Katrin Elger

Getrennte Flüchtlingsfamilien Die deutsche Asylpolitik ist kinderfeindlich

Katrin Elger
Ein Kommentar von Katrin Elger
Ein Kommentar von Katrin Elger
Die Bundesregierung hat Mädchen und Jungen aus dem Elendslager Moria nach Deutschland geholt. Auf ein Leben mit ihren Eltern haben sie hierzulande oftmals kein Recht – und das ist skandalös.
Afghanin Rahela mit Ehemann und Kindern auf Lesbos: Sie erfüllten die Kriterien für das humanitäre Aufnahmeprogramm nicht

Afghanin Rahela mit Ehemann und Kindern auf Lesbos: Sie erfüllten die Kriterien für das humanitäre Aufnahmeprogramm nicht

Foto: Nikos Pilos / Der Spiegel

Der 13-jährige Nasir aus Afghanistan gehört zu den Kindern, die Deutschland im vergangenen Jahr aus dem Flüchtlingslager Moria holte. Ein großes Glück für ihn, könnte man meinen. Allerdings ist seine Geschichte in Wahrheit ein Beispiel dafür, wie frauen-, kinder- und familienfeindlich deutsche Asylpolitik sein kann.

Für Nasir hat das neue Leben in Deutschland nämlich einen Haken: Der Teenager muss hier ohne seine Familie klarkommen. Er darf seine Mutter nicht nachholen, die gemeinsam mit seinem elfjährigen Bruder in Iran zurückblieb. Genauso wenig wie seine Schwester und deren Familie, mit der er einst auf Lesbos strandete. Die junge Frau und sein Schwager erfüllten die Bedingungen für das humanitäre Aufnahmeprogramm nicht, über das Nasir im April 2020 nach Deutschland kam. Dafür musste man minderjährig sein und ohne Eltern.

In der Hoffnung, seine Familie von Deutschland aus nachholen zu können, stieg Nasir ins Flugzeug. Sein Asylantrag wurde kürzlich in Hannover entschieden: Er darf durch ein sogenanntes Abschiebeverbot  zwar bleiben, ein Recht auf eine Familienzusammenführung hat er damit nicht. Der deutsche Staat bezahlt ihm aber eine Zahnspange. So viel Fürsorge muss sein.

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Der SPIEGEL fragte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), wie seine Zwischenbilanz bezüglich der Aufnahme der Flüchtlingskinder aus Moria aussehe. Seine Antwort: »Wir haben Ordnung in die Migrationspolitik gebracht. Das ist wichtig, denn ohne Ordnung schwindet die Akzeptanz in der Bevölkerung. Wir nehmen die auf, die schutzbedürftig sind, und wer kein Aufenthaltsrecht hat, muss gehen.«

Kieferorthopädie statt Familiennachzug?

Auf den Fall Nasir bezogen, ist das zynisch. Welche »Ordnung in der Migrationspolitik« soll das sein? Kieferorthopädie statt Familiennachzug? Was ein dreizehnjähriger Junge, dessen Vater an Krebs starb, dessen Haus von den Taliban abgefackelt worden sein soll und der eine Zeit lang Kaugummis auf der Straße verkaufen musste, mit Sicherheit dringender braucht als eine Zahnspange, ist: seine Mutter. Oder wenigstens seine große Schwester.

Niemand kann erwarten, dass Deutschland jede und jeden aufnimmt. Aber auch die Gesetze zur Steuerung von Migration müssen gut durchdacht sein. Regelungen, die für den Einzelfall die humanste Lösung bedeuten würden, können im Großen und Ganzen mehr Schaden anrichten als Gutes tun. Seehofer will nicht das Signal in die Welt senden: Schickt eure Jugendlichen auf die gefährliche Reise, je jünger, desto besser, damit sie von Europa aus den Rest der Familie nachholen. Das ist so weit nachvollziehbar. Aber ob die Lösung sein kann, dass Nasir allein bleiben muss? Die Antwort lautet: nein.

Ohnehin gibt es eine Sache, die unverrückbar ist: Die europäischen Staaten müssen die Würde des Menschen  schützen. Wer es nicht schafft, die katastrophalen Zustände in den Flüchtlingslagern zu beenden, muss zumindest die Kinder herausholen. Und wer Kinder holt, muss ihnen auch ermöglichen, bei ihrer Familie zu sein. Alles andere ist kinderfeindlich. Die Sozialprognose für die Jugendlichen dürfte in der Regel deutlich besser sein, wenn sie ihre Eltern oder zumindest irgendjemand aus der Familie um sich haben. Manche der Betroffenen haben in der alten Heimat und auf der Flucht traumatische Erfahrungen gemacht.

Das ganze System ist krank

Nachdem Nasir Moria verlassen hatte, setzten die europäischen Staaten weitere Kontingente auf, um Minderjährige, aber auch Familien von den griechischen Inseln zu evakuieren – vor allem, nachdem ein Brand das Camp zerstört hatte. Rahela und ihre Familie konnten bisher allerdings für kein Aufnahmeprogramm einen Platz ergattern.

Das ganze System ist krank. Jedes Paar mit Kindern, das sich auf den Weg macht, hat es vom ersten Moment an schwerer als ein alleinstehender Mann. Die Mittelmeerüberquerung mit Kleinkindern oder gar Babys ist schwerer zu meistern – genauso wie der Versuch, sich an den offiziellen griechischen Aufnahmestellen vorbei illegal nach Deutschland durchzuschlagen, um dort direkt einen Asylantrag zu stellen.

Grundsätzlich gilt: Stark sein, reich sein, mit allen Wassern gewaschen sein, das ist von Vorteil, wenn es darum geht, zu uns zu kommen. Wer schwach ist, hat das Nachsehen. Frauen, Kinder, Alte, Kranke. Nasirs diabeteskranke Mutter zum Beispiel. Oder sein elfjähriger Bruder, der in Iran gerade auf dem Bau arbeitet, damit sie sich über Wasser halten können. Nasir erzählt, die beiden hätten häufig nicht mehr zu essen als ein Stück Brot.

Auch die Geschichten, die der Junge von seiner Schwester Rahela aus Lesbos hört, belasten ihn schwer. Im Zelt der Familie im neuen Flüchtlingslager auf Lesbos gibt es keine Heizung, sie behelfen sich mit Wärmflaschen. Rahelas kleine Tochter hat sich kürzlich mit kochendem Wasser verbrüht. Ihr Sohn ist gestürzt und hat sich den Schädel angebrochen. Die Aussicht darauf, einen Platz in einem humanitären Aufnahmeprogramm zu bekommen, hat die Familie aber noch immer nicht. In Griechenland leben mittlerweile so viele Geflüchtete in Not, dass es schwierig ist, mit dem eigenen Leid aufzufallen.