Gewaltopfer Das Zürnen nach dem Schuss

Vor zweieinhalb Jahren wurden der Schauspieler Günter Lamprecht und seine Freundin von einem Amokläufer angeschossen. Sie kommen nicht darüber hinweg. Sie kämpfen für ihre Vorstellung von Gerechtigkeit ­ aber auf viel Verständnis treffen sie nicht.

Sie sollen Ruhe geben. Sie sollen es endlich gut sein lassen mit dieser blutigen Geschichte, die war schrecklich, ja sicher, aber irgendwann ist doch Schluss. Schließlich, jetzt reicht's allemal, er soll die Leute in Frieden lassen, auch wenn er ein Schauspieler ist, und ein berühmter noch dazu.

So etwa stand es in den Briefen, die Günter Lamprecht aus Bad Reichenhall bekam. Es sei Zeit zu vergeben, verlangte der Pastor, und ein Mädchen aus dem Ort war der Meinung, er solle sich nicht so blöd anstellen, es sei eben kein "Tatort", was ihm und Frau Amm damals passiert war, sondern Realität.

Echt, ja. Das Blut war echt. Es lief ihr aus der Brust, formte eine Lache unter ihrem Körper; es ist mein Blut, mein eigenes Blut, dachte Claudia Amm.

Lamprecht lag gleich daneben. Er suchte seine Arme, die lagen irgendwie woanders, und während er das dachte, hörte er sich brüllen wie im Staatstheater: "Ihr feigen Schweine! Holt uns hier raus! Meine Frau verblutet! Holt uns raus!"

Von ihr war nicht viel zu hören. Sie wimmerte nur, wie ein Kind. Sie schaute hoch zu diesem Himmel, der sehr blau war; komisch, dachte sie, so ist das also, wenn man stirbt. Anders, als man es sich vorstellt. Es war ­ einfach. Nicht kompliziert. Nur ein Gedanke: Überleben? Werde ich überleben? Ich glaube nicht.

Es war Wirklichkeit, natürlich war es Wirklichkeit, was an jenem 1. November 1999 im oberbayerischen Kurort Bad Reichenhall geschah. "Amoklauf", hieß es, so als ob dieses Wort eine Erklärung dafür wäre, dass ein 16-Jähriger ein Blutbad anrichtet, vier Menschen tötet und sich selbst. Als ob "Amok" ein Naturereignis wäre, wie ein Unwetter, das über die Welt hereinbricht und ertragen werden muss ­ und dann möglichst schnell vergessen.

Immer häufiger gibt es solche jungen Amokläufer, Halbwüchsige wie den 16-Jährigen aus Brannenburg, der seinen Schulleiter erschoss, den 16-Jährigen aus Meißen, der vor der Klasse seine Lehrerin erstach, oder den 14-Jährigen aus der Passauer Gegend, der seiner Cousine mit einer Axt den Schädel spaltete. Es herrscht dann immer großes Interesse, großes Entsetzen, und nach ein paar Wochen ist es vorbei.

Aber in Bad Reichenhall ist es nicht vorbei, immer noch nicht, das liegt an Günter Lamprecht und Claudia Amm. Sie finden nicht, dass sie einfach froh sein sollen, überlebt zu haben, und damit gut. Jemand muss schuld sein, denken sie. Sie kämpfen gegen öffentliche Meinungen und gegen Behörden, sie klagen sich von Instanz zu Instanz und treiben die Sache bis vors Bundesverfassungsgericht. Was sind sie, zwei Verletzte, die sich in ihrem Schmerz verrennen? Zwei Hartnäckige, die Recht haben in ihrer Verbissenheit, mit der sie wissen wollen: Wie kommt es, dass diese Gesellschaft junge Mörder produziert?

Lamprecht, das ist der Franz Biberkopf aus Fassbinders "Berlin Alexanderplatz". Das ist der raue Berliner, der so oft zerrissene Figuren verkörpert hat, Proletarier, Menschen im Abseits. Das ist der "Tatort"-Kommissar Markowitz, den er selbst erfunden hat und den er als Grübler spielte, ohne Pistole, mit viel Trauer und Wissen um den Lauf der Welt. 72 ist er heute und seit 20 Jahren mit Claudia Amm zusammen, die Mitte 50 ist und keine Fernsehberühmtheit, sondern mehr im Theater zu Hause; sie hat am Stuttgarter Staatstheater, am Hamburger Schauspielhaus, am Schauspielhaus Bochum gespielt. Tänzerin wollte sie früher werden und war immer gewohnt, "einen Körper zu haben, der sehr gut funktioniert". Bis zum 1. November 1999 jedenfalls.

Man sitzt mit Günter Lamprecht und Claudia Amm in ihrer Wohnung, hell und geräumig in einem Landhaus zwischen Köln und Bonn; man hat sie auf der Bühne erlebt und gedacht, wirkt doch normal, das alles, unbeschwert und professionell. Aber dann sitzen sie da über ihrem Kaffee und ihren Akten, und nichts ist normal. Sein Ärger nicht, wenn er manche Sätze spricht. Und nicht das Schwanken in ihrer Stimme bei bestimmten Wörtern; nein, das ist nicht normal.

Lamprecht hat eine Metallplatte im rechten Oberarm, jedes Mal piept es, wenn er im Flughafen durch den Detektor muss. Die linke Hand zuckt oft spastisch und schmerzhaft und ist dann zu nichts zu gebrauchen. Da drückt Narbengewebe auf den Nerv.

Bei ihr ist es die rechte Hand, die streikt. Sie übt, und sie hat sich daran gewöhnt, viel mit links zu kompensieren, auf der Bühne auch; und manchmal wickelt sie eine Binde um die kranke Hand und bringt das ein als Teil der Rolle, die sie spielt. Sie weint mehr als früher. Neulich, bei der Kosmetikerin, als dieses helle Licht von oben fiel, wie damals der helle Himmel, da lag sie plötzlich nicht mehr im Salon, sondern auf der Straße, unter sich das Blut.

Bei ihm sind es mehr die Träume. Nachts im Schlaf wird er oft erschossen, so ein-, zweimal die Woche kommt das vor.

Die Bilder vom Bluttag: Sie sind jederzeit abrufbar, sehr scharf, sehr nah. Ein später Herbsttag, strahlend blau. Lamprecht und Amm sind auf Theatertournee, "Vaterliebe" heißt das Stück, am Abend zuvor haben sie in Bad Reichenhall gespielt. Lamprecht hat Knieprobleme, er ist um 12 Uhr ins Krankenhaus bestellt.

Es ist 12.03 Uhr. Der schwarze Mercedes mit Lamprecht und Amm und dem Produktionsassistenten Dieter Duhme am Steuer fährt am Krankenhaus vor, eine ruhige Straße, Mehrfamilienhäuser mit Garten; es ist sehr still, denkt Lamprecht und wuchtet sich aus dem Auto. Der Schmerz kommt scharf und völlig unerwartet, etwas beißt in seinem Arm, er dreht sich um die eigene Achse und fällt. Hinten reißt Claudia die Tür auf, ihm zu helfen, sie schreit, sie ist getroffen, er wirft sich auf sie. Sie kriechen in Deckung, und während sie kriechen, schießt es weiter, auf die Hände des Fahrers, auf Lamprechts Arme, auf Claudia, ein Bauchschuss, sie rührt sich nicht mehr.

Polizei? Da ist Polizei. Ein Polizist hockt in der Nähe von Lamprecht, fragt: "Sie müssen die doch kennen. Warum schießen die denn sonst auf Sie?" Wut. Weiß glühende, fürchterliche Wut bei Lamprecht, auf diesen Uniformierten in schusssicherer Weste und auf den anderen, der aus der Deckung ruft: "Kriechen Sie zu mir!" Wie sollen sie kriechen? Claudia, die nur noch wimmert, in ihrem Blut?

Ein Sanitätswagen. Wird hergeschoben, im Schutz davon ein Sanitäter, Rudi Lorenz heißt er, aber das wird man erst später wissen, der nimmt sich zuerst Claudia Amm vor, Ersatzblut, Sauerstoff, Schmerzmittel.

Sie liegt da und schaut in den Himmel. Sehr wach. Schaut runter. Seltsam, denkt sie. Da liegt ein Walkie-Talkie im Blut. In ihrem Blut. Es quäkt. "Sofort raus aus der Gefahrenzone", quäkt es. "Am Arsch leckt's mi", sagt der Sani und macht weiter. Es schießt nicht mehr. Schießt schon länger nicht mehr. Der Retter flucht jetzt, soll doch jemand die Leute holen, aber dalli, sonst ist es für die Frau zu spät. Endlich: zwei Mann mit einer Trage.

Um 13.01 Uhr registriert das Krankenhaus Bad Reichenhall die Aufnahme der Patientin Claudia Amm. Eine halbe Stunde später liegt Günter Lamprecht im Salzburger Unfallkrankenhaus auf dem OP-Tisch. Er ist schwer verletzt, aber man weiß, er wird nicht sterben. Bei ihr dauert es noch Tage, bis die Ärzte sagen: Sie schafft's.

Wie kommt es, dass ein 16-Jähriger zum Mörder wird?

Sie hatten sich ja nicht in Gefahr begeben. Sie waren ins Krankenhaus gefahren, am helllichten Tag. Sie reden viel darüber, sie sind zu zweit, das doppelt das Leiden, ist aber auch ein Vorteil, denn keiner sagt dem anderen: Jetzt hab dich nicht so. Mit anderen Leuten ist das schwieriger. Anfangs bringen Mitmenschen einem Gewaltopfer meist sehr viel Verständnis entgegen, aber das gibt sich schnell. Es deprimiert schließlich, es nervt, dieses ständige Beschwören des Schrecklichen, die Umwelt will gern vergessen, dass es solche hässlichen Dinge gibt.

Es kann sich ja keiner vorstellen, wie es ist, wenn man herausgefallen ist aus der normalen Welt.

Alles ist möglich. Jederzeit. Man geht eine Treppe hinunter, irgendwo bei Freunden in einer Kleinstadt, ein Auto fährt vor, und der Fahrer guckt so komisch, man sagt: "Günter, wo ist hier Deckung? Wo verstecken wir uns?" Man fährt durch den Heimatort und muss durch eine Gruppe Jugendlicher, die provozierend die Straße versperren, man denkt: "Da vorne, ist das wieder so einer? Wieder so ein Martin P.?"

Das Gefühl, das Leben sei völlig unberechenbar geworden ­ es gilt, dieses Gefühl zu besiegen. Gründe zu finden, den Vorgang erklärbar zu machen: Wie kommt es, dass ein 16-Jähriger zum Mörder wird?

Der Täter ist tot, man kann ihn nicht mehr fragen. Martin P. blieb im Bett an jenem Morgen, als seine Eltern und die Schwester Daniela in einen Nachbarort zum Friedhof fuhren. Um 11.33 Uhr rief er seinen Freund Thomas an: "Kannst du gleich mal rüberkommen?" Kurz darauf begann sein Trip in den Wahn.

Er brach den Waffenschrank seines Vaters auf, nahm sich einen Colt Python .357 Magnum, eine Schrotdoppelflinte Kaliber 12/70, eine Büchse Marke Uberti, ein Ruger-Selbstladegewehr mit Zielfernrohr. Er schoss mal von der Küche, mal vom Schlafzimmer aus, tötete ein Nachbarehepaar, zielte auf Lamprecht, Amm und ihren Fahrer, traf einen Krankenhauspatienten, der eine Zigarette rauchen wollte, tödlich in den Kopf. Er verschoss mindestens 35 Patronen und stellte um 12.25 Uhr das Feuer ein.

Als gegen 18 Uhr endlich eine Spezialeinheit aus München die Wohnung stürmt, liegt Daniela tot im Flur hinter der Eingangstür, eine Plastiktüte vom Drogeriemarkt liegt daneben. Martins Körper wird in der Badewanne gefunden, die Schrotflinte, mit der er sich umgebracht hat, hat er noch in der Hand. Auch die Katze auf der Wohnzimmercouch ist tot.

Lamprecht, voll gedröhnt mit Medikamenten, liegt tagelang in der Klinik und kann nicht schlafen, er zählt die Leichen im Fernsehen, mal sind es 20, mal 30 pro Nacht. Er denkt an seinen Kommissar Markowitz, der nicht prügelt und schießt und den der SFB so nicht wollte, weil er ganz anders als Schimanski war. Und was das eigentlich aussagt über die Gesellschaft, in der er lebt.

Ruhe geben? Das hätten die wohl gern. Der Bürgermeister zum Beispiel, der an seinem Bett saß und ihm einen Bildband überreicht hat, natürlich denkt der an den Ruf seiner Kurstadt und die Übernachtungszahlen. Bossi fällt ihm ein, der Rechtsanwalt Rolf Bossi, den er vor 25 Jahren bei einem Dreh kennen gelernt hat, und Bossi sagte: "Wenn Sie mal Probleme haben, rufen Sie mich an."

Der Junge ist tot, aber wenn man ihn nicht mehr zur Verantwortung ziehen kann, heißt das, dass niemand Verantwortung trägt? Er hat Eltern. Er ist erzogen worden, irgendwie. Lamprecht will ­ nein, er will die Eltern nicht noch mehr büßen lassen. Aber einsehen, dass sie etwas falsch gemacht haben, das sollen sie schon.

Bossi wird engagiert, er formuliert eine "Strafanzeige wegen Beihilfe zum versuchten Totschlag", gegen Rudolf und Theresia P. Es sei das Anliegen von Amm und Lamprecht, schreibt er, "mit diesem Verfahren die erzieherische Aufgabenstellung des Elternhauses als Garant für eine positive Lebensentfaltung der in die Welt gesetzten Kinder festzuschreiben". Das Ziel sei, "zu verhindern, dass sich bestialische Tötungsmassaker als Generationenproblem verfestigen können".

Die Eltern, was sind das für Leute? Könnten sie gewusst haben, was in ihrem Sohn vor sich ging? Hätten sie es wissen müssen? Sind sie schuld daran? Sie reden nicht darüber. Nicht öffentlich jedenfalls.

Die Mutter: 43 ist sie heute und kommt vom Dorf, "eine Fleißige", sagen die Nachbarn. Sie geht putzen. Der Vater ist vier Jahre älter, war zwölf Jahre bei der Bundeswehr: ein Waffennarr. Zugschaffner ist er gewesen, Hausmeister und immer wieder arbeitslos. Zu Hause schraubt er am Auto herum oder geht in seinen Keller und schießt. Ist Mitglied in fünf Schützenvereinen, an die 20 Schießgeräte hat er im Haus. Die Nachbarn hören öfters Schüsse aus dem Keller. Und sie sehen ihn häufig mit einer Bierflasche in der Hand.

Der Junge: ein ängstliches Kind, ein Muttersöhnchen anfangs, später ein Einzelgänger, ganz anders als seine Schwester, die zwei Jahre älter und viel beliebter war. Man habe ihn viel gehänselt, sagt der einzige Freund, weil Martin einen leichten Buckel hatte und so komisch angewachsene Ohren, und maulfaul war er auch.

Später, mit 13 etwa, hat er den Vater als Vorbild entdeckt. Plötzlich zeigt er Waffenkataloge in der Schule herum, schwärmt von Pistolen, im Keller übt er mit seinem Vater, und auch auf den Schießstand darf er schon mal mit.

Als in der Schule der Nationalsozialismus behandelt wird, kriegt Martin leuchtende Augen. Hakenkreuze malt er jetzt dauernd, die imponieren ihm, diese Nazis. Die verstanden was von Waffen.

Ein Rechtsradikaler? Ein ehemaliger Freund berichtet, dass Martin Anschluss suchte an eine rechtsradikale Clique, aber die nahmen ihn nicht, weil er ihnen "zu schüchtern" war. "Cool", sagte er in der Schule, als er im April 1999 vom Massenmord in der US-Kleinstadt Littleton hörte, wo zwei Jungen zwölf Schüler und einen Lehrer exekutierten.

Er hat sich abgekapselt, immer mehr, spielte stundenlang mit seiner Playstation, und weder Vater noch Mutter interessierten sich dafür, was er da tat. Er muss immer sonderbarer geworden sein, und Daniela, so scheint es, hat etwas bemerkt. Martin sei "ein Depp", "ein Trottel", sagte sie öfters, und als sie in ihrer Schwesternausbildung lernte, was Psychosen waren, sagte sie einer Lehrerin, ihr Bruder habe so was wohl auch. Sie solle mit den Eltern darüber reden, riet die Lehrerin. Das tat Daniela, aber die Eltern, erzählte sie später, hätten nichts davon hören wollen. Daniela, sagt die Lehrerin, war sehr unglücklich deswegen.

Wollte Martin sich großtun an jenem Tag mit diesen Waffen, vor seinem Freund? Als der nicht sofort ankam, ist er da ausgerastet, hat er das als letzten Verrat erlebt in einer feindlichen Welt?

Vielleicht hat er zuerst die Katze erschossen. Vielleicht ist Daniela überraschend in die Szene geplatzt, sagte so etwas wie "du Idiot, was hast du getan" und wurde in seinem kranken Kopf zum Feind. Dann hat er der ganzen Welt den Krieg erklärt und überall Waffen postiert. Warum hat er aufgehört, um 12.25 Uhr? Weil es niemanden mehr gab, auf den er zielen konnte? Oder hat Lamprecht Recht, der glaubt, der Junge sei plötzlich aufgewacht aus seinem Wahn ­ habe plötzlich gehört, dass da draußen echte Menschen schrien und gemerkt: Das ist kein Spiel?

"Resident Evil 2 ­ Das Grauen kehrt zurück" heißt ein Computerspiel, das in seinem Zimmer gefunden wurde, mit Spielanleitung, persönlichen Notizen. Es steht auf dem Index der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften". Wer es spielt, muss auf möglichst blutige Weise menschenähnliche Wesen töten. Er muss auf diese Zombies schießen, bis Blut spritzt, bis sie zu Boden fallen, um in einer Blutlache zuckend zu sterben. Körper müssen zerfetzt werden. Blut schießt fontänenartig aus dem Leib.

Warum sich die Opfer im Stich gelassen fühlen

Von seinem Vater hat er den Umgang mit echten Waffen gelernt. Am Computer hat er geübt, wie man zielt. Martin habe die Grenzen nicht mehr gespürt zwischen Wirklichkeit und Wahn, glauben Amm und Lamprecht und glaubt auch der Medienforscher Werner Glogauer, der für sie, auf ihre Kosten, ein Gutachten verfasst hat zu Martin P. "Durch das fortgesetzte Spielen mit gewalthaltigen Computer- und Videospielen wird die Umwelt insgesamt als bedrohlich erlebt. Es kommt zum Realitätsverlust", schreibt Glogauer und beruft sich auf den amerikanischen Militärpsychologen Dave Grossman, der früher Soldaten ausgebildet hat und sich jetzt mit "Killology", der Wissenschaft vom Töten, befasst.

Grossman hat militärisches Schießtraining untersucht und die "Brutalisierung und Desensibilisierung", ohne die ein Soldat nicht die Hemmschwelle zum Töten überwindet. Er ist "auf einen erschreckenden Zusammenhang" gestoßen: "Wir setzen Teenager und Kinder genau denselben Mechanismen aus, die Berufssoldaten zum Töten konditionieren." Er berichtet von Elitesoldaten, die erstaunt sind, wie sicher und erbarmungslos Computerkinder schießen können ­ besser als mancher Berufsmilitär.

Eltern, darauf verweist Bossi in seiner Strafanzeige, haben nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Und vor allem der Vater habe darin "maßlos versagt".

"Spekulationen", sagt dazu Wolfgang Heitmeier, der Bad Reichenhaller Oberbürgermeister; er sagt es seufzend, er sagt, man werde doch "niemals wissen können, was den Jungen dazu brachte", und vielleicht, sagt er, sei das ja auch besser so. Er wolle ein "Miteinander". Natürlich wolle er gern Kontakt halten mit Lamprecht, mit dem er ja "gute Gespräche" am Krankenbett geführt habe, aber wie der das nun weitertreibt ­ der Bürgermeister seufzt.

Es ist einfach Pech mit diesen Prominenten. Ruhe geben, das sind die nicht gewohnt. Nicht nur die Eltern haben sie angezeigt, sondern auch noch die Polizei, wegen "unterlassener Hilfeleistung" ­ erfolglos zwar, die Anzeige wurde abgewiesen, aber Ärger gab es doch. Sie haben sich aufgeregt über die Polizisten, die sich nicht zu den Verletzten trauten, sie meinten, jemand hätte Warnschüsse abgeben müssen in Richtung des Todesschützen, sie fanden, man habe sie im Stich gelassen da draußen auf der Straße. Stocksauer war die Polizei, dieser Einsatz, beschwerte sich ein Sprecher der Polizeigewerkschaft, "war keine Filmszene, sondern brutale Realität".

"Da hat sich keiner hingetraut" sagt Rudi Lorenz, der Rettungssanitäter, der damals mutiger war als alle Polizisten und ohne den Claudia Amm jetzt tot wäre, aber Rudi Lorenz lebt in Bad Reichenhall und will das nicht als Kritik verstanden wissen an den Beamten in seiner Stadt.

Ja, eine Medaille hat er später gekriegt, "so ein Blechding", aber "ehrlich gesagt, das ging mir am Arsch vorbei". Wichtig sei, dass die Leute leben. Einmal ist er ihnen begegnet; heftig umarmt hat sie ihn, die Frau Amm, und geweint, das habe wirklich echt gewirkt. "Obwohl sie doch eine Schauspielerin ist."

Man sieht sie als sonderbare Menschen an, ein bisschen ist es so, als ob man ihnen, den Schauspielern, die echte Not nicht glaubt. Hässliche Gerüchte kursieren im Ort. Der Lamprecht müsse sich wichtig machen. Er habe wohl den Kommissar spielen müssen, deswegen sei er mitten reingebrettert ins tödliche Geschehen.

Ihm sei "die Wiedereingliederung" des Ehepaars P. am wichtigsten gewesen, sagt der Bürgermeister. Dem Mann hat er eine Stelle als Hilfsarbeiter beschafft, und für die Frau sei er einer der wenigen, mit denen sie spricht über die Tat ihres Sohns.

Ja doch, das Ehepaar P. lebt noch in der Stadt, in derselben Straße, in derselben Wohnung sogar. Im Garten steht der Gartenzwerg, den Martins Vater angeschafft hat, der ist halbnackt und pinkelt in ein Bassin. Junge Sträucher wachsen unter Plastikhauben, von der Hausfrau sorgsam gegen den Nachtfrost geschützt.

Sie sind geblieben, weil Frau P. fand, sie könne ja doch nirgends neu anfangen. Muss das nicht eine fürchterliche Folter sein?

Man denkt an diese Mutter, die damals mit Rosen im Krankenhaus stand, sie hatte einen Brief für Amm und Lamprecht dabei. Man könne die Dinge nicht ungeschehen machen, schrieb sie. Es tue ihr unendlich Leid. Diese Mutter lebt jetzt weiter in dieser Wohnung, sie sieht jeden Tag den Flur, in dem ihre tote Tochter lag, jeden Tag die Badewanne, in der sich der Sohn erschoss.

Man denkt an den Vater, der die Waffen liebt und der mit dem Sohn das Schießen übte; ob er wohl heute findet, er habe etwas falsch gemacht? Seine Waffen haben sie ihm weggenommen. Er wollte sie wiederhaben, wollte klagen und hat die Klage im letzten Moment zurückgezogen, auf öffentlichen Druck. Darf man ihn für schuldig halten?

Man soll es nicht, findet der Bürgermeister. "Unangenehm berührt" sei er davon, wie Lamprecht und seine Lebensgefährtin nicht lockerlassen. Jetzt will Lamprecht auch noch eine öffentliche Podiumsdiskussion in der Stadt, hat der noch immer nicht genug? "Gar nichts, rein gar nichts" hält der Bürgermeister davon.

"Wir lagen 50 Minuten da draußen. Immer dieser Himmel im Blick. Ich habe immer gedacht, guck dir das genau an, bald ist es vorbei."

Ein Schauspielerpaar über seinen Akten. Lamprecht, die Wut wieder wachrufend, wundert sich. Warum weder er noch Amm noch der Fahrer etwas von einem Beamten sehen konnten, der mitten auf der Straße gestanden und gewarnt haben soll. Warum niemand brüllte, Warnungen brüllte, als er ahnungslos aus dem Auto stieg. Warum es nicht möglich war, die drei Verletzten früher zu bergen. Amm grübelt über der Aussage eines Polizisten, die sie "unfassbar" findet: Ein Arzt, "Name unbekannt", habe ihm gesagt, "dass eine unbedingte Bergung in dieser Situation nicht nötig war". Denn die Verletzten waren ja "noch ansprechbar".

Die Sache mit der Polizei haben sie auf sich beruhen lassen, aber die mit den Eltern ­ das ging nicht. Da ist diese Erklärung der Traunsteiner Staatsanwaltschaft, die sie so empörend finden: Der Amoklauf könne "nicht durch rechtsradikales Gedankengut des Täters oder den Konsum gewaltverherrlichender Medien erklärt werden". Er sei "auf einen eigenverantwortlichen Entschluss des 16-jährigen Jungen zurückzuführen".

Es folgte die Beschwerde gegen die Ablehnung, die Ablehnung der Beschwerde, der Klageerzwingungsantrag, die Ablehnung des Klageerzwingungsantrags, schließlich: die Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht. Ein unendlicher Instanzenweg, der Geld kostet, Nerven kostet; ist da nicht manchmal der Verdacht, man könne zum Kohlhaas werden? Der Wunsch zu sagen: Lass es vorbei sein? Komm, es ist vorbei?

Es ist nicht vorbei. Es ist eben nicht normal, wenn im Theater ein Scheinwerfer platzt, dass gestandene Schauspieler ihr Spiel unterbrechen und Deckung suchen, wie vor einem Schuss. Sie mag ihn nicht mehr sterben sehen, im Film und auf der Bühne. Er lässt sich nicht mehr gern erschießen. In "Epsteins Nacht", den er jetzt gedreht hat, stand das im Drehbuch ­ es ging auch. Irgendwie.

Es fehlt ein Schlusspunkt, und der, das haben sich beide gewünscht, hätte ein Prozess sein sollen. Eine öffentliche Verhandlung, in der man sagen kann: So war das, Herr Richter, nun entscheiden Sie.

Sie fühlen sich im Stich gelassen, beide, von den Behörden, der öffentlichen Meinung, dem Staat, der eine kleine Opferrente gibt, 190 Euro für Lamprecht, 400 für Amm, das war's. Die Berufsgenossenschaft will nicht zahlen, weil der kurze Umweg zum Krankenhaus nicht von der Versicherung abgedeckt sei. Die Unfallversicherung will eventuell ihr etwas zubilligen, weil sie die Verletzung erlitt, als sie Lamprecht zu Hilfe kam. Er aber hatte die Wunden schon, bevor er ihr half. Also kriegt er nichts.

Zu Hause liegt der Bescheid vom Bundesverfassungsgericht, Unterschrift: Jutta Limbach und Kollegen ­ der Klageerzwingungsantrag gegen die Eltern P. bleibt abgelehnt. "Diese Entscheidung ist unanfechtbar", heißt der letzte Satz.

Immer noch suchen sie der Tat einen Sinn zu geben, wenn das geht. Zu verhindern, dass solch ein fürchterlicher Vorgang wieder und wieder passiert. Vielleicht, das hoffen sie jedenfalls, braucht es Menschen wie sie in ihrer Gekränktheit, die auf Aufklärung bestehen. Martin ist ja kein Einzelfall. Weiß man, fragt Lamprecht, wie viele Söhne und Töchter gerade in ihren Kinderzimmern das Töten trainieren?

Ein Erfolg wäre ja schon, wenn ein paar Leute mehr auf den Militärpsychologen Grossman hörten. Wenn ein paar Eltern mehr die Türe zum Kinderzimmer öffneten, um nachzuschauen, was das Kind da treibt. Lamprecht denkt viel an Waffen und an Computerspiele, träumt davon, die Verantwortlichen dafür "am Arsch zu kriegen, dass Kinder zu Mördern werden".

Auf dem Friedhof St. Zeno liegen jetzt Martin und Daniela, der Täter und das Opfer, nebeneinander begraben. Ein Strauß frischer gelber Tulpen leuchtet auf dunkler Erde. Der Stein trägt nur zwei Namen, zwei Geburtsdaten und ein Sterbedatum, keinen Spruch. Welcher Spruch könnte auch trösten, an so einem Grab.

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