Attacke in der Londoner U-Bahn "Wir werden jeden töten, der sich blöd benimmt"

Der Atem des Randalierers roch nach Hackfleisch und Bier, fast alle im Waggon blickten angestrengt weg: Wie verhält man sich in einer U-Bahn, die von Betrunkenen terrorisiert wird? Ein unfreiwilliger Selbstversuch in London.
Cocktail-Party in der Londoner U-Bahn: Furchtbar ist, wenn die Mehrheit schweigt

Cocktail-Party in der Londoner U-Bahn: Furchtbar ist, wenn die Mehrheit schweigt

Foto: Daniel Berehulak/ Getty Images

Seit drei Monaten wohne ich in London. Ich habe das sonnige, schräge und traurige Gesicht der Stadt gesehen. Jetzt kenne ich auch das hässliche. Es ist rund und aufgedunsen.

Ich saß in der Piccadilly-Line von Heathrow in Richtung Innenstadt, als drei Gestalten in den Wagen stolperten. Sie trugen kurzärmlige Hemden, hatten Bierdosen in den Fäusten und drängten sich zwischen die übrigen Passagiere. Der Lauteste von ihnen brüllte quer durch den Wagen: "Ladies und Gentlemen, wir haben den ganzen Tag Drogen genommen und werden jeden töten, der sich blöd benimmt." Er hatte ein rundes, aufgeschwemmtes Gesicht und Haarstoppel auf dem Kopf.

Vermutlich dachten alle an einen übermütigen Witz. Die meisten in der U-Bahn kamen wie ich aus den Weihnachtsferien und hingen satt in ihren Sitzen. Im Gang stapelten sich Koffer, Taschen und Tüten. Nur ein junger Kerl, der im "Economist" las, murmelte eine genervte Bemerkung. Der Stoppelhaarige, Ende 20, stieß ihn darauf von der Seite an.

Allen war klar, dass die drei sich mit ihm prügeln wollten.

In dieser Situation hat man vier Optionen. Erstens, man eilt dem möglichen Opfer zu Hilfe, in diesem Fall dem jungen Kerl, oder, zweitens, man ruft die Polizei (was in der U-Bahn schwierig ist). Drittens, man flieht. Oder viertens, man tut gar nichts und betet, dass sich alles wieder beruhigt. Die meisten Menschen fallen vermutlich in die vierte Kategorie. Der "Economist"-Leser floh.

Nach ihm stiegen zwei Asiatinnen in den Wagen. Eine von ihnen trug einen Mundschutz.

Als der Stoppelhaarige sie sah, fing er an, wild zu gackern und zu schreien. Er brüllte die Frau an. "Hast du vielleicht Hühnergrippe oder Aids?" Er fasste ihr an den Arm, zog ihr die Pelzmütze vom Kopf und rieb sie sich an die Wange. Dann rieb er sich die Mütze unten an die Hose. Die beiden Frauen hatten Angst. Sie sahen, dass die Kerle unberechenbar waren. Sie kicherten nervös. Das ging einige Minuten lang. Dann beugte sich der zweite aus der Gruppe zu einer der Frauen und versuchte, sie zu küssen.

Eine Frau tat so, als würde sie schlafen

Man könnte jetzt die Kriminalstatistik zitieren. Man könnte schreiben, dass es im vergangenen Jahr 1792 Gewaltdelikte in der Londoner U-Bahn gab, die der Polizei gemeldet wurden. Fünf Delikte jeden Tag. Die Wahrheit ist aber auch, dass die U-Bahn so sicher ist wie nie. Wie fast überall im Land geht auch hier die Kriminalitätsrate zurück.

Furchtbar ist nur, wenn die Mehrheit schweigt. Niemand im Wagen rührte sich. Je schreckhafter die Frauen reagierten, desto aufdringlicher wurden die Angreifer. Ich schaute mich ziemlich ratlos um. Einige Passagiere erkannte ich vom Flughafen.

Gegenüber saß ein Italiener, Anfang 30, und las Zeitung. Links neben ihm saß eine Engländerin und neben ihr ein italienisches Paar, das die gesamte Fahrt über gelacht hatte. Jetzt waren sie verstummt. Am Ende des Wagens tat eine blonde Frau, als würde sie schlafen. Neben mir saßen eine Frau und ein britisches Paar. Im Gang standen einige Männer und schauten angestrengt woanders hin.

Ich hatte wahnsinnig Angst, als ich die Typen nach viel zu langem Schweigen bat, sie sollten die beiden Frauen in Ruhe lassen. "Ihr seid viel stärker", sagte ich. "Sie haben Angst vor euch. Habt ihr es wirklich nötig, auf Frauen loszugehen?"

Niemand sagte etwas. Der Wagen hielt. Die Frauen huschten hinaus, der Schweinskopf sah ihnen nach. Dann trat er näher und beugte sich langsam zu mir hinunter, bis seine Nase fast mein Gesicht berührte. "Verzeihen Sie, Sir. Können Sie mir erklären, was das soll? Wir waren hier mit diesen Damen in einer Konversation und Sie haben uns unterbrochen." Sein Atem roch nach Bier und Hackfleisch.

"Ihr seid peinlich"

In fast allen Londoner Bussen, Zügen und U-Bahnen sind Videokameras installiert. Die ganze Stadt ist voll davon. Das hält zwar keinen besoffenen, mit Drogen vollgepumpten Spinner davon ab, auf andere loszugehen. Aber wenigstens kann sich das Opfer die Hoffnung machen, dass der Spinner später erkannt, verfolgt und bestraft wird.

Ich kann mich täuschen - aber so angestrengt ich die Decke des Waggons absuchte, eine Kamera war nicht zu sehen. Der zweite Besoffene kam näher. Es ist eine dieser Situationen, in der man sich im Nachhinein in erschreckender Detailtiefe ausmalt, was man getan hätte, wenn man eine effiziente und extrem schmerzhafte Kampfsportart beherrschen würde.

Stattdessen geschah etwas Unerwartetes. Die schlafende Frau vom Ende des Wagens stand auf, setzte sich auf den freien Platz neben mir und sagte zu den beiden: "Alle in diesem Zug finden es furchtbar, was ihr hier abzieht. Ihr seid peinlich." Der Fettsack lachte dreckig. "Warst du auf ner Uni? Du bist schlau, oder?"

Es ging eine Weile hin und her, bis der Zug an der Endstation ankam. Der Wagen leerte sich, bis ich mit der Frau und den beiden Kerlen alleine war. Sie stellten sich uns in den Weg, hielten uns fest, aber irgendwie konnten wir uns den Griffen entwinden. Wir verloren uns im Gedränge auf dem Bahnsteig.

Erst oben, an der Bushaltestelle traf ich sie wieder. Sie hieß Clare, war Anwältin und stammte aus Wales. Clare wirkte besorgt. Ich müsse das Schlimmste von London denken, sagte sie. Das ganze schien ihr unangenehm zu sein. Sie entschuldigte sich viermal, stieg in den Bus und fuhr davon.

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