Ghana im Achtelfinale "Ihr seid unsere Helden"

Immerhin: Eine afrikanische Mannschaft hat es bis ins Achtelfinale geschafft. Der Kontinent ist stolz auf Ghana. Doch gleichzeitig melden sich auch schlechte Verlierer zu Wort. Selbst von sportlichen "Auftragskillern" aus Europa und Südamerika ist die Rede.

Von , Nairobi


Nairobi - "Als Debütanten war eure Aufgabe beim Spiel gegen den fünfmaligen Weltmeister enorm, aber ihr habt solch einmaligen Mut und Brillanz gezeigt, dass ihr zweifellos zu Siegern in der Niederlage wurdet." Das schrieb Ghanas Präsident John Agyekum Kufuor seiner Mannschaft in einem Telegramm nach der 3:0-Niederlage gegen die überlegenen Brasilianer: "Ihr seid unsere Helden, und wir lieben euch alle."

Der Präsident des westafrikanischen Landes, das es fertigbrachte, bislang viermal den Cup of African Nations zu gewinnen, sich jedoch erst einmal für die Endrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, bringt die Gefühle des Kontinents ganz gut auf den Punkt. Sie sind der "Stolz Afrikas", auch wenn sie gegen Brasilien chancenlos waren.

Ansonsten hält sich die Fußballbegeisterung diesmal in Grenzen. Die meisten Afrikaner sind davon überzeugt, dass sich für dieses WM-Turnier nicht die besten afrikanischen Mannschaften qualifizierten, und ohne die unbezähmbaren Löwen aus Kamerun und die Super Eagles aus Nigeria ist aus afrikanischer Sicht jedes Turnier ein bisschen fad. Wenn man kein Glück hat, kommt ja, wie die Fußballweisheit besagt, oft noch das Pech dazu.

Diesmal traf es die Mannschaft der Elfenbeinküste mit ihrem Chelsea-Star Drogba, die ausgerechnet gegen Holland, Argentinien und Serbien kicken und erwartet früh nach Hause fahren musste. Nun bleibt die Angst. Traditionell fühlen sich die Afrikaner missverstanden und benachteiligt. Nun haben sie die Sorge, dass man ihnen einen Startplatz fürs nächste Turnier, das 2010 in Südafrika stattfinden soll, streicht, um den dann ein Ausscheidungsspiel mit Asien stattfinden könnte.

"Afrikaner haben die WM im Glanz erstrahlen lassen"

Dahinter werden in Afrika "Machtspiele der Fifa" gewittert, die Asien bevorzugen, obwohl dort "Fußball immer noch eine Neuheit ist". Denn eigentlich müsste es genau andersherum sein. "Natürlich verdient Afrika mehr Startplätze", schreibt der Sportkolumnist der in Nairobi erscheinenden "Daily Nation", Sulubu Tuva. "Die afrikanischen Mannschaften haben die Weltmeisterschaft im Glanz erstrahlen lassen: mit ihrer nahezu perfekten Mischung aus afrikanischer Widerstandsfähigkeit, lateinamerikanischem Gespür und deutscher Organisation."

Warum sie dann so schnell ausgeschieden sind, verrät der Autor seinen Lesern leider nicht. Es könnte ja auch daran liegen, dass Ghanas Spieler partout das Tor nicht treffen wollten oder einer es vorzog, wegen einer Schwalbe auszuscheiden, als seine Sportskameraden seine Mithilfe noch gebraucht hätten. Man könnte ja einmal Togos Trainer Otto Pfister fragen. Der war schon vor dem ersten Spiel kurz davor hinzuwerfen, weil der Sportverband des Landes die Prämien nicht ausschütten wollte, die den Spielern für ihre sensationelle Teilnahme am Turnier zuvor versprochen worden war. Und auch Henry Michel, der Coach der Elfenbeinküste, hat erst einmal genug vom afrikanischen Chaos und flugs seinen Job gekündigt. Ach, Afrika.

Doch wer trägt nun die Verantwortung für die Misere der afrikanischen Teams? "Die Tatsache, dass der Erfolg deren mutige Darbietungen nicht begleitet hat, liegt daran, dass Afrikaner den angeborenen Wunsch haben, nicht durchschnittlich zu sein", verrät die "Nation" aus Kenia ihren Lesern: "Im Gegensatz dazu haben andere jeden Rhythmus und jede Anmut verloren. Die Auftragskiller." Brasilien, Argentinien, Deutschland, Portugal et cetera also, die nun unter sich bleiben und sich weiter am Spiel freuen können, während Afrika, wieder einmal, unter der Ungerechtigkeit der Fußballwelt leidet, die nur Tore zählt statt Haltungsnoten zu vergeben.



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