Gesunkenes Kreuzfahrtschiff "Es gab ein Handgemenge um die Schwimmwesten"

Die Berichte klingen wie aus einem schrecklichen Film: Einen Tag nach dem Untergang des Kreuzfahrtschiffs "Sea Diamonds" erzählen Passagiere über ihre letzten Stunden auf dem sinkenden Schiff. Zwei Menschen starben bei dem Unglück offenbar – sie ertranken womöglich in ihrer Kabine.


Santorin – Der australische Techniker Ben Kucenko saß zum Zeitpunkt des Unglücks mit Freunden in der Bar. Er habe ein Knirschen vernommen, aber dem zunächst keine Aufmerksamkeit geschenkt, sagte er nach seiner Rettung. Schließlich wusste niemand, dass die "Sea Diamonds" bei der Einfahrt in die Bucht von Santorin gerade auf einen Felsen aufgelaufen war.

Im ersten Moment habe niemand realisiert, was geschehen war, berichtet auch Tiffany Gittens, eine Touristin aus New York. "Wir saßen im Speiseraum, als das Schiff in Schieflage geriet." Gläser flogen durch die Luft. Aber die meisten Menschen hätten Ruhe bewahrt, sagt Gittens.

Doch als klar war, dass das Schiff sinken würde, machte sich den Berichten zufolge Panik breit. ."Es gab ein Handgemenge um die Schwimmwesten", erzählte Kucenko. "Wir hatten Angst, dass das Schiff kentert, wir konnten kaum laufen."

Die Kabine lief voll Wasser

Marine, Handelsschiffen und Fischern gelang in einem gemeinsamen Kraftakt die Evakuierung der "Sea Diamond". Drei Stunden dauerte das Manöver. Die Menschen kletterten über Strickleitern in Rettungsboote oder überquerten schmale Landungsbrücken zu anderen Schiffen. "Die Crew hat gute Arbeit geleistet, sie waren gut vorbereitet", lobte Passagierin Gittens.

Eine 15-Jährige berichtete allerdings, einige Besatzungsmitglieder hätten das Schiff schon vor den Gästen verlassen. Um kurz vor sieben Uhr morgens Ortszeit sank die "Sea Diamond" dann endgültig, 15 Stunden nachdem sie auf Grund gelaufen war.

Zunächst hieß es, alle Passagiere und Besatzungsmitglieder seien gerettet worden, es habe keine Verletzten gegeben. Später bestätigten die Behörden jedoch, dass von einem 45-jährigen Franzosen und seiner 16-jährigen Tochter jede Spur fehle. Taucher durchsuchten das Wrack nach den Vermissten - erfolglos. Die Suche wurde inzwischen abgebrochen.

Möglicherweise sind die beiden Franzosen ertrunken. Tourismusministerin Fanny Palli Petralia sagte, sie habe mit der Frau des Vermissten gesprochen. Diese habe erzählt, ihre Kabine sei mit Wasser voll gelaufen, sie habe sich nur mit Mühe retten können. "Sie war sich nicht sicher, ob ihr Mann und die Tochter es nach draußen geschafft haben, weil alles so schnell ging", sagte Petralia. Das zweite Kind der Familie sei an Deck gewesen und in Sicherheit gebracht worden.

"Wer verantwortlich ist, wird zur Rechenschaft gezogen"

Deutsche waren nach Angaben des Auswärtigen Amtes nicht an Bord. Bei den rund 1550 Passagieren handelte es sich überwiegend um Amerikaner, darunter Schülergruppen. Auch etwa 100 Franzosen sowie Gruppen aus Kanada und Spanien waren auf der Fahrt dabei.

"Wer immer dafür verantwortlich ist, wird streng zur Rechenschaft gezogen werden", sagte Petralia nach dem Unglück. "Griechenland ist ein wichtiges Touristenziel, und ein Vorfall wie dieser darf sich nicht wiederholen."

Die 143 Meter "Sea Diamond" gehörte der zyprischen Reederei Louis Cruise Lines. Das Schiff, das überwiegend im östlichen Mittelmeer unterwegs war, wurde 1986 gebaut und 1999 komplett überholt. Das Unternehmen betonte, das Schiff sei gut gewartet worden und mit modernsten Navigationssystemen ausgestattet gewesen.

Ermittler der Küstenwache begannen noch am Freitag mit der Befragung des Kapitäns und dreier Offiziere. Die Behörden in Santorin meldeten einen kleinen Ölteppich.

Ase/AP



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