Etrusker-Artefakt aus Giglio Die Helmpflicht

Ein unschätzbar wertvoller Etrusker-Helm wird Anfang der sechziger Jahre von der kleinen Toskana-Insel Giglio nach Deutschland verschleppt. Nun fordert der Bürgermeister die Rückgabe - auch als Anerkennung für die generöse Hilfsbereitschaft der Inselbewohner nach der Havarie der "Costa Concordia".

Giuseppe Modesti for Giglionews and Agenziaimpress.it

Aus Giglio Porto berichtet


Eigentlich ist der englische Tauchlehrer Reg Vallintine schuld. Er fand 1961 in einer tiefen Bucht vor der idyllischen italienischen Insel Giglio die Relikte eines vermutlich korinthischen Schiffes aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Eine Sensation für Archäologen. Für Vallintine und seine Tauchschüler ein phantastisches Unterwasserziel, bei dem es viel zu entdecken, und wohl auch manches mitzunehmen, gab. Den größten Fund machte der deutsche Hobbytaucher Heinz Franz Gradl.

Im Juli 1962 kam er mit einem etruskischen Bronzehelm vom 50-Meter-Tiefgang zurück. Er wurde später von Fachleuten als schönster und wertvollster Helm jener Epoche eingestuft. Versteckt unter Muschel- und Kalkablagerungen fanden sich feinste Muster und Ziselierungen. Vallintine konnte gerade noch eine kleine Skizze anfertigen, eher Gradl mit dem Helm nach Deutschland verschwand.

Das versunkene Schiff und seine Schätze hat die Wissenschaft seither immer wieder beschäftigt. 20 Jahre förderte etwa der britische Archäologe Mensum Bound mit einem Team der Universität Oxford nicht nur das kostbare Wrack vor Giglios Küste zu Tage - Zentimeter um Zentimeter, fünf Jahre lang - sondern auch den verschwundenen Helm. Er telefonierte mit Hunderten, vielleicht auch Tausenden Deutschen, die Gradl hießen - und irgendwann wurde er fündig.

Unter dem Versprechen, nichts zu offenbaren, durfte der Wissenschaftler die Beute des Tauchers sehen, fotografieren, ja er durfte den Helm sogar aufsetzen und sich darin knipsen lassen. Dann kam das kostbare Stück wieder in das Schließfach einer Bank in Hamburg - und ward seither nie mehr gesehen. Gradl verstarb wenig später und die Suche nach Verwandten, Erben blieb vergebens.

Man kann doch über alles reden, sagt der Bürgermeister

"Die deutsche Polizei hat den Helm gesucht, die italienischen Carabinieri - alles erfolglos," berichtet Sergio Ortelli, der Bürgermeister von Giglio. Aus dem Fenster seines Büros, hoch oben im Ortsteil Castello, sieht man hinunter auf den Hafen von Giglio. Gleich daneben, nur wenige Meter vor den Küstenfelsen entfernt, liegt das gestrandete, auf die Seite gekippte Unglücksschiff "Costa Concordia". Mehr als 3000 Passagiere und etwa tausend Besatzungsmitglieder waren an Bord, als Kapitän Francesco Schettino den Luxusliner am 13. Januar in die Katastrophe fuhr. 32 Menschen starben, darunter zwölf deutsche, zwei Passagiere werden noch vermisst.

Wer sich auf die Insel retten konnte, wurde von den Bewohnern mit Essen, Getränken, Jacken und Decken versorgt. Der Ortspfarrer verteilte sogar Messgewänder und Altardecken, um die Schiffbrüchigen zu wärmen. "Generös und solidarisch" haben sich die Bevölkerung seiner Insel verhalten, findet der Bürgermeister. Jetzt hofft er auf eine Gegenleistung.

"Der Helm gehört nicht in ein Schließfach", sagt er, "ein solch einmaliges Stück ist Eigentum der gesamten Menschheit" - repräsentiert in diesem Falle von der 1500 Einwohner zählenden Inselkommune Giglio. "Er gehört in unser kleines Museum!"

Drum hat Sergio, wie ihn hier fast alle nennen, jetzt - genau 50 Jahre nach der frevelhaften Tat - die wichtigsten Figuren des Etrusker-Krimis zu einer Feierstunde mit Reden und klassischer Musik ins Museum eingeladen, unter ihnen auch Reg Vallentine und Mensum Bound. Bei der Veranstaltung wurde eine Bronzekopie des verschwundenen Helmes enthüllt.

Sie hoffen auf eine Touristenattraktion

Das Bild soll als Mahnung um die Welt gehen und dem Besitzer ein schlechtes Gewissen bescheren. Mensum Bound hat dem Bürgermeister verraten, dass er "wahrscheinlich ein deutscher, möglicherweise auch ein englischer Kunstsammler" ist - woher er das weiß, hat er nicht gesagt. Man könne über alles reden, bietet der Sindaco, der Bürgermeister an. Der Besitzer müsse keine juristischen Konsequenzen mehr fürchten, er könne sogar Helmeigner bleiben - "nur hierher soll er ihn bringen und hier ausstellen!" Sogar einen Brief an den deutschen Botschafter in Rom hat der rührige Ortsvorsteher schon geschrieben, um auch auf diplomatischen Kanälen seinen Appell nach Deutschland zu tragen.

"Nein, ich bin nicht sicher, dass mein Appell erhört wird", sagt Signor Ortelli, 56, weißhaarig gelockt, mit einem Goldkettchen im Hemdausschnitt. Warum sollte ein Kunstsammler ein derartiges Stück, was zudem "sicher viele viele Millionen Euro wert ist" einfach so herausrücken? Weil alle übrigen Möglichkeiten ausgereizt seien, so Ortelli, bliebe nur sein Appell. "Vielleicht rühren wir ja doch das Herz des Helmbesitzers", hofft er. Und schwärmt von der "großen Touristenattraktion", die das Etrusker-Stück wäre, "wenn es hier zu sehen wäre".

Einstweilen muss Giglio weiter mit der "Costa Concordia" vorlieb nehmen. Der Katastrophentourismus ist zwar deutlich zurückgegangen. Aber noch immer ist das fast 300 Meter lange, einst 57.000 PS-starke Schiff, das neben der Hafeneinfahrt hilflos auf der Seite liegt, eine Attraktion, die pausenlos von Wasser wie von Land geknipst und gefilmt wird.

In diesen Wochen wird es für seine letzte Fahrt zurechtgemacht - zum Abwracken. Das Manöver ist riskant. Geht eine Winzigkeit schief, zerbricht der Koloss oder versinkt in der Tiefe. Und die Sterne standen noch nie besonders gut für das Traumschiff. Schon seine Taufe am 7. Juli 2006 im Hafen von Civitavecchia ging gründlich daneben: Das tschechische Top-Model Eva Herzigova knallte die Schampusflasche zwar ordnungsgemäß gegen die Bordwand, aber die Flasche ging nicht zu Bruch.

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