck erwecken, Konsequenzen gezogen zu haben.
Was bisher deutlich wird, ist daß sowohl Crew als auch Rettungsstelle vesagt haben. Die Crew, weil sie die Passagiere nicht mindestens an Bord beordert haben. Die Rettungsstelle, weil nicht mitteilte daß Hilfe unmittelbar in der Nähe war. Beides kann man kaum auf Geldmangel schieben. Hier haben Individuen schlicht versagt, und ich wüßte nicht was mehr Geld daran geändert hätte. Abgesehen davon, daß es kaum möglich sein dürfte, von hier aus die Angemessenheit der finanziellen Ausstattung der koreanieschen Seenotrettung zu beurteilen.
sok1950 22.04.2014
5. wie sah es mit der Qualifikation der 3. Offizierin aus?
Sind die Aufnahme- und Abschlußprüfungen der nautischen Ausbildungsstelle evtl. dem Genderwahn angepaßt worden? Hier wäre investigativer Journalismus gefragt. Dies und noch viel mehr erwartet uns, wenn Quoten und Quotilden noch weiter zunehmen.
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