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Brandkatastrophe: Bloß weg aus Moskau

Foto: SERGEI KARPUKHIN/ REUTERS

Giftiger Smog Moskauer flüchten vor Bränden ins Ausland

Moskau liegt unter einer giftigen Smogdecke. Wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt. Die Zahl der Toten soll rapide gestiegen sein - doch die Behörden versuchen offenbar, die wahre Zahl der Opfer zu vertuschen.

Auf der Straße Perejaslawskij Pereulok im Norden von Moskau treibt der Wind am Sonntagnachmittag heißen, stinkenden Rauch vor sich her. Eine ältere Dame lehnt schwer atmend an einer Hauswand und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Was sollen wir nur machen?", fragt sie. "Man kriegt keine Luft mehr hier!"

Auch in ihrer Wohnung sei es unerträglich heiß, klagt die Frau im schwarzen Kittelschürzenkleid, die ihren Namen nicht verraten will. Dann presst sie ein Taschentuch vor den Mund und wankt weiter - nach Hause. Dabei wäre ein wenig Linderung zum Greifen nah gewesen.

Gleich nebenan, im Haus Nummer 6, dem Sozialzentrum des Stadtteils, befindet sich einer der 123 Smog-Erholungsräume, die die Stadt Moskau an diesem Wochenende eingerichtet hat. Nur leider weiß niemand davon.

Temperaturen über 38 Grad

Auch am Eingang gibt es keinen Hinweis, der Pförtner ist nicht informiert. Es braucht Hartnäckigkeit, um die ersehnte Oase zu finden, den Konferenzraum 225 im ersten Stock.

Hier läuft tatsächlich die Klimaanlage auf Hochtouren, man kann von morgens 9 bis abends 21 Uhr auf lachsfarbenen Stühlen sitzen, fernsehgucken und Tee mit Zitrone und Salz trinken. Der Raum ist leer.

"Am Vormittag hatten wir neun Gäste", erklärt Ljubow Malazina, die stellvertretende Direktorin des Zentrums. "Sie haben sich schlecht gefühlt daheim und sind zu uns gekommen." Warum nur so wenige? "Es ist schwer, die älteren Leute zu informieren", räumt Malazina ein. Die Information stehe zwar auf ihrer Website, aber das nütze natürlich nicht viel.

Seit Tagen liegt Moskau unter einer Decke aus Rauch und Smog, die der Südwestwind von den brennenden Torffeldern vor der Stadt bis ins Zentrum fegt. Zwischenzeitlich überstieg die Konzentration des Kohlenmonoxids in der Luft den zugelassenen Grenzwert um das Siebenfache, die Temperaturen steigen tagsüber auf mehr als 38 Grad, nachts wird es kaum kühler.

Flucht nach Montenegro, Ägypten, in die Türkei

Hunderte Moskauer haben sich bereits wegen Atembeschwerden und Kreislaufproblemen behandeln lassen. Das Leben in der russischen Hauptstadt ist unerträglich geworden und Besserung nicht in Sicht. Frühestens am Mittwoch, so sagen Meteorologen voraus, wird der Wind drehen und der Smog etwas weichen.

Die Feuer auf den Torffeldern breiten sich unterdessen weiter aus, obwohl die Rettungskräfte inzwischen rund um die Uhr arbeiten. Wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt.

Unter den ersten Flüchtlingen waren vor allem ausländische Geschäftsleute und Diplomaten. Viele Botschaften, darunter auch die deutsche, haben geschlossen. Polen, Österreich und Kanada haben Mitarbeiter ihres diplomatischen Dienstes, vor allem solche mit Kindern, sogar in die Heimatländer zurückgeschickt.

Zum Wochenende stürmten dann auch die normalen Moskauer die Reisebüros. Reiseveranstalter meldeten fast ein Viertel mehr verkaufte Flugtickets. Reisen in die Türkei, nach Montenegro und Ägypten, Destinationen, für die Russen kein Visum benötigen, waren am schnellsten ausverkauft.

Das Flugticket in der Tasche bedeutete allerdings noch lange nicht die Rettung.

Wegen stark eingeschränkter Sichtverhältnisse an den Moskauer Flughäfen, vor allem am südlich gelegenen Domodjedowo, mussten zahlreiche Flüge umgeleitet werden oder konnten nur mit großer Verspätung starten. Allein im Flughafengebäude von Domodjedowo, wo zu allem Übel die Klimaanlage ausfiel, hockten 2000 Reisende schwitzend auf ihren Koffern.

Auch an den Bahnhöfen gab es lange Schlangen. Tausende sind aufs Land geflohen, Richtung Norden vor allem, wo es keine Feuer und keinen Rauch gibt. Marina Koroljowa will sogar noch weiter weg, ans Schwarze Meer.

"Die Kühlboxen für die Leichen sind voll"

Die 19-Jährige sitzt am Bjelorusskij Bahnhof auf gepackten Rucksäcken. Mit dem Zug soll es nach Simferopol gehen, in die Ukraine. Geplant war der Urlaub nicht. "Ich habe eigentlich gar keine Zeit, jetzt wegzufahren", sagt die dunkelhaarige junge Frau. "Aber wir halten es nicht mehr aus."

Diejenigen, die die Stadt nicht verlassen können, sehen schweren Tagen entgegen. Von Seiten der Moskauer Autoritäten gibt es nur hilflose Ratschläge. Der oberste Amtsarzt des Landes empfahl den Bürgern, zu Hause zu bleiben, häufig zu duschen und nicht zu rauchen. Hausfrauen sollten öfters feucht den Boden wischen. Olga und Katja können darüber nur lachen. "Der Rauch ist überall, zu Hause ist es nicht auszuhalten. Wir sitzen deshalb schon den halben Tag hier", erzählt Olga, 17. Die Schülerin sitzt mit ihrer Freundin Katja in einem gut gekühlten Fastfood-Restaurant. Von den neuerdings eingerichteten Smog-Erholungsräumen haben auch sie noch nichts gehört.

Ein Moskauer Krankenhausarzt berichtete im Internet, die Zahl der an Herzschlag und Atemwegserkrankungen gestorbenen Menschen sei rapide angestiegen. "Die Kühlboxen für die Leichen sind voll." Allerdings seien die Mediziner - wie zu Sowjetzeiten üblich - angewiesen worden, die Todesursachen zu verschweigen.

"Wir dürfen die Diagnose nicht nennen. Wir wollen nicht entlassen werden, weil wir Familien zu ernähren haben", schrieb der Arzt anonym auf einer Internetseite. Ein anderer Arzt, der seinen Namen ebenfalls nicht genannt wissen will, berichtete von ähnlichen Vorgaben. Die Stadtverwaltung lehnte eine Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.

Oberbürgermeister Luschkow brach Urlaub zunächst nicht ab

Während sich ganz Moskau im Ausnahmezustand befindet, zeigt sich ausgerechnet der Bürgermeister, Jurij Luschkow, ungerührt. Er hielt es zunächst nicht für nötig, seinen Urlaub zu unterbrechen. "Haben wir ein Problem in Moskau? Nein, wir haben ein Problem im Umland", zitierten russische Medien seinen Pressesprecher.

Später hieß es, Luschkow habe sich eine Sportverletzung zugezogen und könne deshalb nicht ins geplagte Moskau zurückkehren. Am Sonntag schließlich meldeten die Medien die geplante Rückkehr des Oberbürgermeisters, der seit 1992 im Amt ist.

Gegen Luschkow regt sich nicht nur wegen seiner streng konservativen Ansichten immer wieder Kritik - mehrfach verbot er die Schwulen- und Lesbenparade "Moscow Pride" und bezeichnete Homosexualität als "unnatürlich". Auch seine technischen Einfälle sind berüchtigt. Gegen den starken Schneefall im vergangenen Winter wollte der 73-Jährige Kampfflugzeuge einsetzen, die die Schneewolken mit einem chemischen Wirkstoff attackieren sollten. Hausmeister, so sein Rat, sollten gegen Eiszapfen mit Laserkanonen vorgehen.

Bleibt abzuwarten, mit welchen kreativen Vorschlägen Luschkow den Smog bekämpfen wird.

Mit Material von Reuters
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